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15 Fälle registriert Covid-19-Reinfektionen geben Rätsel auf

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Nach einer Covid-19-Infektion ist man nicht immer immun. Ob das häufig vorkommt, weiß man aber noch nicht.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Weltweit sind bisher 15 Fälle von Reinfektionen mit dem Coronavirus bekannt. Bei einigen Patienten verläuft Covid-19 beim zweiten Mal schwerer als bei ihrer ersten Erkrankung. Wissenschaftler rätseln unter anderem, was dies möglicherweise für kommende Impfstoffe bedeutet.

Ende August wurde zum ersten Mal eine Reinfektion mit Covid-19 nachgewiesen, ein 25-jähriger US-Amerikaner hatte sich innerhalb mehrerer Wochen mit zwei verschiedenen Varianten des Coronavirus angesteckt. Inzwischen zählt "BNO News" weltweit 15 Fälle von Menschen, die sich nachweislich zweimal infiziert haben. Was hat das zu bedeuten?

Frühe und späte Reinfektionen möglich

15 bestätigte Reinfektionen sind bei bald 30 Millionen gezählten Infektionen zu wenig, um konkrete Schlüsse ziehen zu können. Man kann beispielsweise noch nicht sagen, ob Reinfektionen relativ häufig vorkommen oder die berühmte Ausnahme von der Regel sind. An den bisher bekannten Fällen kann man aber erkennen, dass es verschiedene Arten einer erneuten Ansteckung gibt.

So infizierte sich ein 27-Jähriger in Indien bereits 13 Tage nach seiner ersten Erkrankung erneut. In den Niederlanden reinfizierte sich ein 60-Jähriger sogar schon nach zwölf Tagen, ein 80-jähriger Landsmann nach 23 Tagen. Der Tilburger Virologe Jean Murk erklärte "BNO News", beide Patienten hätten sich erneut angesteckt, bevor das Immunsystem nach der ersten Infektion eine gute/komplette Immunantwort auf das Coronavirus aufbauen konnte.

Aussagen zur Immunität Spekulation

Problematischer könnten zweite Infizierungen nach einem längeren Zeitraum sein. Zwei junge Inder (25/28) erwischte das Coronavirus nach 100 beziehungsweise 101 Tagen erneut. In Hong Kong steckte sich ein 33-jähriger Mann nach 123 Tagen erneut an. Die durchschnittliche Zeit zwischen zwei Infektionen beträgt bei den 15 bekannten Fällen 59 Tage.

Daraus könnte man schließen, dass man nach einer Covid-19-Erkrankung nicht lange immun ist. Doch das wäre reine Spekulation. Margaret Harris von der WHO sagte am 25. August, die Zahlen seien so gering, dass sie von Ausnahmen ausgeht. Kämen Reinfektionen häufiger vor, hätte man schon mehr Fälle gesehen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass Antikörper innerhalb weniger Monate nach einer Infektion absinken oder komplett aus dem Blut verschwinden. Bei manchen Menschen waren sie gar nicht erst nachweisbar. Ob damit auch eine Immunität hinfällig ist, ist nicht gesagt.

Denn Antikörper, die den Erreger direkt neutralisieren sind neben Killerzellen, die befallene Zellen töten, nur eine erste Antwort des Immunsystems. Der Körper bildet außerdem Gedächtniszellen, die die Immunabwehr möglicherweise sogar nach Jahren schnell wieder gegen das Coronavirus in Stellung bringen können.

Der "Deutschlandfunk" berichtet, Forscher des Karolinska Instituts in Stockholm hätten die Blutproben von 2000 Menschen in der schwedischen Hauptstadt getestet. Dabei hätten sie festgestellt, dass manche Personen zwar keine Antikörper hatten, aber dennoch eine Gedächtniszellen-Immunität aufwiesen. Dies sei besonders bei Patienten mit sehr milden oder kaum nachweisbaren Symptomen der Fall gewesen.

