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Raketenstarts mit gehörig Risiko China, die rücksichtslose Weltraummacht?

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Der Start ist sogleich das Ende einer "Langer Marsch 5B".

(Foto: picture alliance/dpa/XinHua)

Ende April bringt China das Kernmodul für seine erste eigene Raumstation ins All. Doch darüber redet niemand. Stattdessen schaut die Welt auf die Rakete, die unkontrolliert zur Erde taumelt. Absichtlich, denn um seinen Raumfahrtrückstand aufzuholen, scheint China abzukürzen.

Im Mai 2020 werden mehrere Häuser in der Elfenbeinküste beschädigt. In einem Dorf entdecken die Einwohner einen der Übeltäter: Sie finden ein etwa zehn Meter langes Metallteil in einem Baum. Ein Überrest der modernsten chinesischen Großrakete "Langer Marsch 5B", die unkontrolliert aus dem Weltraum zurück auf die Erde gefallen ist.

Pünktlich zum einjährigen Jubiläum könnte sich der Vorfall nun wiederholen. Eine weitere Rakete des gleichen Typs hat vergangene Woche das Kernmodul für die erste chinesische Raumstation namens "Himmelspalast" ins All gebracht. Jetzt taumelt die etwa 20 Tonnen schwere Kernstufe der Rakete unkontrolliert der Erde entgegen. "Wenn so ein Tank niedergeht, kann der im ungünstigen Falle natürlich jemanden treffen und verletzen", sagt Manuel Metz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Das Risiko dafür sei aber sehr gering. Bisher sei kein Fall bekannt, in dem ein Mensch ernsthaft von einem Trümmerteil verletzt wurde, denn die würden beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre stark abgebremst.

Das ist auch gut so, denn die chinesische Kernstufe rast aktuell mit etwa 28.000 Kilometern pro Stunde um die Erde. Nur 90 Minuten braucht sie für eine Umrundung. Auf ihrer Umlaufbahn fliegt sie über New York, Peking, Neuseeland und Chile hinweg. An diesem Wochenende oder spätestens am Montag soll sie wieder in die Erdatmosphäre eintreten. Etwa 80 Prozent der Rakete würden dann verglühen, das sei die Faustregel, sagt DLR-Experte Metz.

New York City knapp verfehlt

In Europa könnten die Trümmerteile nördlich von Madrid oder nördlich von Neapel niedergehen. Wo genau, kann wegen des komplexen Aufbaus der Atmosphäre erst einen Tag vor Wiedereintritt näher bestimmt werden.

"Die Objekte, die den Erdboden erreichen, sind typischerweise hitzebeständige Gegenstände wie Triebwerksteile. Die müssen natürlich schon im Betrieb große Hitze überstehen", erklärt der Astrophysiker. "Das können auch Tanks sein, die aufgrund ihrer Form und ihrer Bauart häufig solche Wiedereintritte überleben."

Die USA kennen das Problem. Denn vor einem Jahr, als die Raketentrümmer über der Elfenbeinküste niedergegangen sind, hatten sie New York City nur knapp verfehlt. Wäre die tonnenschwere Oberstufe 15 bis 20 Minuten früher in die Erdatmosphäre eingetreten, hätten 100 bis 300 Kilogramm schwere Trümmerteile im Big Apple landen können.

Kein Qualitätsproblem

Ein Qualitätsproblem der chinesischen Raumfahrt? Manuel Metz kann sich das nicht vorstellen. China habe sich innerhalb sehr kurzer Zeit sehr weiterentwickelt, sagt der Experte für Weltraummüll. "Sie haben erfolgreich auch sehr anspruchsvolle Projekte durchgeführt wie die Landung auf dem Mond. Auch bei den Starts dieser Raketen scheint alles funktioniert zu haben."

"Wieder was gelernt"-Podcast

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Gegen ein grundsätzliches Problem spricht auch, dass Weltraummüll kein rein chinesisches ist. Jedes Jahr treten insgesamt etwa 100 Tonnen Material unkontrolliert in die Erdatmosphäre ein, sagt Metz. Das passiere auch bei amerikanischen, russischen und europäischen Raketen. Meistens bekomme es aber niemand mit, weil sie in einen Ozean fallen.

Um die Gefahr zu minimieren, sollen vor allem besonders große Objekte immer kontrolliert ins Meer gelenkt werden. Das aber ist aufwändig, kostet Zeit und Geld. Zu aufwändig? Erst recht, wenn die Statistik gegen ein größeres Unglück spricht? Diesen Eindruck erwecken chinesische Staatsmedien. Die Bruchstücke fallen "sehr wahrscheinlich in internationale Gewässer, die Leute müssen sich keine Sorgen machen", versuchen sie aktuell zu beruhigen. Dass Reste von Raketen zur Erde zurückfallen, sei "in der Luft- und Raumfahrt üblich".

