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Stärkung des Immunsystems Tuberkulose-Impfstoff könnte bei Covid-19 helfen

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Die verbesserte Variante eines rund 100 Jahre alten Tuberkulose-Impfstoffs könnte das Immunsystem fit für den Kampf gegen das Coronavirus machen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ein Tuberkulose-Impfstoff des Max-Planck-Instituts könnte das Immunsystem so stärken, dass es Covid-19 besser bekämpfen kann. Eine Studie mit 1000 Ärzten, Pflegern und Sanitätern soll in Kürze starten, bei einem Erfolg könnte wertvolle Zeit im Kampf gegen die Pandemie gewonnen werden.

Neben der fieberhaften Forschung nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus wird weltweit auch nach wirksamen Behandlungsmethoden gegen Covid-19 gesucht. Ein vielversprechender Kandidat könnte hier ein vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie entwickelter Tuberkulose-Impfstoff sein. Das VPM 1002 genannte Präparat scheint das Immunsystem allgemein so zu stärken, dass es besser für die Abwehr des Virus gerüstet ist.

In Kürze soll in Deutschland eine Studie mit 1000 Ärzten, Pflegern und Rettungssanitätern starten, die die Wirksamkeit von VPM 1002 gegen Covid-19 belegen könnte. Federführend ist eine Abteilung der Medizinischen Hochschule Hannover, die Christoph Schindler leitet.

Verbesserter Impfstoff aus 1920er Jahren

Dass VPM 1002 nicht nur gegen Tuberkulose-Erreger hilft, sondern auch das Immunsystem positiv beeinflussen könnte, ist nicht weit hergeholt. Das Mittel basiert nämlich auf dem schon im frühen 20. Jahrhundert entwickelten Impfstoff BCG. Studien an Mäusen kamen laut Max-Planck-Gesellschaft zu dem Ergebnis, dass er vor Virusinfektionen schützen kann. VPM 1002 soll ein gentechnisch verbessertes BCG und damit wirksamer sein. Bisherige Studien - unter anderem an Neugeborenen - zeigten, dass der Impfstoff sicher und gut verträglich ist, sagt Stefan H.E. Kaufmann, unter dessen Leitung VPM 1002 am Max-Planck-Institut entwickelt wurde.

"Im Idealfall verringert die Impfung die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken", erklärt Schindler. "Der Wirkstoff gelangt über das Blut in die Lymphknoten und verändert dort die körpereigenen Abwehrzellen. Wenn dann Corona-Viren die Lunge befallen, werden weiße Blutkörperchen aktiv. Die als Fress- und Killerzellen bekannten Immunzellen bekämpfen die Viren in der Lunge und hindern sie daran, sich zu vermehren - wenn alles gut läuft." Weil VPM 1002 nicht spezifisch auf Sars-CoV-2 ausgelegt sei, behalte das Mittel vermutlich auch seine Wirkung, falls sich das Virus verändere, so Schindler.

Nicht immun, aber besser geschützt

Für die Studie, die in den nächsten Wochen beginnen soll, wird einer Gruppe der Teilnehmer der Tuberkulose-Impfstoff verabreicht, eine andere erhält Placebos. Über sechs Monate wird dann ausgewertet, welche Gruppe geringere Fehlzeiten bei der Arbeit hat. Parallel werten Experten des Impfstoff-Herstellers Vakzine Projekt Management (VPM) die Ergebnisse aus. Laut Schindler sollen sie feststellen, ob die Placebo-Gruppe im Vergleich zu den geimpften Personen erhebliche Nachteile hat. In diesem Fall würden sie veranlassen, dass auch diese Gruppe VPM 1002 verabreicht bekommt.

Stellt sich heraus, dass der Wirkstoff im Kampf gegen Covid-19 effektiv ist, wären Geimpfte zwar nicht immun gegen das Coronavirus, aber sie wären besser geschützt. So gäbe es beispielsweise weniger Ausfälle in der Krankenversorgung, was unser Gesundheitssystem im Kampf gegen die Pandemie stärken würde. Eine Impfung mit VPM 1002 könnte auch Risikopatienten zugutekommen, so Schindler. Eine zweite Studie mit 1800 älteren Menschen soll folgen.

Frühestens in einem Jahr

Vorstellbar ist für den Mediziner auch ein breiterer Einsatz in der Bevölkerung. Der Wirkstoff könne bei Bedarf schnell in großen Mengen hergestellt werden, da der Mutterkonzern das Serum Institute of India sei, sagt Schindler. Dabei handelt es sich um den weltgrößten Hersteller von Impfstoffen.

*Datenschutz

Falls sich in den Studien zeigt, dass die Geimpften tatsächlich weniger häufig oder weniger schwer an Covid-19 erkranken, könnte VPM 1002 bei Vorliegen eindeutiger Studienergebnisse relativ schnell zum Einsatz kommen, doch Schindler tritt auf die Euphorie-Bremse. Die Auswertung der Studiendaten und ein sich daran anschließendes Zulassungsverfahren durch die Arzneimittelzulassungsbehörden dauerten in normalen Zeiten nochmals sechs bis zwölf Monate, sagt Schindler. In der aktuellen Situation könnte dies aber unter Umständen im positivsten Fall etwas schneller gehen.

Es gilt, Zeit zu gewinnen

Auch wenn es noch eine Weile dauern wird, bis - nach erfolgreichen Studien - VPM 1002 zum Einsatz kommen kann, ist es keine verlorene Zeit. Denn wahrscheinlich dauert es noch deutlich länger, bis ein Impfstoff gegen das Coronavirus zur Verfügung steht. Die Entwicklung wird zwar weltweit mit aller Macht vorangetrieben, doch mit einem schnellen Erfolg in den kommenden Monaten ist trotzdem nicht zu rechnen. RKI-Präsident Lothar Wieler rechnet frühestens im nächsten Frühjahr damit. Es sei zwar möglich, bürokratische Prozesse zu beschleunigen. Die vorgeschriebenen klinischen Testphasen seien aber unverzichtbar, so Wieler. Schließlich könne ein Impfstoff auch Nebenwirkungen haben.

Klaus Cichutek vom Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland für die Zulassung zuständig ist, sagte dem BR, bei Ebola habe man mit vier bis fünf Jahren bis zur Zulassung einen Rekord aufgestellt. Eigentlich seien 15 Jahre realistisch. Eine Prognose, wie lange es beim Coronavirus dauern könnte, wagt er nicht. "Ich halte mich da an das Wording von der WHO, die gesagt hat, in 15 bis 18 Monaten kann man an die Zulassung denken."

Quelle: ntv.de