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Vor den Bahamas Haie "kartieren" weltweit größte Seegraswiese

Die Tigerhaie wurden mit Biologgern inklusive Kamera ausgestattet.

Die Tigerhaie wurden mit Biologgern inklusive Kamera ausgestattet.

(Foto: Diego Camejo for Beneath The Waves, 2019)

Sie sind wichtige Ökosysteme und speichern enorme Mengen Kohlenstoff. Doch die globale Ausdehnung von Seegraswiesen ist bislang unbekannt. Nun ermitteln Forschende das größte Seegras-Ökosystem der Erde - mit Hilfe von Tigerhaien.

Rund um die Bahamas erstreckt sich das größte Seegrasgebiet der Welt. Das berichtet ein internationales Forschungsteam nach Kartierungen unter anderem durch Tigerhaie im Fachblatt "Nature Communications". Das Wissen über die Ausdehnung der Seegraswiesen ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil gerade diese Ökosysteme enorme Mengen Kohlenstoff aus der Atmosphäre einlagern und so den Klimawandel dämpfen.

Seegräser speichern Kohlenstoff in ihren Rhizomen, den dichten Wurzelsystemen - und zwar für immer. Außerdem bieten sie Küstengemeinden Vorteile, da sie Sedimente auffangen, stabilisieren und vor Sturm und Wellen schützen.

Seegräser speichern Kohlenstoff in ihren Rhizomen, den dichten Wurzelsystemen - und zwar für immer. Außerdem bieten sie Küstengemeinden Vorteile, da sie Sedimente auffangen, stabilisieren und vor Sturm und Wellen schützen.

(Foto: Photo courtesy of Cristina Mittermeier and SeaLegacy, 2020)

Seegräser sind blühende Meerespflanzen, die in flachen Gewässern in vielen Teilen der Welt vorkommen, von den Tropen bis zum Polarkreis. In Form ausgedehnter Unterwasserwiesen schaffen sie Lebensraum für eine Vielzahl von Meerestieren und bilden auch einen Puffer gegen die Versauerung der Ozeane.

Darüber hinaus lagern die Pflanzen sehr effizient Kohlenstoff aus der Atmosphäre ein: Ein Quadratkilometer Seegras speichert fast doppelt so viel Kohlenstoff wie Wälder an Land - und das 35-mal so schnell. Pro Jahr würden schätzungsweise rund 83 Millionen Tonnen Kohlenstoff durch Seegraswiesen gebunden, haben Mitarbeitende des Bremer Max-Planck-Instituts für marine Mikrobiologie berechnet. Diese Menge entspreche den jährlichen CO2-Emissionen aller Autos in Italien und Frankreich.

Allerdings ist die genaue Ausdehnung der Unterwasserwiesen derzeit unklar. Ohne dieses Wissen bleibe ungewiss, wie bedeutend ihre globale Kapazität zu Kohlenstoffspeicherung sei, schreibt das Team um den US-Meeresbiologen Austin Gallagher von der Meeresschutzorganisation Beneath the Waves in "Nature Communications". "Diese Wissenslücke ist ein Hauptgrund dafür, dass Seegras-Ökosysteme in Meeresschutzgebieten nach wie vor unterrepräsentiert sind."

Seegraswiesen dienen als Nahrungs- und Aufwuchsgebiete für eine Fülle von Meereslebewesen, zum Beispiel Rochen.

Seegraswiesen dienen als Nahrungs- und Aufwuchsgebiete für eine Fülle von Meereslebewesen, zum Beispiel Rochen.

(Foto: Photo courtesy of Cristina Mittermeier and SeaLegacy, 2020)

Während eine 2020 veröffentlichte Studie berechnete, dass Seegraswiesen weltweit gut 160.000 Quadratkilometer bedecken, geht das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) sogar von 300.000 Quadratkilometern aus. Um ein besseres Bild zu bekommen, nutzte das Forschungsteam eine neue Methode zur Kartierung des Seegras-Ökosystems der nördlich von Kuba gelegenen Bahamas. Dabei kombinierten die Forschenden Schätzungen zur hiesigen Ausdehnung der Seegraswiesen mit Satellitenbildern und Untersuchungen vor Ort im Verlauf von über 2500 Tauchgängen.

15 Haie unterwegs im Dienst der Wissenschaft

Vor allem aber stellten sie 15 Tigerhaie (Galeocerdo cuvier) in den Dienst der Wissenschaft: Die Tiere, die eine Vorliebe für Seegrashabitate haben, wurden mit Sendern und Kameras ausgestattet, um Bilder vom Meeresboden zu sammeln. Insgesamt legten die Raubfische im Untersuchungszeitraum fast 4200 Kilometer zurück und drangen dabei auch in Gebiete vor, die für Taucherinnen und Taucher nicht zugänglich waren.

Nach Abschluss der Untersuchungen gehen die Forschenden davon aus, dass die Seegraswiesen um die Bahamas eine Fläche von mindestens 66.000 Quadratkilometern bedecken könnten, möglicherweise sogar bis zu 92.000 Quadratkilometer. Zum Vergleich: Österreich hat knapp 84.000 Quadratkilometer. Auch wenn die Fläche der Seegraswiesen nicht genau bekannt sei, könne man mit Gewissheit sagen, dass das Gebiet um die Bahamas das größte Seegras-Ökosystem der Erde sei, schreibt das Forscherteam.

Sie kalkulieren, dass das Bahamas-Seegras allein zwischen einem knappen Fünftel und einem guten Viertel des weltweit in Seegraswiesen gebundenen Kohlenstoffs enthalten könnte. Insgesamt würden ihre Schätzungen die globale Ausdehnung der Seegrasflächen um 34 bis 41 Prozent erweitern, so die Meeresbiologengruppe. Dies unterstreiche die Bedeutung dieser Ökosysteme als global bedeutende Kohlenstoffsenken.

Große Ozean-Wissenslücken

Zudem zeige die Studie, welche Vorteile es habe, Meerestiere einzusetzen: "Tigerhaie erwiesen sich als bessere Beobachter als Menschen und legten pro Tag eine größere Strecke zurück, wobei sie das Potenzial hatten, wichtige Seegrasgebiete zu erfassen, die sich mit ihrem natürlichen Lebensraum überschnitten."

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Tatsächlich hatte eine frühere Studie bereits ausgelotet, inwiefern Dugongs (Dugong dugon) - also Seekühe - oder Grüne Meeresschildkröten (Chelonia mydas) zur Kartierung von Seegrasgebieten genutzt werden könnten. Derartige Projekte sollten dem Studienteam zufolge ausgeweitet werden, um weitere Seegrashabitate zu entdecken.

Das Team schließt: "Unsere Arbeit belegt die großen Wissenslücken im Ökosystem Ozean, die Vorteile einer Partnerschaft mit Meerestieren, um diese Lücken zu schließen, und sie unterstreicht die Unterstützung für einen raschen Schutz der ozeanischen Kohlenstoffsenken."

Quelle: ntv.de, Alice Lanzke, dpa

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