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Intensivbehandlung mit Tücken Die Nebenwirkungen des Covid-Cocktails

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Schwer kranke Covid-19-Patienten bekommen zahlreiche hoch dosierte Medikamente.

(Foto: dpa)

Wer mit Covid-19 auf der Intensivstation behandelt wird, bekommt nicht nur Sauerstoff. Ein Medikamentencocktail macht die Beatmung überhaupt erst möglich. Doch jedes Arzneimittel hat auch Nebenwirkungen, die ausbalanciert werden müssen - mit weiteren Medikamenten.

Am Wochenende kursiert ein Bild auf Twitter. Es zeigt eine Ansammlung von Medikamenten, Fläschchen, Infusionsbeuteln, Ampullen und Spritzen. Gepostet hat es David Windsor. Der Intensivmediziner betreut am Gloucestershire Royal Hospital im britischen Gloucester schwer kranke Covid-19-Patienten. Er schreibt dazu, das seien allein die Arzneimittel, die benötigt werden, um einen Covid-Patienten einen Tag in der Intensivpflege zu versorgen.

In drei nachfolgenden Tweets beschreibt er diese Medikamente genauer: Zur Sedierung der Patienten seien oft mehrere verschiedene Mittel erforderlich. In Gloucester gebe man Propofol, Midazolam und Clonidin. Mit dem Muskelrelaxans Atracurium wird eine Muskelerschlaffung herbeigeführt, um die Beatmung zu ermöglichen. Zur Schmerzbehandlung werden Paracetamol und Alfentanil eingesetzt, zur Unterstützung des Blutdrucks Noradrenalin, zur Hemmung der Blutgerinnung Fragmin. Viele Covid-19-Patienten mit einem schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf haben schwere Störungen des Gerinnungssystems mit Komplikationen wie tiefen Beinvenenthrombosen und Lungenembolien. Diese können zu Organversagen und auch zum Tod führen. Zur Entzündungshemmung wird Dexamethason gegeben, gegen die häufig auftretenden bakteriellen Infektionen das Antibiotikum Tazocin.

"Das ist die Standardtherapie für einen Intensivpatienten, der beatmet werden muss - mit einigen Medikamenten, die Covid-spezifisch ergänzt wurden", erläutert Oliver Witzke, Direktor der Klinik für Infektiologie der Universitätsmedizin Essen, im Gespräch mit ntv.de. In Deutschland werden die gleichen Arzneimittel zum Teil unter anderen Handelsnamen verabreicht.

Kein Medikament ohne Nebenwirkungen

Jedes einzelne dieser Medikamente hat Nebenwirkungen. Paracetamol ist vielen als Schmerzmittel und Fiebersenker vertraut, in hohen Dosen kann es das Lebergewebe schädigen, was potenziell lebensgefährlich ist. Für das Opioid Alfentanil werden beispielsweise ein Abflachen der Atmung, Verhärtungen der Muskulatur und Herzprobleme angegeben.

Auch Midazolam, ein starkes Beruhigungsmittel, das gegen Krampfanfälle eingesetzt wird, hat gewisse Risiken - darunter Hautrötungen, aber auch Kopfschmerzen, Brechreiz und Erbrechen, Atembeschwerden sowie verlangsamter und erhöhter Herzschlag bis zum Herzstillstand. Bei Dexamethason, das auch Covid-19-Patienten auf Intensivstationen in Deutschland laut medizinischer Richtlinie zur stationären Therapie erhalten, sind als Nebenwirkungen Muskel- und Gefäßerkrankungen sowie Beeinträchtigungen des Nervensystems erfasst.

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Oliver Witzke muss immer wieder zwischen medizinisch erwünschter Wirkung und unerwünschter Nebenwirkung abwägen.

(Foto: www.frankpreuss.de)

"Die Morphine und Schmerzmittel haben vielfältige potenzielle Nebenwirkungen", sagt auch der Essener Internist ntv.de. Beispielsweise müssten Medikamente für den Darm gegeben werden, wenn es zu einer Verstopfung oder einer Darmlähmung kommt. Häufig seien auch zusätzliche Medikamente notwendig, um den Kreislauf der Intensivpatienten zu stabilisieren. "Der kann durch die Krankheit angegriffen sein, zum Teil senken aber auch die Medikamente den Blutdruck zusätzlich, sodass man auch mehr Flüssigkeit braucht, um den Kreislauf aufrechtzuerhalten." Medikamente können leber- oder nierenschädlich sein. Viele beatmete Covid-19-Patienten sind ohnehin an der Dialyse. Das sei jedoch nicht in erster Linie den Medikamenten geschuldet, sondern ihrem kritischen Zustand, sagt Witzke. "Aber die Medikamente können einen zusätzlichen Beitrag dazu leisten, dass sich die Organfunktion verschlechtert."

