Dämmung kann zur Falle werdenSo schützt man Wohnungen vor großer Hitze

Es gibt viele Ideen, die helfen sollen, die Temperatur in Häusern und Wohnungen auch bei großer Hitze erträglich zu halten. Sogar Wärmepumpen gehören dazu. Was wirklich was bringt, haben Fachleute ermittelt.
Wie wichtig ein Rückzugsort zum Abkühlen bei Hitze ist, zeigt sich in diesen heißen Tagen nur allzu deutlich. Der Gang ins klimatisierte Büro oder Fitnessstudio wird zur willkommenen Abkühlung im schweißtreibenden Alltag. In manchen Wohnräumen ist es dagegen ungemütlich heiß, etwa in Dachgeschosswohnungen in Ballungsräumen. Das wirft die Frage auf: Wie lassen sich Gebäude so gestalten, dass sie der Hitze möglichst effektiv trotzen?
Mit der Klimakrise wird diese Frage immer drängender, denn Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad Celsius kommen in Deutschland heute deutlich häufiger vor als – und dürften Klimaforschern zufolge weiter zunehmen. Die effektivste Methode gegen Schwitzen in Innenräumen bleibt daher: den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren und das Klima zu schützen. Gleichzeitig müssen sich Städte, die Baubranche, Vermieter und jeder Einzelne den schon heute häufiger auftretenden Hitzewellen anpassen - und da gibt es gleich mehrere Möglichkeiten. Das "Science Media Center" hat Experten für Energie- und Klimatechnik dazu befragt, wie es in Gebäuden erträglich bleibt.
Wie sich Gebäude aufheizen
Innenräume heizen sich unterschiedlich schnell auf - und international gibt es je nach vorherrschender Bauweise Unterschiede. Bastian Schröter von der Hochschule für Technik Stuttgart, erklärt: "Anders als beispielsweise in den USA haben die meisten Häuser in Deutschland eine große sogenannte thermische Masse. Das Gewicht der Bausubstanz entscheidet darüber, wie gut ein Gebäude Hitze abfedern kann", so Schröter. "Beispielsweise variiert die Temperatur in "schweren" Gebäuden wie dem Kölner Dom nur sehr langsam. Im Gegensatz dazu gleicht sich ein leichtes Haus - wie sie in anderen Ländern wie den USA oft gebaut werden - schneller an die Außentemperatur an."
Prinzipiell wird es drinnen vor allem dadurch warm, dass Sonne in die Fenster scheint sowie Wärme über das Dach und die Außenwände eindringt. Teilweise wird es auch warm, weil - mit Blick auf Energieeffizienz beim Heizen - Häuser besonders gut gedämmt sind. "Wärmedämmung hilft nicht gegen zu hohe Temperaturen. Sie wirkt zum Teil sogar kontraproduktiv und hält die Wärme im Haus", erklärt Clemens Felsmann von der Technischen Universität Dresden.
Was stattdessen hilft
Bei bestehenden Gebäuden helfen laut Sibylle Braungardt von der Technischen Universität Dortmund unter anderem außen angebrachte Systeme, die Schatten spenden, sowie eine Begrünung der Fassaden. Bei Neubauten könne zudem die Ausrichtung des Gebäudes, die Fensterflächen und die schon erwähnte thermische Masse des Gebäudes von Beginn an optimiert werden.
Mehr Grün hilft auch, um die Umgebung von Gebäuden zu kühlen. "Für Kommunen sollte die Vermeidung von Hitzebelastung Priorität haben", betont Braungardt. Dazu gehörten mehr Stadtgrün, Verschattung, Entsiegelung und Sicherung von Frischluftkorridoren. "Dabei kann Deutschland auch von den Erfahrungen vieler Städte in wärmeren Klimaregionen lernen, in denen Hitzeschutz, Verschattung und klimaangepasste Stadtgestaltung seit Langem fester Bestandteil der Stadtentwicklung sind."
Kälte ist auch Aufgabe der Kommunen
Kommunen müssen nicht nur Wärmepläne machen. Sie müssen auch darlegen, wie sie künftig klimafreundlicher heizen wollen - Städte mit mehr als 45.000 Einwohnern sollen künftig auch dazu aufgerufen werden, eine Kälteplanung vorzulegen und sich zu überlegen, wie sie bei steigender Hitzebelastung ihren Bereich kühlen wollen. So ist es zumindest im aktuellen Änderungsentwurf des Wärmeplanungsgesetzes vermerkt. Es handelt sich dabei um eine Umsetzung von EU-Recht.
Ein Aspekt in diesen Kälteplänen könnten städtische Wärmenetze sein. Sie können prinzipiell auch dafür genutzt werden, Kälte bereitzustellen. Experten gehen jedoch nicht davon aus, dass dies in absehbarer Zeit in größerem Maßstab erfolgen wird - obwohl es durchaus Potenzial gibt, wie Dirk Müller von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen betont: "Gerade in Ballungsgebieten bieten kalte Wärmenetze die Möglichkeit, beide Anforderungen - Heizen und Kühlen - in einer gemeinsamen Infrastruktur effizient zu lösen."
Generell sollten Städte beide Herausforderungen zusammen denken, betonen Experten. Denn mit dem Fortschreiten der Klimakrise wird beides wichtig: sich gegen Hitze wappnen - und mit klimafreundlicherem Heizen dafür sorgen, die Krise nicht weiter zu befeuern.
