Panorama

Ist ein Pandemie-Ende in Sicht? Warum die Corona-Zahlen weltweit sinken

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Die WHO meldet die wenigsten Neuinfektionen weltweit seit dem Herbst. Ein Grund zum Feiern?

(Foto: REUTERS)

Anfang des Jahres erreicht die Corona-Pandemie weltweit einen neuen Höhepunkt. Doch kurz darauf geht das Infektionsgeschehen in allen Weltregionen überraschend zurück. Woran liegt das? ntv.de geht möglichen Erklärungen auf den Grund.

Es sind erfreuliche Zahlen, die die Weltgesundheitsorganisation WHO diese Woche veröffentlicht: Sechs Wochen in Folge ist die Zahl der weltweit neu gemeldeten Corona-Fälle zurückgegangen. Das lässt hoffen, dass die Welt in ihren Bemühungen, die Pandemie einzudämmen, langsam Fortschritte erzielt. Konkret wurden für die letzte Woche rund 2,4 Millionen neue Infektionen weltweit gemeldet - das ist ein Rückgang zur Woche davor um elf Prozent und die niedrigste Anzahl von Infektionsfällen seit dem Herbst.

Ist Corona auf dem Rückzug? Jüngste Daten deuten darauf hin, dass sich die rückläufige Entwicklung bereits wieder verlangsamt. Im mehrtägigen Mittel steigen die weltweiten Fallzahlen sogar wieder leicht an. Der allgemeine Trend zuvor jedoch ließ sich in fast allen Regionen der Erde beobachten. Warum die Infektionszahlen allerdings derzeit so stark zurückgingen, darüber rätseln Wissenschaftler weltweit. Bislang gibt es keine gesicherten Erkenntnisse für die unerwartete Abwärtsbewegung. Dennoch spekulieren Experten über mögliche Gründe, auf die es sich durchaus lohnt, einen Blick zu werfen:

1. Die Jahreszeiten

Die Saisonalität könnte beim Infektionsgeschehen - wie schon in der Frühphase der Pandemie vermutet - durchaus eine Rolle spielen. Starke Rückgänge der Corona-Fälle gibt es zurzeit unter anderem im südlichen Afrika und einigen Ländern Südamerikas, wo gerade Sommer ist. Dass sich Viren vor allem im Winter besonders gut ausbreiten, kennt man von der Grippe und der Erkältung - letztere trägt den Hinweis auf die sinkenden Temperaturen als vermutete Ursache ja sogar im Namen.

Laborexperimente haben gezeigt, dass auch Sars-CoV-2 trockene und kühle Bedingungen bevorzugt. Im Winter kommt beides zusammen: niedrige Außentemperaturen und trockene Heizungsluft. Außerdem halten sich dann sehr viel mehr Menschen in geschlossenen Räumen auf. Im Frühjahr und Sommer verlagern sich dagegen mehr Aktivitäten ins Freie. Aus Studien ist bekannt, dass UV-Strahlung ein ziemlich guter Virenkiller ist. Länder in der südlichen Hemisphäre könnten davon zurzeit durchaus profitieren.

Auch in Deutschland und Europa hatte sich die Lage vergangenes Jahr in den warmen Monaten spürbar entspannt. Zwischen Juni und August meldeten die Behörden der Bundesländer zum Beispiel weniger als 500 Neuinfektionen pro Tag. Ende Juli lag die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz bei 5,0. In Dutzenden Regionen wurden vor Beginn der Rückreisewelle zeitweise überhaupt keine Coronavirus-Fälle gemeldet.

Warum die Jahreszeit ausschlaggebend sein könnte, ist bislang unklar: "Die Grippe gibt es schon seit Jahrhunderten, und der spezifische Mechanismus, warum man im Winter Grippehöhepunkte hat, ist immer noch kaum verstanden", zitiert das Fachmagazin "Nature" Professor Dr. Kathleen O'Reilly von der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

Die Jahreszeit kann die rückläufigen Fallzahlen der WHO - wenn überhaupt - nur zum Teil erklären. Während des Sommers breitete sich das Virus auch in sonnenverwöhnten Ländern Europas wie etwa in Spanien rapide aus. Und der starke Rückgang seit Jahresbeginn zeigt sich derzeit nicht nur auf der Südhalbkugel, sondern auch in vielen Staaten im Norden, die sich derzeit mitten im Winter befinden. Es muss also weitere Gründe geben.

2. Herdenimmunität

Verlangsamt sich die Ausbreitung des Erregers, weil mittlerweile mehr Menschen immun sind? Einige Experten vermuten, dass in den USA in einzelnen Regionen bereits gewisse Effekte zu erkennen sind, einerseits durch überstandene Infektionen in der Bevölkerung und andererseits durch die wachsende Zahl der Geimpften.

Experten gehen davon aus, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung geschützt sein müssen, um eine Herdenimmunität gegen Sars-CoV-2 zu entwickeln. Vereinfacht gesagt, findet ein Erreger dann nicht mehr genug neue Wirte, die Pandemie kommt zu erliegen. Doch laut offiziellen Daten der US-Gesundheitsbehörde CDC haben sich erst rund 28 Millionen Amerikaner mit Corona infiziert, weitere 10 Millionen haben einen vollen Impfschutz - bei 330 Millionen Einwohnern also nur etwa 11 Prozent der Bevölkerung. Diese Rechnung beruht allerdings nur auf den bekannten Coronavirus-Infektionen.