Massive Belastung für den Körper

Manche Nebenwirkungen kann man einzelnen Medikamenten klar zuordnen. Andere sind der Kombination der Medikamente und/oder der Beatmung - dem "Gesamtsetting", wie es Witzke nennt, zuzuschreiben. "Die Patienten sind ja unbeweglich, da gibt es Nervenschäden, die Muskulatur wird schwächer, das ist mit dem gesamten Umstand der Beatmung und des Liegens auf der Intensivstation verbunden. Es gibt einen massiven Abbau des Körpers, trotz der unterstützenden Medikamente." Dabei müsse man auch berücksichtigen, dass beatmete Patienten Tabletten oder Säfte nicht oral zu sich nehmen, also schlucken können. Stattdessen werden die Arzneimittel über spezielle Katheter gegeben, die gelegt werden müssen. "Auch dort können sich Entzündungen bilden, über die Katheter können Keime eindringen, dann braucht man weitere Medikamente", so Witzke.

Bei den zehn Medikamenten, die Windsor aufzählt, bleibt es ohnehin nicht. Hinzu kommt eine ganze Reihe von Versorgungsmedikamenten, die die Ernährung des Patienten sicherstellen. "Alles das, was wir sonst essen und trinken, also der lebenswichtige Anteil dessen, muss ja auch verabreicht werden", sagt Witzke. Diese Ernährungstherapie mache einen relevanten Anteil aus.

Die verschiedenen Wirkstoffe können zudem noch unerwünschte oder zumindest störende Wechselwirkungen entwickeln. Die Standardmedikamente der Intensivmediziner sind seit Langem im Einsatz. Deshalb gibt es damit umfangreiche Erfahrungen, welche gut zusammenpassen und welche eher nicht. Bei Covid-19-Patienten seien jedoch nicht nur mehr, sondern auch komplexere Medikamente nötig. Und je komplexer es wird, desto schwieriger wird es, die Wirkungen und Nebenwirkungen auszubalancieren.

"Es gibt nur wenige Wirkstoffe, die man im Blutspiegel messen kann, um dann die Dosis entsprechend einzustellen", erläutert Witzke. "Bei anderen muss man auf Sicht fahren und anhand des Zustands des Patienten entscheiden." Bei Schmerzmedikamenten könne man beispielsweise auf die Schmerzäußerungen des Patienten achten und dafür sorgen, dass er nur einen minimalen Wachheitsgrad hat. Das werde an bestimmten Skalen mindestens ein bis zweimal am Tag festgestellt. "Aber das sind alles nur Marker."

Hoher Preis fürs Überleben

Den unerwünschten Begleiterscheinungen steht allerdings ein erheblicher medizinischer Nutzen gegenüber. Das ist im Fall von Covid-19, für das es bisher kaum wirksame Medikamente gibt, die entscheidende Abwägung. Für das Kortikosteroid Dexamethason wurde beispielsweise in einer Recovery-Studie gezeigt, dass es das Sterberisiko von beatmeten Patienten erheblich verringern kann. Ohne die sedierenden Mittel wären bestimmte intensivmedizinische Maßnahmen zudem gar nicht möglich. Für die sogenannte ECMO, die extrakorporale Membranoxygenierung, bei der dem Blut außerhalb des Körpers CO2 entzogen und dann Sauerstoff zugeführt wird, werden die Patienten in ein künstliches Koma versetzt. Erst dann kann die Maschine das Atmen übernehmen, damit sich die vom Coronavirus massiv angegriffene Lunge wieder erholen kann.

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"Das Gros dieser Medikamente hat seinen Preis", schätzt Witzke ein. Täglich mehrfach wird auf Intensivstationen bei Visiten und Patientenbesprechungen der Krankheitszustand mit den Medikamenten und sonstigen Maßnahmen abgeglichen, um "das Optimum für den einzelnen Patienten herauszuholen". Doch auch bei bester Behandlung ist das Überleben bei schweren Covid-19-Verläufen keineswegs gesichert. Und auch für die Überlebenden bleibt die lange intensivmedizinische Versorgung nicht ohne Folgen. "Patienten, die mit Lungenentzündungen oder Grippe über längere Zeit beatmet wurden, sind monatelang, wenn nicht über Jahre schwer beeinträchtigt und haben ein hohes Risiko, dass danach noch einmal schwere Komplikationen eintreten", berichtet der Essener Arzt. "Das ist sehr langwierig und schwierig, diese Patienten zu rehabilitieren, und es fordert einen hohen Preis, auch wenn man überlebt."

Der britische Mediziner hatte sein Bild mit der Frage verbunden, ob man angesichts all dieser Medikamente nicht doch den Impfpiks vorziehen sollte. Witzke kann den Kollegen gut verstehen. Viele der Ungeimpften haben Angst und sind dadurch wie gelähmt. "Vielleicht erlaubt ihnen dieses Bild eine Abwägung und kann tatsächlich etwas bewirken. Wenn man das mit dem vergleicht, was bei der Impfung gegeben wird, ist das doch sehr eindrücklich - ein Piks, ein schmerzender Arm." Dagegen stehe eine Behandlung mit vielen möglichen Nebenwirkungen und ein sehr unklarer Ausgang bei einer Erkrankung.

Quelle: ntv.de

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