Wissen

Heftige Kritik an KonzernenStudie: Diese fünf Produktgruppen töten Millionen Menschen

30.03.2026, 15:15 Uhr
00:00 / 09:38
Tiefgekuehlte-Mini-Pizza-Margherita-auf-einem-Kuechenbrett
Tiefkühlpizzen - auch als Mini-Version - sind hochverarbeitete Lebensmittel mit hohen Mengen an Fett, Salz und Kalorien. Viele Produkte enthalten zudem Zucker, Zusatzstoffe sowie Mineralölrückstände. (Foto: picture alliance / FotoMedienService)

Ob Tabak, Alkohol oder Fertiggerichte - viele Produkte schaden der Gesundheit. Eine neue Analyse macht die Hersteller für unzählige Opfer verantwortlich. Die Wissenschaftler decken auf, wie die Industrie zudem gezielt die Forschung manipuliert.

Viren verursachen Krankheiten - Unternehmen auch: Firmen, die gesundheitsschädliche Produkte herstellen und vermarkten, zählten zu den Hauptverursachern nichtübertragbarer Krankheiten, kritisiert ein Team von Wissenschaftlern im renommierten "New England Journal of Medicine" ("NEJM"). "Der weltweite Anstieg bestimmter chronischer Krankheiten ist alarmierend", sagt Hauptautor Nicholas Chartres von der Universität Sydney.

Fossile Brennstoffe, Tabak, hochverarbeitete Lebensmittel, giftige Chemikalien, Kunststoffe und Alkohol tragen dem Beitrag zufolge maßgeblich zum weltweiten Anstieg chronischer Krankheiten bei. Dabei gehe es etwa um Krebs, Diabetes, neurokognitive Störungen und Unfruchtbarkeit. "Die Zunahme gesundheitsschädlicher Produkte spiegelt den Anstieg bestimmter chronischer Krankheiten in beunruhigendem Maße wider", sagt Chartres, wissenschaftlicher Leiter des Forschungszentrums C2ECH zur Analyse und Bekämpfung gesundheitsschädlicher Auswirkungen großer Unternehmen an der Universität von Kalifornien.

Chronische Krankheiten seien mittlerweile für 74 Prozent aller Todesfälle weltweit verantwortlich, heißt es von der Gruppe. Transnationale Konzerne, die gesundheitsschädliche Produkte herstellen und vermarkten, trügen maßgeblich zum weltweiten Anstieg bei. "Sie produzieren Produkte und setzen Menschen diesen Produkten aus oder beeinflussen deren Konsum, was zu gesundheitlichen Schäden führt."

Die tödlichen Fünf

Oft würden solche Einflüsse erst durch an die Öffentlichkeit geratene Unternehmensdokumente publik. Die Datenbank der Universität von Kalifornien enthalte inzwischen mehr als 24 Millionen öffentlich einsehbare Dokumente zu gesundheitsschädlichen Branchen.

Weltweit sind der Expertengruppe zufolge fünf kommerzielle Produktgruppen für fast ein Drittel aller Todesfälle pro Jahr maßgeblich verantwortlich:

  • Fossile Brennstoffe tragen zu 8,1 Millionen Todesfällen bei

  • Tabak trägt zu 7,2 Millionen Todesfällen bei

  • Hochverarbeitete Lebensmittel tragen zu 2,3 Millionen Todesfällen bei

  • Chemikalien - industriell hergestellte Chemikalien für den Handel und Pestizide - tragen zu 1,8 Millionen Todesfällen bei

  • Alkohol trägt zu 1,8 Millionen Todesfällen bei.

"Um unsere Gesundheit zu schützen, ist es entscheidend, die unternehmerischen Ursachen von Krankheiten zu analysieren und zu verstehen und Wege zu finden, ihren Einfluss einzudämmen", sagt Chartres. Politische Schutzmaßnahmen und ein stärkerer Forschungsfokus auf mit Unternehmensaktivitäten verbundene Gesundheitsrisiken seien notwendig.

