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Was kann man von ihnen lernen? Drei Länder führen im Kampf gegen Corona

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Drive-Thru für Corona-Tests - in ganz Südkorea wurden nach den ersten Covid-19-Fällen Hunderte Test-Stationen eingerichtet.

(Foto: imago images/AFLO)

Fast jedes Land auf der Erde hat mit dem Ausbruch des Coronavirus zu kämpfen. Doch nicht jedes Land ist gleich erfolgreich bei der Eindämmung der Pandemie. Ein Team von Experten hat durch Datenanalysen die drei besten Ansätze herausgefunden - auch Deutschland ist dabei.

Der Umgang mit der Corona-Pandemie unterscheidet sich von Land zu Land - während die USA mit ihrer Strategie zu irrlichtern scheinen, haben andere Staaten den Ausbruch vergleichsweise schnell unter Kontrolle bekommen. Die Expertengruppe von Exemplars in Global Health hat daher die Frage gestellt: Was macht den erfolgreichen Kampf gegen die Pandemie aus? Und von welchen guten Beispielen kann man lernen? Um der Sache auf den Grund zu gehen, haben sie drei Länder als "Musterbeispiele" ausgemacht: Südkorea, Vietnam und Deutschland.

"Wir haben diese drei Länder vor mehr als drei Monaten ausgewählt", schreibt der deutsche Ökonom und Statistiker Max Roser von der University of Oxford auf Twitter. Er ist Gründer der Datenwebseite Our World in Data und half zusammen mit anderen Forschern, den Erfolg dieser drei Länder anhand von Daten zu analysieren. Und offenbar scheint der Verlauf eines Ausbruchs nicht nur Glück zu sein: Südkorea, Vietnam und Deutschland seien "noch heute Länder, die herausstechen", schreibt Roser.

Aber was ist das Geheimnis ihres Erfolges? Bei den einzelnen, auf Our World in Data veröffentlichten Analysen zu Südkorea, Vietnam und Deutschland zeigt sich, dass es zum Teil recht unterschiedliche Schwerpunkte sind, welche zur Bewältigung der Pandemie beitrugen.

In Deutschland etwa leisteten laut der Analyse, die vom Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, mitverfasst wurde, das "gute lokale Gesundheitswesen" und "fachkundige Forschungseinrichtungen" einen maßgeblichen Beitrag zum erfolgreichen Kampf gegen den Sars-CoV-2-Ausbruch. Der Erfolg ist auch in Zahlen erkennbar: etwa an einer vergleichsweise niedrigen Fallsterblichkeit, also dem Anteil der Todesfälle unter den ermittelten Infektionen.

Corona-Test - Made in Germany

Aber das ist nicht alles: Zu den erfolgreichen Maßnahmen hierzulande zählt die Studie auch die frühe Schaffung von Test-Kapazitäten - einer der ersten Corona-Tests wurde schließlich an der Berliner Charité von einem Team um den Virologen Christian Drosten entwickelt. Auch die hohe Testrate und der schnelle Einsatz der PCR-Methode hätten zum Erfolg beigetragen. Zudem hebt der Bericht Deutschlands hohe Zahl an Krankenhausbetten positiv hervor. "Deutschlands starkes Gesundheitssystem und frühe Fortschritte bei der Ermittlung ergänzten seine effektive Eindämmungsstrategie", so die Autoren.

Das Beispiel Südkorea hingegen zeigt, dass nicht alle erfolgreichen Maßnahmen automatisch auf andere Länder übertragbar sind. So konnte Südkorea die Infektionskurve schnell abflachen, ohne dabei Geschäfte schließen oder einen allgemeinen Lockdown anzuordnen zu müssen. Allerdings setzte das Land auf eine regelrechte elektronische Durchleuchtung der Bürger. Ein spezieller Epidemie-Nachrichtendienst (EIS) konnte laut der Analyse auf eine Vielzahl elektronischer Datensätze zurückgreifen, um Kontaktpersonen von Infizierten zu ermitteln und Infektionsketten zu unterbrechen: darunter GPS-Standorte von Mobiltelefonen, Kreditkarten-Transaktionen und Material aus Überwachungskameras.