Schlechte Zeichen für Impfstoffe

Für mögliche Impfstoffe könnten die Reinfektionen allerdings ein schlechtes Zeichen sein, da die Corona-Vakzine vor allem auf die Bildung von Antikörpern setzen. Lediglich für das Mittel der Universität Oxford und AstraZeneca scheint bisher erwiesen zu sein, dass es auch die Bildung von Gedächtniszellen anregt.

Der Fakt, dass es Reinfektionen gibt, bedeute im Gegenzug allerdings nicht, dass ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2 nicht wirksam sein kann, sagte Richard Malley, Spezialist für pädiatrische Infektionskrankheiten am Bostoner Kinderkrankenhaus in Massachusetts, dem Wissenschaftsmagazin "Nature". Einige Impfstoffe erforderten Auffrischimpfungen, um den Schutz aufrechtzuerhalten. "Reinfektionen bedeuten nicht, dass es keinen Impfstoff oder keine natürliche Immunität gegen dieses Virus geben kann, denn das erwarten wir bei Viren."

Auffrischimpfungen stellen allerdings in einer Pandemie ein Problem dar. Sie bedingen bei gigantischer Nachfrage mehr Dosen und einen wesentlich höheren organisatorischen Aufwand als bei einmaligen Impfungen.

Richard Malley sieht noch eine weitere Gefahr: Wenn eine Impfung eine Infektion nicht ganz verhindern könne, sondern lediglich die Symptome verringere, könnten viele Menschen zu asymptomatischen Trägern des Coronavirus werden, sagte er. Das würde Risikogruppen zusätzlich gefährden. Einen ähnlichen Effekt fürchten Wissenschaftler bei zu hastig zugelassenen Vakzinen wie dem russischen "Sputnik V".

Schwache Impfungen gefährlich?

Einiges deutet darauf hin, dass die Infektiosität bei einer Reinfizierung steigt, wenn man davon ausgeht, dass Menschen mit schwereren Symptomen ansteckender sind. Bei vier Patienten fielen die Krankheitsverläufe deutlich schwerer als beim ersten Mal aus. Drei Patienten hatten erneut nur milde Symptome, allerdings intensiver als bei der ersten Erkrankung. Zwei asymptomatische Infizierte zeigten zwar auch nach ihrer zweiten Ansteckung keine Symptome, hatten allerdings eine höhere Viruslast, was ebenfalls auf eine erhöhte Infektiosität hinweisen könnte.

Auch das könnte sich negativ auf die Impfstoffentwicklung auswirken. Denn wenn die Symptome bei einer zweiten Covid-19-Infektion schwerwiegender seien, könnte das Immunsystem die Dinge verschlimmern, sagte die Immunologin Gabrielle Belz von der University of Queensland dem Magazin "Nature". Beispielsweise könne die Immunreaktion bei einem schweren Verlauf aus dem Ruder laufen und gesundes Gewebe schädigen. Menschen, die dies während einer ersten Infektion erlebt hätten, hätten möglicherweise Immunzellen, die darauf vorbereitet sind, beim zweiten Mal wieder unverhältnismäßig stark zu reagieren, so Belz.

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Außerdem gäbe es die Möglichkeit, dass Antikörper bei einer Reinfektion dem Virus helfen, anstatt es zu bekämpfen, schreibt "Nature". Dieses Phänomen sei selten, aber Forscher hätten beunruhigende Anzeichen dafür gefunden, als sie versuchten, Impfstoffe gegen Sars und Mers zu entwickeln, nahe Verwandte von Sars-CoV-2.

Die Forschung zu Reinfektionen ist also sehr wichtig. Wissenschaftler erwarten, dass es durch das Wiederaufflammen der Pandemie in Europa und anderswo auf der Welt bald viel mehr Fälle geben wird, deren Daten dabei helfen werden.

Quelle: ntv.de