Trotz Erholung der BeständeHistorische Jagd quält Buckelwale noch heute

Die intensive Jagd des vergangenen Jahrhunderts bringt Buckelwale an den Rand des Aussterbens. Eine neue Studie zeigt, dass ihr Erbgut bis heute die tiefen Spuren dieser Jagd trägt. Das könnte nicht nur Folgen für die Wale selbst, sondern auch für ganze Ökosysteme haben.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden Wale intensiv bejagt - mit drastischen Folgen. Obwohl der kommerzielle Walfang inzwischen weitestgehend verboten ist, finden sich die Folgen dieser Jagd bis heute im Erbgut von Buckelwalen, wie Forschende im Fachmagazin "Science Advances" berichten.
Um die Auswirkungen des kommerziellen Walfangs zu untersuchen, hatte das Team um Fabricio Furni von der Universität Groningen Knochenreste von insgesamt 25 Buckelwalen (Megaptera novaeangliae) analysiert: 16 moderne Proben aus der Zeit ab 1980 und 9 historische aus dem frühen 20. Jahrhundert. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die relativ schnelle und deutliche Dezimierung der Buckelwal-Populationen durch den Walfang erkennbare negative und dauerhafte Auswirkungen auf das Genom der Wale hatte", so Erstautor Furni.
Die alten Knochen stammen von der Insel Südgeorgien im Südatlantik. Damals wurde die Waljagd durch dampfbetriebene Schiffe und Sprengharpunen mechanisiert - mit drastischen Folgen. Die Buckelwal-Populationen im Nordatlantik waren zu dieser Zeit bereits am Rande des Aussterbens, und viele Walfänger verlagerten ihren Fokus auf das Südpolarmeer.
Erbgut auch Jahre später weniger vielfältig
Im Südpolarmeer lebten vor der intensiven Bejagung nach Schätzungen der Forschenden rund 67.000 Buckelwale. Binnen Jahrzehnten brach ihre Zahl ein: Tiefpunkt war vermutlich das Jahr 1930 mit noch etwa 1375 Tieren: ein Rückgang um über 97 Prozent.
Seit dem Walfangverbot ist die Zahl der dortigen Buckelwale zwar wieder gestiegen - auf etwa 22.000. Doch die Spuren der intensiven Jagd tragen die Buckelwale noch immer in ihrem Erbgut: "Insgesamt beobachteten wir eine verringerte genetische Vielfalt, einen leichten Anstieg der Inzucht und eine höhere Mutationslast für leicht schädliche Varianten in den heutigen Genomen im Vergleich zu den historischen Genomen der Buckelwale im Südpolarmeer", schreibt die Forschergruppe aus den Niederlanden, Brasilien und den USA.
Selbst kleine bis mittelschwere Mutationen könnten die Überlebenschancen der Tiere stark beeinflussen. Je weniger Vielfalt im Erbgut einer Population zu finden ist, desto schlechter kann sie sich demnach an veränderte Umweltbedingungen anpassen, zudem steigt die Gefahr von Inzucht. In der Forschung sei das Problem auch als "genetischer Flaschenhals" bekannt und betreffe nicht nur Buckelwale, sondern auch andere Tiere, schreibt das Team und verweist unter anderem auf Gorillas und Breimaulnashörner.
Kein Einzelfall in der Tierwelt
Die Folgen der intensiven Bejagung finden sich also auch noch Generationen später im Erbgut der heutigen Tiere - obwohl der Einschnitt bei den Walen bereits vor etwa 12 bis 14 Generationen stattfand. Wie stark diese genetischen Veränderungen ihre Zukunft beeinflussen, lasse sich nicht genau abschätzen, schreibt die Gruppe.
Klar ist jedoch: Eine verringerte Anpassungsfähigkeit betrifft nicht nur die Wale selbst. Als zentrale Akteure in marinen Ökosystemen tragen sie zur Verteilung von Nährstoffen, zur Stabilisierung von Nahrungsnetzen und sogar zur Speicherung von Kohlenstoff bei. Wenn ihr Bestand gefährdet sei, könne das langfristig auch die Funktionsweise ganzer Meeresökosysteme verändern - mit Folgen für Fischbestände, Klimaregulation und damit letztlich auch für den Menschen.
Auch wenn sich einige Buckelwal-Populationen nun wieder erholen. Sie tun dies wahrscheinlich mit einer verminderten Anpassungsfähigkeit an zukünftige Bedingungen und Bedrohungen", schreibt das Team um Furni.