In deutschen Wohnungen eher ein Nischenphänomen: Klimaanlagen
Anders als in anderen Ländern sind Klimaanlagen in Deutschland zumindest in Wohnungen eher ein Nischenphänomen. Müller erklärt: "Schätzungen zufolge verfügen in Deutschland derzeit nur etwa fünf bis zehn Prozent aller Wohngebäude über eine aktive Kühltechnik - deutlich weniger als in südeuropäischen Ländern wie Spanien oder Italien mit 50 bis 70 Prozent oder auch als in Japan oder den USA." In anderen Gebäuden - also Büros, Krankenhäusern oder dem Handel liege der Anteil höher, unter anderem wegen vielfältiger Wärmequellen oder hohem Kühlungsbedarf.
Die Tendenz ist angesichts häufigerer Hitzewellen steigend. Müller meint: "Eine plausible Zielgröße aus Sicht des öffentlichen Gesundheitsschutzes wäre, dass mittelfristig - also zwischen 2040 und 2050 - mindestens 30 bis 50 Prozent der Wohngebäude über passive und aktive Kühlmöglichkeiten verfügen sollten, mit Schwerpunkt in den Städten."
Sein Fachkollege Schröter ergänzt: "Ein- und Zweifamilienhäuser in grünen Umgebungen werden in den kommenden 20 Jahren in Deutschland im Allgemeinen gut ohne Klimaanlagen auskommen." Sie könnten viel Wärme durch ihre Bausubstanz abfedern. "Einen erhöhten Kühlbedarf sehe ich vor allem in Dachgeschosswohnungen in warmen, verdichteten Innenstädten vor allem in wärmeren Regionen - wie Stuttgart, Freiburg oder Frankfurt."
Klimaanlagen auch Treiber der Klimakrise
Wegen ihres hohen Energiebedarfs sind Klimaanlagen jedoch umstritten. Eine Studie im Fachjournal "Nature Communications" warnte im Februar, die zunehmende Nutzung von Klimaanlagen könnte den weltweiten Treibhausgasausstoß bis Mitte des Jahrhunderts stark ansteigen lassen. Im mittleren Klima-Szenario (SSP245) könnte die Nutzung bis zum Jahr 2050 etwa 3,8 Milliarden Tonnen Kohlendioxid (CO2) entsprechen. Zum Vergleich: Nach Angaben des Umweltbundesamtes betrug der gesamte Ausstoß an Treibhausgasen 2025 in Deutschland rund 649 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente.
Das Umweltbundesamt weist zudem darauf hin, dass Klimaanlagen nicht nur aufgrund ihres hohen Strombedarfs klimaschädlich sind, sondern oft auch durch die Emissionen eingesetzter Kältemittel.
Dem Energietechnik-Experten Schröter ist die Debatte rund um Klimaanlagen häufig zu negativ - vor allem wegen eines Effekts: "Der Strom wird zu denjenigen Zeiten gebraucht, in denen die Sonne scheint. Es ist also oft ohnehin ein Überschuss im Stromsystem vorhanden - für einzelne bewölkte Stunden können Batterien inzwischen genug Strom speichern. Klimaanlagen klimaneutral zu betreiben, ist meines Erachtens damit heute eine lösbare Aufgabe."
Gezielter Einsatz und Schulungen für Bürger
Felsmann plädiert trotzdem dafür, Klimaanlagen gezielt einzusetzen: "Kühlungen in Gebäuden sollten bevorzugt dort eingesetzt werden, wo vulnerable Gruppen einer Gefahr durch sommerliche Überhitzung ausgesetzt sind. Dazu zählen Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser und Kindertageseinrichtungen", betont der Forscher. "Aber auch Schulen und Arbeitsstätten sind aus Gründen des Arbeitsschutzes und für ein effektives Lernklima sicher prädestinierte Objekte für die sommerliche Kühlung."
Darüber hinaus hält der Experte es für nötig, dass Menschen den Energiebedarf von Klimaanlagen besser verstehen - und damit auch die anfallenden Kosten. Diese seien typischerweise in der Jahres-Stromrechnung versteckt. "Da bleiben im Sommer die Fenster offen oder unverschattet und trotzdem wird gekühlt", so Felsmann. Helfen könnten etwa eine Schulung für Nutzer und Transparenz über die Kosten.
Wärmepumpen können nicht nur Wärme erzeugen
Eine weitere Möglichkeit der Kühlung bieten Wärmepumpen. Sie können nämlich nicht nur heizen, sondern auch Kälte spenden.
"Wärmepumpen erzeugen warmes Wasser zum Heizen. Moderne Wärmepumpen können im Sommer auch kühlen, also kühles Wasser durch den Heizkreislauf pumpen", erklärt Schröter. "Man wird damit ein Gebäude nicht von 35 auf 22 Grad Celsius runterkühlen können - ein paar Grad weniger sind aber machbar. Wichtig ist, dass der Heizungsbauer seine Kunden auf die Möglichkeit hinweist." Anderen Experten zufolge kommt dies vor allem in Wohnräumen mit Fußbodenheizung infrage.
Auch mit gezieltem Verhalten kann man ein wenig steuern, wie stark die Hitze in den eigenen Wohnraum eindringt: Expertin Braungardt empfiehlt "das rechtzeitige Schließen von Rollläden oder Jalousien vor direkter Sonneneinstrahlung sowie das Lüften in den kühleren Nacht- und Morgenstunden".