Zweifel an AussagekraftNeue mRNA-Impfung halbiert laut Studie Hautkrebs-Rückfallrisiko

Eine neue mRNA-Therapie gegen schwarzen Hautkrebs zeigt scheinbar beeindruckende Ergebnisse. Sie senkt die Gefahr eines Rückfalls erheblich. Doch es bleibt offen, ob das am Ende wirklich Leben retten kann. Zudem warnen Experten vor den immensen Kosten.
Die Zahlen einer neuen Studie klingen beeindruckend - zumindest auf den ersten Blick. Wird bei schwarzem Hautkrebs, einem Melanom, der Tumor chirurgisch entfernt und anschließend zusätzlich zur üblichen Behandlung eine speziell auf den Patienten zugeschnittene mRNA-Impfung gegeben, sinkt das Risiko eines Rückfalls über fünf Jahre um 49 Prozent. Die Gefahr, dass sich Tochtergeschwülste in anderen Organen bilden, ging sogar um 59 Prozent zurück. Allerdings hat die Studie mehrere Schwächen.
Der US-Hersteller Moderna, der die kleine Untersuchung zusammen mit dem Pharmakonzern Merck Sharp & Dohme bezahlt hat, will schon im kommenden Jahr eine Zulassung erreichen. Es wäre die erste mRNA-Impfung, die in der Krebsmedizin zugelassen würde. Bekannt wurde die mRNA-Technologie weltweit durch die Corona-Pandemie, erforscht wird sie als Mittel gegen Krebs aber schon seit Jahrzehnten, inzwischen auch bei anderen Tumorarten wie Lungenkrebs.
In Deutschland gehört schwarzer Hautkrebs zu den häufigsten Krebsarten: Jedes Jahr erkranken deutlich mehr als 20.000 Menschen neu daran, Tendenz steigend. Aber selbst wenn die Impfung zugelassen würde, käme sie nur für einige Tausend von ihnen infrage, sagt Thomas Eigentler, Leiter des Hauttumorzentrums an der Berliner Charité.
Tests nur an wenigen Patienten
Für die Studie kombinierten die Ärzte die mRNA-Impfung Intismeran mit der üblichen Immuntherapie, dem Medikament Pembrolizumab, einem sogenannten Checkpoint-Hemmer. 107 Patienten, denen der Tumor zuvor entfernt worden war, bekamen zwischen 2019 und 2021 beides verabreicht, eine Vergleichsgruppe von 50 weiteren Probanden erhielt nur die Checkpoint-Immuntherapie. Pembrolizumab soll dafür sorgen, dass das Immunsystem die Krebszellen überhaupt angreift - die mRNA-Impfung kommt obendrauf und trimmt die Abwehr gezielt auf die Besonderheiten des jeweiligen Tumors. Besondere Nebenwirkungen traten nicht auf.
Beim genaueren Blick auf die Zahlen wachsen jedoch die Zweifel. Die Ergebnisse stammen aus einer sogenannten Phase-2b-Studie - einem frühen Stadium, in dem ein Wirkstoff nur an wenigen Patienten getestet wird. Erst danach folgen in Phase 3 die großen Studien, die für eine Zulassung nötig sind. Hinzu kommt: Die Studie war nicht "verblindet", Patienten wie Ärzte wussten also, wer geimpft worden war. Das kann die Ergebnisse verzerren.
Unklar ist dagegen, ob die Kombination tatsächlich Überlebensvorteile bietet: In beiden Gruppen starben jeweils sieben Teilnehmer - zu wenige für verlässliche Schlüsse. Niels Halama vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) dämpft daher die Euphorie: Die Zahlen bestätigten nur, was man schon vorher gewusst habe. "Aber die große Frage bleibt offen: Ist das wirklich relevant?" Kann die Kombination also tatsächlich Leben retten? Eine laufende Phase-3-Studie mit gut 1000 Teilnehmern soll das klären.
Hohe Herstellungskosten
Selbst bei einer Zulassung blieben praktische Hürden. Carola Berking vom Universitätsklinikum Erlangen verweist auf den aufwendigen Herstellungsprozess: Für jeden Patienten müsse einzeln Tumorgewebe gewonnen, versendet und der Impfstoff produziert werden. "Die komplexe Logistik und die strengen Herstellungsrichtlinien machen die Therapie sehr teuer - es werden bereits sehr hohe Preise von über 300.000 Euro pro Patient diskutiert."
Fachleute fragen sich deshalb, ob dieser Aufwand überhaupt nötig ist. Zweifel weckte im Oktober vergangenen Jahres eine Studie im Fachblatt "Nature": Ein Team um Adam Grippin vom Anderson Cancer Center im texanischen Houston erhöhte mit einer mRNA-Impfung die Überlebenschancen von Patienten mit einem Melanom oder Lungenkrebs ebenfalls deutlich, ebenfalls in Kombination mit Checkpoint-Immuntherapie. Der Clou: Es handelte sich bei der mRNA-Impfung nicht um ein teures, maßgeschneidertes Mittel, sondern mit einer ganz normalen Corona-Impfung. Auch dieser Ansatz soll nun in einer großen Studie geprüft werden.