Nach Todesfall in KanadaMediziner: Auch ohne sichtbare Wunde ist Tollwut möglich
Von Jana Zeh
Ein Elfjähriger fährt mit seinen Eltern in ein Ferienhaus ins kanadische Ontario. Dort wird er im Schlaf von einer Fledermaus überrascht. Wenige Wochen später ist der Junge tot. Fachleute verfassen nun eine eindringliche Warnung.
Der Tod eines elfjährigen Jungen durch Tollwut hat Fachleute in Kanada dazu veranlasst, Kollegen und Kolleginnen sowie die Öffentlichkeit mit ihrem aktuellen Bericht aufzuklären. Die Ärzte und Ärztinnen raten nach direktem Kontakt mit Fledermäusen sofort ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, auch wenn es keine Anzeichen von Kratzern oder Bissen gibt. Die Tollwutinfektion des Jungen, die sich 2024 ereignete, wurde als erster Fall dieser Art seit 1967 im kanadischen Ontario registriert.
Tollwuterreger sind weltweit verbreitet. Jährlich infizieren sich zirka 60.000 Menschen damit. Die Mehrzahl stirbt daran. In Asien und Afrika gibt es die meisten Betroffenen, die hauptsächlich von herumstreunenden Hunden angesteckt werden. Indien ist das Land mit den meisten tollwutbedingten Todesfällen. Dort werden etwa 35 Prozent aller Tollwuttode weltweit registriert. Viele Regionen in der Welt, darunter West- und Mitteleuropa, gelten seit Jahren als tollwutfrei. In Kanada gibt es jedoch Arten von Tollwutviren, die ausschließlich in Fledermäusen zu finden sind.
Tier setzte sich auf Gesicht des Kindes
Die Eltern berichteten, dass ihr Junge während eines Besuchs in einem Ferienhaus in Ontario von einer Fledermaus, die sich auf Nase und Mund gesetzt hatte, geweckt worden war. Er hatte deshalb die Fledermaus von seinem Gesicht geschlagen. Der Vater des Jungen hatte das Tier danach in einem Kochtopf gefangen und draußen freigelassen. Das Kind wies keine sichtbaren Verletzungen im Gesicht auf. Die Eltern hatten zudem nicht den Eindruck, dass sich die Fledermaus auffällig verhalten hatte. Deshalb entschieden sie, nach dem Vorfall nichts weiter zu unternehmen.
Zweieinhalb Wochen danach begannen sich die ersten Symptome zu entwickeln. Der Junge bekam Kribbeln, Taubheitsgefühle und Schwellungen der rechten Gesichtshälfte. Die Eltern stellten ihn in der Notfallambulanz vor. Dort bekam er wegen des Verdachts auf eine durch Herpesviren verursachte Erkrankung ein antivirales Medikament. Doch der Zustand des Kindes verschlechterte sich weiter. Er bekam Fieber, entwickelte Schluckbeschwerden, Halluzinationen und wirkte verwirrt. In diesem Zustand wurde er ins Krankenhaus eingeliefert. "Er wurde in der Kinder-Intensivstation aufgenommen und sein neurologischer Zustand verschlechterte sich weiter", so die Fachleute in ihrem Bericht.
Reflexe nicht mehr auslösbar
Am fünften Tag seines Krankenhausaufenthalts konnten die behandelnden Ärzte keine Reflexe im Hirnstamm mehr auslösen. Der Hirnstamm ist jenes Areal im Gehirn, das Atmung, Herzfrequenz und andere lebenswichtige Körperfunktionen reguliert. Zu diesem Zeitpunkt wussten die Ärzte und Ärztinnen aber bereits, dass sich der Elfjährige mit Tollwut infiziert hatte. Anschließende Tests zeigten, dass es sich konkret um eine Tollwutvirusvariante handelte, die nur bei Fledermäusen auftritt. Die lebenserhaltenden Maßnahmen für den Jungen wurden am 17. Tag nach der Einweisung ins Krankenhaus eingestellt. Er starb schließlich im Beisein seiner Familie.
Obwohl eine sogenannte Postexpositionsprophylaxe (PEP) bei Tollwutinfektionen das Leben von Infizierten retten kann, gibt es trotz jahrzehntelanger Forschung bisher "keine nachweislich wirksame Therapie nach dem Auftreten von Symptomen", betont das Ärzteteam in dem Bericht. Die PEP bei Tollwut ist die lebensrettende medizinische Sofortmaßnahme nach einem möglichen Kontakt mit dem Tollwutvirus, erklärt das Robert-Koch-Institut. So kann der Ausbruch der Krankheit verhindert werden. Die PEP umfasst drei Schritte - Wundversorgung, aktive Impfung und bei großen Wunden oder blutenden Bissen auch eine passive Impfung mit Antikörpern. Die Behandlungen sollten so schnell wie möglich durchgeführt werden.
Im Verdachtsfall einfangen und untersuchen
Aufgrund dieses Falls raten die Ärzte und Ärztinnen dazu, dass jeder, der direkten Kontakt mit einer Fledermaus hat, egal, wie flüchtig dieser war und egal, wie normal sich das Tier dabei verhalten hat, sich sofort in ärztliche Behandlung zu begeben. Nach Möglichkeit sollte das Tier eingefangen und auf Tollwut untersucht werden. In Nordamerika stehen die meisten Fälle von Tollwut im Zusammenhang mit einem direkten Kontakt zu Fledermäusen. Das stellt ein besonderes Problem dar, da deren Zähne und Krallen oftmals so klein sind, dass Wunden leicht übersehen werden können.
Die Eltern des verstorbenen Jungen gaben ihr Einverständnis, dass der Fall in einem offiziellen Bericht im Canadian Medical Association Journal veröffentlicht wird. Sie wollen damit helfen, das Bewusstsein für solche Fälle zu schärfen. Auch wenn Deutschland seit 2008 oft als tollwutfrei bezeichnet wird, gibt es auch hierzulande immer mal wieder Nachweise von Fledermaustollwut, einer Infektion, die durch Fledermaus-Lyssaviren hervorgerufen wird.