*Datenschutz

Diese Herangehensweise brachte das Infektionsgeschehen in Südkorea zwar schnell unter Kontrolle. Allerdings, so die Autoren, sei die Toleranz gegenüber der Offenlegung persönlicher Daten in Südkorea vergleichsweise hoch. In anderen Ländern hingegen könnten Bürger nicht in gleichem Umfang bereit sein, ihre persönlichen Daten in einem derartigen Umfang preiszugeben. Auch Länder mit einem niedrigeren Technologie-Standard oder einer geringeren Verbreitung von Mobiltelefonen könnten die südkoreanische Strategie nicht übernehmen.

Aber nicht nur Hightech verhalf Südkorea laut der Analyse zum Erfolg gegen Covid-19. Die Regierung hatte nach dem Ausbruch zudem rasch rund 600 Test-Center errichtet, an denen täglich insgesamt 15.000 bis 20.000 Corona-Tests durchgeführt wurden. Zusätzliches Pflegepersonal wurde angestellt und im ganzen Land provisorische Krankenhäuser errichtet. Grund für diese schnelle Reaktion Südkoreas seien auch die Lehren aus einer "mangelhaften" Reaktion auf die Mers-Epidemie im Jahr 2015 gewesen, so die Autoren. Bei diesem Ausbruch erkrankten in Südkorea fast 200 Menschen, von denen fast 40 starben. Das Mers-Virus ist wie Sars-CoV-2 ein Coronavirus.

Erfahrung aus früheren Pandemien hilfreich

Auch das dritte Musterbeispiel, Vietnam, hatte bereits in der Vergangenheit schmerzhafte Erfahrungen mit Pandemien machen müssen - wie etwa mit der Sars-Pandemie 2002/03 und der darauf folgenden Ausbreitung der Vogelgrippe. Entsprechend hoch sei die Bereitschaft der Bevölkerung gewesen, schreiben die Autoren, Schritte zu unternehmen, um das neue Virus Sars-CoV-2 einzudämmen. Was offenbar gelang: Im ganzen Land gab es trotz der geografischen Nähe zu China, wo das Virus im Dezember 2019 zum ersten Mal auftauchte, nur etwas mehr als 300 Corona-Fälle - und bisher keinen einzigen Todesfall.

Vietnams Erfolgsstrategie sei in vielerlei Hinsicht auch auf andere Länder übertragbar - wie etwa Investitionen in das Gesundheitssystem, das schnelle Schließen der Landesgrenzen und eine gründliche Kontaktverfolgung. Doch auch Vietnams erfolgreicher Kampf gegen die Pandemie gründet sich auf einigen Besonderheiten, schreiben die Autoren. So handele es sich bei dem südostasiatischen Land um einen Ein-Parteien-Staat, der über eine Kommandokette von der Staatsführung bis hinein in die Dörfer verfüge - was es leicht mache, schnell die nötigen Ressourcen zu mobilisieren und medizinischen Vorgaben umzusetzen. Diese Vorgehensweise ist nicht ohne Weiteres auf andere Staaten übertragbar.

Neben den länderspezifischen Unterschieden zeigen sich in den Strategien der drei erfolgreichsten Länder auch Parallelen: etwa eine gründliche Kontaktverfolgung, der gute Zustand der Gesundheitssysteme und die schnelle Reaktion auf einen drohenden Ausbruch. "Wir hoffen", schreibt Max Roser auf Twitter, "dass die Lektionen von diesen drei Musterbeispiel-Ländern anderen helfen werden, ebenfalls gut zu reagieren". Das dürfte auch für die Zukunft wichtig sein, denn Experten sind sich sicher: Die nächste Pandemie kommt bestimmt.

Quelle: ntv.de