Hersteller spielten Schädlichkeit von PFAS herunter

Zu den Taktiken zur Verfälschung wissenschaftlicher Daten zählten die Beeinflussung von Forschungsfragen, Angriffe und Diskreditierungen unabhängiger Wissenschaftler, die die Position der Industrie nicht unterstützen, die Unterdrückung wissenschaftlicher Daten zu gesundheitlichen Schäden ihrer Produkte sowie die Förderung von Forschungsprojekten, die diese Schäden verharmlosen sollen.

Auf diese Weise sei von Herstellern zum Beispiel die Schädlichkeit von PFAS heruntergespielt worden. Die Zuckerindustrie wiederum habe in den USA Wissenschaftler und Forschungsprojekte finanziert, die gezielt gesättigte Fettsäuren als Hauptursache für koronare Herzkrankheiten darstellten und von Zucker als eigentlichem Grund ablenkten. Gezielt und massiv heruntergespielt worden seien auch die Folgen des hochgiftigen Schädlingsbekämpfungsmittels Phosphin.

"Obwohl sie auf dem Markt miteinander konkurrieren, arbeiten Unternehmen in gesundheitsschädlichen Branchen häufig zusammen, um zu verhindern, dass die Regierung Vorschriften erlässt, die die Gesamtmacht oder Reichweite ihrer Branchen verringern könnten", heißt es im Beitrag auch. Die Tabakindustrie zum Beispiel habe mit der Alkoholindustrie und Handelsverbänden kooperiert und Tarnorganisationen genutzt, um Steuern und Gesetze zum Schutz der Innenraumluft in den USA zu untergraben.

"Forschung zur Tabakindustrie liefert eine Blaupause"

Aus Unterlagen der Industrie gehe auch hervor, dass Führungskräfte der Tabakkonzerne seit Jahrzehnten wussten, dass Rauchen Krebs verursacht und Nikotin süchtig macht, diese Informationen der Öffentlichkeit jedoch vorenthielten. "Die Forschung zur Tabakindustrie liefert eine Blaupause dafür, wie andere Einflüsse von Unternehmen auf die Gesundheit erkannt und bekämpft werden können", sagt Chartres.

Nachdem die falschen Angaben der Tabakindustrie über die Sicherheit ihrer Produkte aufgedeckt worden seien, habe es in den reicheren Ländern einen deutlichen Rückgang des Rauchens gegeben. Doch viele andere gesundheitsschädliche Branchen seien nach wie vor weitgehend unreguliert. Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger sollten sich klarmachen, dass andere Industrien ähnlich vorgingen, um Unsicherheit zu schaffen, Regulierungsmaßnahmen zu verzögern und weiterhin vom Verkauf zu profitieren.

"Wir müssen diese Produkte genauso regulieren wie Tabak", so Chartres. Auch Mitautorin und C2ECH-Mitbegründerin Tracey Woodruff sagt: "Eine klare Lösung für die unternehmerischen Ursachen von Krankheiten besteht darin, ähnliche Beschränkungen für den politischen Einfluss aller gesundheitsschädlichen Branchen zu erlassen."

Fettleibigkeit, Diabetes und psychische Erkrankungen

Nötig sind Chartres zufolge zum Beispiel Vorschriften, die gesundheitsschädlichen Branchen im Rahmen eines globalen Abkommens - ähnlich dem Tabakabkommen - die Einflussnahme auf die Politik untersagen. Hilfreich seien zudem Datenbanken, die Zahlungen der Industrie an Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger erfassen und offenlegen, sowie ein Verbot finanzieller Verbindungen zwischen der Industrie und Forschern durch Regierungen. Sinnvoll sei das beispielsweise für den Bereich hochverarbeiteter Lebensmittel, die in den USA inzwischen etwa 60 Prozent der gekauften Lebensmittel ausmachten.

Gerade erst hatte die European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE) Daten vorgestellt, denen zufolge es einen statistischen Zusammenhang gibt zwischen dem Verzehr großer Mengen hochverarbeiteter Lebensmittel und einer verminderten Fruchtbarkeit bei Männern sowie einem gestörten Wachstum früher Embryonen im Mutterleib. Auch wenn damit noch keine ursächliche Verbindung nachgewiesen ist, empfehlen die Autoren der im Fachjournal "Human Reproduction" vorgestellten Studie, bei Kinderwunsch und während der Schwangerschaft weniger solche Produkte zu konsumieren.