Einschließlich der bisher unerkannten Fälle könnten tatsächlich schon sehr viel mehr US-Amerikaner mit dem Virus in Kontakt gekommen sein. Die gemeldeten Fallzahlen der CDC stellen laut Studien nur einen Bruchteil der tatsächlichen Infektionen dar - insbesondere was die milden bis asymptomatischen Fälle angeht. Die US-Gesundheitsbehörden schätzen, dass nur eine von 4,6 Infektionen entdeckt und gemeldet wird.

Bezieht man also die deutlich höhere Dunkelziffer in die Berechnung mit ein, hätten womöglich bereits 30 bis 48 Prozent der Bevölkerung einmal Covid-19 gehabt und eine Immunität dagegen aufgebaut. Dies könnte einen bremsenden Effekt auf das Infektionsgeschehen haben. Hinweise darauf gibt es jedenfalls: Die Zahl der gemeldeten Fälle ist in den USA seit Anfang Januar massiv zurückgegangen - um rund 60 Prozent.

Ein ähnliches Phänomen ist auch in Israel und Schweden zu beobachten. In Israel sind Effekte der Massen-Immunisierung bereits deutlich zu erkennen. Denn das Land ist Impf-Weltmeister. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung ist vollständig immunisiert, 70 Prozent haben zumindest eine erste Dosis erhalten.

Davon ist Schweden, ähnlich wie Deutschland, zwar noch weit entfernt. Nicht einmal zwei Prozent der Einwohner sind dort bislang vollständig geimpft. Dafür könnten sich deutlich mehr Schweden aufgrund der lockeren Corona-Politik bis heute unbewusst infiziert haben. Wie hoch die Anzahl der unerkannten Fälle tatsächlich ist, wird sich mit Gewissheit erst lange nach der Pandemie bestimmen lassen. Fest steht dagegen schon jetzt, dass die Schweden für ihre viel diskutierte Linie in der Pandemie-Abwehr einen hohen Preis gezahlt haben. Die Zahl der gemeldeten Todesfälle je 100.000 Einwohner ist um rund 50 Prozent höher als in Deutschland.

3. Maßnahmen und Verhalten

Das Vorgehen in den einzelnen Staaten lässt sich jedoch nur bedingt miteinander vergleichen: Zu unterschiedlich sind Faktoren wie etwa Bevölkerungsdichte, Gesundheitssysteme, Demografie oder Politik. In Deutschland ist die Situation speziell: Trotz der strengen Auflagen wie Geschäfts- und Schulschließungen oder der weitreichenden Kontaktbeschränkungen konnte das Virus sich unbemerkt ausbreiten. Die Impfkampagne von Bund und Ländern kommt nur schleppend voran. Nur etwa 2,2 Prozent der Deutschen konnten sich bislang ihre zweite Spritze abholen. Dennoch sanken auch hierzulande die Zahlen seit Januar - auch wenn sie aktuell eher stagnieren.

Woran liegt das? Eine Erklärung dafür könnte neben den strikten Corona-Regeln auch im Verhalten der Menschen liegen. Inzwischen leben wir nun schon ein ganzes Jahr in und mit der Pandemie. Mittlerweile weiß jedes Kind, dass man sich von Menschenansammlungen fernhalten, regelmäßig Hände waschen, nach Möglichkeit eine Maske tragen und in Innenräumen regelmäßig gut lüften sollte. Das bedeutet: Die Mehrheit der Deutschen hat sich an die neuen Bedingungen mehr oder weniger angepasst. Zugleich dürften unter den übrigen Menschen, die sich nicht an die Maßnahmen halten wollen oder aufgrund ihres Berufs oder ihrer Wohnsituation gar nicht daran halten können, überproportional viele bereits eine Infektion durchgemacht haben.

Damit könnten auch in Deutschland bereits erste Effekte der Immunisierung zu Tage treten. Im noch ungeschützten Teil der Bevölkerung dürfte parallel dazu die Vorsicht eher zugenommen haben: Mit der Zulassung der ersten Impfstoffe rückte die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie immerhin in greifbare Nähe. Und auf den letzten Metern zur Zielgeraden will sich nun wahrlich nicht mehr anstecken. Schließlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis jeder, der sich impfen lassen will, selbst an der Reihe ist.

Virus-Mutationen werden zum unberechenbaren Faktor

Insgesamt könnte eine Kombination aus allen drei Faktoren dazu beigetragen haben, dass die Fallzahlen in Deutschland und der Welt in den letzten Wochen so deutlich zurückgegangen sind. Möglicherweise aber gibt es noch ganz andere, bisher unbekannte Gründe, warum die Wucht der globalen Ansteckungswelle nachlässt. Das Virus ist ja erst seit gut einem Jahr überhaupt bekannt - und in seinen Eigenschaften noch lange nicht restlos verstanden.

So oder so ist die zuletzt positive Entwicklung des weltweiten Infektionsgeschehens kein Grund zum Jubeln - noch nicht. So bereiten die neu aufgetauchten Varianten von Sars-CoV-2, die als viel ansteckender gelten, Experten und Entscheidern in vielen Ländern große Sorgen. Auch Deutschland will die geltenden Corona-Auflagen angesichts der Gefahr einer durch die Mutanten ausgelösten dritten Welle nur sehr vorsichtig lockern. Denn das würde das langersehnte Ende der Pandemie in weite Ferne rücken.

Quelle: ntv.de

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