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Mittwoch, 06. Juni 2018

Astro-Alex hebt ab: "Beim Start zittern die Beine"

Von Kai Stoppel

Deutschland schaut nach Kasachstan, wo der deutsche Astronaut Alexander Gerst erfolgreich zur Raumstation ISS aufbricht. Sowohl vor Ort als auch in Tausenden Kilometern Entfernung zieht das Ereignis Menschen in ihren Bann.

Nur wenige Menschen haben schon mal den Start einer Rakete miterlebt. "Man sieht eine Explosion. Dann folgt eine Staubwolke. Man spürt ein Zittern in den Beinen", berichtet n-tv-Reporter Carsten Lueb. Er ist an diesem Tag der Startrampe ganz nah - bei mehr als 35 Grad in der kasachischen Halbwüste, zig Kilometer nördlich der Weltraumstadt Baikonur. Ein grau-weiß lackiertes Ungetüm aus Metall, vollbeladen mit hochentzündlichem Teibstoff, erhebt sich langsam von der Startrampe in den Himmel. Auf seiner Spitze das Sojus-Raumschiff mit dem deutschen Astronauten Alexander Gerst an Bord, der in Richtung Internationale Raumstation (ISS) zur Esa-Mission "Horizons" aufbricht.

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4500 Kilometer entfernt, im Zeiss Großplanetarium in Berlin, verfolgt die Esa-Astronautin Samantha Cristoforetti gemeinsam mit Hunderten Besuchern den Start live auf der riesigen Kuppel. Kurz bevor es losgeht, spürt man eine nervöse Anspannung unter den Gästen, es wird still im großen Rund. Dann ticken auf den Bildschirmen die letzten Sekunden hinunter, aufgeregt zählt das Publikum mit. Eine Stichflamme, nicht so viel Rauch, wie man vielleicht denken würde. Dann hebt die Sojus-Rakete ab. "Schöner Start", kommentiert Cristoforetti, als sich das Gefährt mit Gerst an Bord langsam in den leicht bewölkten Himmel erhebt.

Vor Ort in Baikonur ist n-tv-Reporter Lueb erstaunt: "Das Faszinierende ist, dass sich die Rakete ganz langsam erhebt." Nicht wie eine Silvesterrakete. Warum das so ist, erklärt Cristoforetti dem Publikum in Berlin. Die Rakete sei am Anfang noch sehr schwer, rund 300 Tonnen wiegt sie. Erst nach und nach leerten sich die Treibstoff-Tanks und das Gefährt gewinne an Geschwindigkeit. "Es ist am Anfang so langsam, man merkt gar nicht, dass man gestartet ist", sagt die 41-Jährige, die im Jahr 2014 selbst aus Baikonur zu einer Langzeitmission auf der ISS aufgebrochen war.

Sound wie ein Düsenjäger

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Die erste Italienerin im All kann daher auch aus eigener Erfahrung berichten, wie es sich anfühlt, an der Spitze einer dieser Kraftmaschinen zu sitzen. "Das größte Gefühl bei mir war Freude, aber auch Entspannung." Schließlich habe sie lange und hart auf diesen Moment hingearbeitet. "Ich habe mich gefreut auf das, was auf mich zukam." Nach nur wenigen Sekunden ist von der gestarteten Rakete, mit der Gerst ins All unterwegs ist, nur noch ein Feuerschweif zu sehen. Dann werden die Booster abgesprengt und drehen sich seitlich weg. "Da!", ruft einer aufgeregt aus der Menge. Im Planetarium brandet Applaus auf.

In Baikonur selbst ist nach etwas mehr als einer Minute mit bloßem Auge nichts mehr zu erkennen. "Es ist etwas, worauf man tagelang hinarbeitet, sich tagelang freut. Und dann ist es ganz schnell vorbei", erzählt n-tv-Reporter Lueb. Aber das Röhren der Triebwerke ist noch zu hören. "Die Rakete hat einen Sound wie ein Düsenjäger." Im Berliner Großplanetarium zeigen die Onboard-Kameras der Raumkapsel unterdessen, wie sich auch die zweite Stufe der Rakete von der Sojus-Kapsel mit Gerst an Bord trennt. Die Krümmung der Erde ist im Hintergrund zu erkennen. "Jetzt sind sie in der Schwerelosigkeit angekommen", kommentiert die italienische Astronautin.

Mit dabei an diesem Tag ist auch Gerd Kraft, Direktor für Raumfahrtprogramm beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Das ist schon etwas ganz Besonderes, wenn ein Deutscher startet", sagt er n-tv.de. Der spannendste Augenblick des Fluges sei mit dem Start gemeistert - "Was jetzt noch kommt, etwa das Andocken an der ISS, ist Routine."

Erster Statusbericht aus dem All

Bis zur Ankunft an der Raumstation müssen sich Gerst und seine Begleiter, der Russe Sergej Prokopjew und die US-Amerikanerin Serena Auñón-Chancellor, allerdings noch zwei Tage gedulden. 34 Mal wird die Crew die Erde umrunden, bis sie am Raumlabor andockt. Zwar können Flüge bis zur ISS mittlerweile auch in sechs Stunden absolviert werden, wenn man zum richtigen Zeitpunkt abhebt. Das war diesmal jedoch nicht der Fall und die Crew muss den traditionellen, langen Weg nehmen.

Zumindest verläuft der Flug ihres Raumschiffs genau nach Plan, wie Dmitri Rogosin, Chef der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, etwas später mitteilt. "Das Raumschiff befindet sich auf der Umlaufbahn, die (Solar-)Batterien sind ausgefahren. Der Besatzung geht es normal. Die Mission hat ihre Arbeit begonnen."

Für Alexander Gerst wird ab Freitag die Arbeit so richtig losgehen. Bei rund 300 Experimenten aus aller Welt wirkt er während seines halben Jahres an Bord der ISS mit. Langweilig wird ihm dabei sicher nicht. Im Herbst wartet auf Astro-Alex, wie er sich selbst auf Twitter nennt, dann eine besondere Herausforderung: Als erster Deutscher wird er das Kommando auf der ISS übernehmen.

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Quelle: n-tv.de