China will aufholen

Auch Kai von Carnap vom Mercator-Institut für Chinastudien (Merics) sagt, dass die Führung in Peking die Sache eher rational angeht. "Die Weltbevölkerung lebt auf ungefähr 10 Prozent der Landoberfläche. Mehr als 70 Prozent der Weltoberfläche ist Wasser", sagt der Experte für die Volksrepublik. "Aus einem rein numerischen Zufallsspiel heraus ist die Chance für einen menschlichen Kollateralschaden sehr gering."

Von Carnap definiert das Ziel des chinesischen Raumfahrtprogramms so: Peking will aufholen. Derzeit seien knapp 60 Prozent aller Satelliten im Weltraum amerikanische. Deshalb schieße China jedes Jahr so viele Raketen ins All wie kein anderes Land. Die Volksrepublik wolle auch im Weltraum forschen. Diesem Plan hätten die USA und Europa aber einen Riegel vorgeschoben. Deshalb baue China jetzt seine eigene Raumstation, erzählt der Merics-Forscher im Podcast.

"Die chinesische Raumstation wird vor allem gebaut, weil sich die internationale Gemeinschaft - unter der Federführung der Amerikaner, also der NASA - dagegen entschlossen hat, chinesische Astronauten auf der Internationalen Raumstation ISS aufzunehmen", sagt von Carnap. "Das muss man sich vor Augen führen, wenn man wissen will, wie es dazu gekommen ist."

Großes Raumfahrt-Ego

China hat ein ähnlich großes Raumfahrt-Ego wie die Amerikaner oder Russen, sagt der China-Experte. Und um seinen Rückstand aufzuholen, ist die Volksrepublik anscheinend auch bereit, Abkürzungen zu nehmen.

Auch beim Startvorgang einer Rakete können viele Trümmerteile auftreten. Deshalb starten sie üblicherweise in Wassernähe. Die NASA und SpaceX nutzen Cape Canaveral an der amerikanischen Atlantikküste in Florida, Europa seinen Weltraumbahnhof im französischen Überseedepartement Französisch-Guyana. "Auf diese Weise versucht man, das Risiko einzugrenzen", sagt Astrophysiker Metz. "Vor dem Start gibt es noch eine Information, eine Warnung, an Seefahrer, dass in der Region Objekte wieder eintreten können."

Auch China hat ein wassernahes Kosmodrom für die modernsten Raketen. Es heißt Wenchang und liegt im Süden des Landes auf der Insel Hainan. Allerdings ist es erst seit sieben Jahren einsatzbereit. Davor, und teilweise auch heute noch, nutzte die Volksrepublik ihre drei ländlichen Weltraumbahnhöfe, wo es immer wieder größere Unfälle gab. Den schlimmsten 1996 im Kosmodrom Xichang in der Provinz Sichuan.

Damals sollte eine Rakete des Typs "Langer Marsch 3B" einen Kommunikationssatelliten ins All tragen. Um den Jungfernflug zu feiern, wurden auch westliche Journalisten eingeladen. Statt einer erfolgreichen Premiere gab es allerdings ein Desaster: Nur zwei Sekunden nach dem Start kippte die Rakete seitlich weg und krachte in einen Berghang. In einem Wohnkomplex des Weltraumbahnhofs und in einem nahegelegenen Dorf zerstörte die Explosion Dutzende Häuser. Nach chinesischen Angaben kamen sechs Menschen ums Leben. Westliche Beobachter vermuten, dass es Hunderte waren.

Fahrlässiges Design?

Astrophysiker Jonathan McDowell von der Harvard-Universität hält auch das Design der fünften "Langer Marsch"-Generation im Vergleich zu amerikanischen oder europäischen Standards für "fahrlässig". Denn das sieht gar keine Möglichkeit vor, nach dem Start ein Bremsmanöver für einen kontrollierten Wiedereintritt in die Erdatmosphäre durchzuführen. Um Kosten zu sparen, wie amerikanischen Raumfahrtexperten sagen.

Üblicherweise bestehen moderne Raketen aus zwei Stufen. Die erste, große wird beim Start genutzt und abgesprengt, noch bevor die Rakete die Erdumlaufbahn erreicht. Dann fällt sie in einen Ozean. Anschließend zündet die zweite, kleinere Stufe ihre Triebwerke und bringt die Ladung in den Orbit.

"Langer Marsch 5B" hat keine zweite Stufe, die ganze Rakete bringt die Ladung ins All. Erst dann wird die etwa 20 Tonnen schwere Kernstufe abgesprengt, wird allmählich in einer niedrigen Umlaufbahn von der Atmosphäre abgebremst und fällt langsam zurück auf die Erde. So wie jetzt. So wie vor einem Jahr.

Quelle: ntv.de

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