Bei hochverarbeiteten Lebensmitteln (UPF) handelt es sich laut der sogenannten Nova-Klassifizierung um industriell hergestellte Produkte aus billigen Zutaten wie gehärteten Ölen und Glukose-/Fruktosesirup sowie Zusatzstoffen wie Aromen und Farbstoffen, die meist zahlreiche Verarbeitungsschritte durchlaufen. Oft sind sie verzehrfertig oder nur noch aufzuwärmen, typisch sind zudem attraktive Verpackungen. Zucker, Fett oder Salz (oder Kombinationen davon) sind gängige Bestandteile, typischerweise in höheren Konzentrationen.

Der profitabelste Teil der globalen Lebensmittelindustrie

Viele Menschen greifen gern zu solchen Produkten wie Tiefkühlpizza, Burger-Patties und Knuspermüsli, weil sie oft billig und schnell verzehrbereit sind. Doch die zunehmend davon dominierte Ernährung trage zum weltweiten Anstieg von Fettleibigkeit, Diabetes und psychischen Erkrankungen bei, warnte ein Expertenteam kürzlich im Fachjournal "The Lancet". Nötig sei eine starke globale Reaktion, ähnlich wie bei den koordinierten Bemühungen gegen die Tabakindustrie, hieß es auch von diesen Wissenschaftlern.

Die Verdrängung etablierter Ernährungsgewohnheiten durch hochverarbeitete Lebensmittel sei ein wesentlicher Treiber für die weltweit steigende Belastung durch ernährungsbedingte chronische Krankheiten, betonten die 43 Expertinnen und Experten. Der zunehmende Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel an der menschlichen Ernährung werde durch die wachsende wirtschaftliche und politische Macht der UPF-Industrie nahezu überall vorangetrieben. Mit einem jährlichen Umsatz von rund 1,9 Billionen US-Dollar im Jahr 2023 sei der Sektor bereits der profitabelste Teil der globalen Lebensmittelindustrie, Tendenz steigend.

Deutschland sei eines der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Absatz an hochverarbeiteten Lebensmitteln, hatte der Gesundheitsökonom Peter von Philipsborn von der Universität Bayreuth zu der Analyse erklärt. "Studien zeigen übereinstimmend, dass in Deutschland weniger frische, gering verarbeitete Lebensmittel verzehrt werden als empfohlen, während Produkte wie Softdrinks, Süßwaren, salzige Snacks und verarbeitetes Fleisch häufiger als empfohlen verzehrt werden."

Enorme Gewinne auf Kosten der Gesundheit

Die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten werde von mächtigen globalen Konzernen vorangetrieben, die durch hochverarbeitete Produkte enorme Gewinne erzielten, hatte Studienautor Carlos Monteiro von der Universität São Paulo erklärt. Durch umfangreiches Marketing und politische Lobbyarbeit verhinderten sie wirksame Maßnahmen zur Förderung einer gesunden Ernährung.

Die UPF-Industrie räume dem Unternehmensgewinn Vorrang vor der öffentlichen Gesundheit ein, hieß es bei "Lancet". Auch im "New England Journal of Medicine" betonen die Experten nun: "Konzerne und ihre Verbündeten untergraben sowohl einzeln als auch gemeinsam Wissenschaft und Politik, um Profit über Gesundheit zu stellen."

Klar sei, dass viel mehr getan werden müsse, um die gesundheitsschädlichen Industrien und die Auswirkungen fossiler Brennstoffe, giftiger Chemikalien, hochverarbeiteter Lebensmittel und des Einflusses von Konzernen auf die Wissenschaft und auf die Gesundheit von Kindern anzugehen.

Quelle: ntv.de, Annett Stein, dpa

ErnährungIndustrieStudienLobbyismusLebensmittelindustrieAlkoholKrankheit