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Erschreckend hohe Zahlen Warum gibt es jetzt so viele Corona-Tote?

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Sehr viele Opfer sind alte Menschen in Seniorenheimen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der rasante Anstieg der Neuinfektionen kann zwar gebremst werden, aber trotzdem sterben so viele Menschen an Covid-19 in Deutschland wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Warum ist das so und was kann man dagegen tun?

410 Corona-Tote registrierte gestern das RKI - fast 100 mehr als zum Höhepunkt der ersten Pandemie-Welle im April. Das ist umso erschreckender, da Krankenhäuser und Ärzte diesmal besser vorbereitet waren und man wusste, dass vor allem Senioren gefährdet sind und geschützt werden müssen. Warum sterben dann jetzt in Deutschland trotzdem so viele Menschen an dem Virus?

Viele neue Covid-19-Patienten über 80 Jahre alt

Im Prinzip ist die Antwort einfach: "Die 7-Tage-Inzidenz der Covid-19-Fälle in der älteren Bevölkerung nimmt weiter zu. Da diese häufiger einen schweren Verlauf durch Covid-19 aufweisen, steigt ebenso die Anzahl an schweren Fällen und Todesfällen", schreibt das RKI im Situationsbericht vom 24. November. Fast 90 Prozent der bisher an Covid-19 Verstorbenen war älter als 70 Jahre. Mit mehr als doppelt so vielen Toten wie in allen anderen Altersgruppen zusammen sind hier wiederum vor allem die Über-80-Jährigen betroffen.

Und weil ausgerechnet bei den sehr alten Menschen die Inzidenzen in den vergangenen Wochen besonders stark zugenommen haben, ist der traurige Höchstwert von 410 Covid-19-Toten keine echte Überraschung. Es hätte aber nicht so weit kommen müssen, denn wie das RKI schreibt, können Todesfälle "vermieden werden, wenn wir mithilfe der Infektionsschutzmaßnahmen die Ausbreitung des Sars-CoV-2-Virus verlangsamen."

Aber die aktuell immer noch sehr vielen Neuinfektionen sind nicht die einzige Erklärung für die hohe Zahl von Corona-Toten. Denn offensichtlich ist es nicht gelungen, die besonders gefährdeten Senioren- und Pflegeheime zu schützen.

Schutz von Pflegeeinrichtungen scheitert

Ein Blick in die Nachrichten der vergangenen Tage zeigt, dass es immer wieder zu Ausbrüchen in solchen Einrichtungen kommt, nicht selten mit vielen Toten als Folge. In einem Seniorenheim in Norderstedt hatten sich Mitte Oktober beispielsweise 40 Bewohner und 16 Angestellte mit Covid-19 angesteckt, 15 Menschen erlagen der Krankheit. Bei einem Ausbruch in im gleichen Monat in einem Pflegeheim in Berlin-Lichtenberg infizierten sich fast 50 Personen, 15 Menschen starben. Erst kürzlich verbreitete sich in der Hauptstadt das Coronavirus in einem Neuköllner Seniorenheim, bisher kostete dies zwei Bewohnern das Leben.

Die Liste ließe sich sehr lange fortführen. In weit mehr als 1000 Pflege- und Seniorenheimen gibt es aktuell Covid-19-Fälle, ergab eine Umfrage von ARD und "Süddeutsche Zeitung". Jedes fünfte Heim in Rheinland-Pfalz und Hamburg, etwa jedes sechste in Nordrhein-Westfalen und etwa jedes zehnte in Brandenburg seien betroffen, berichtet die ARD. In Hessen haben 200 von gut 800 Pflegeeinrichtungen Corona-Infektionen gemeldet, also jedes vierte Heim. Laut "Hessenschau" stammen in dem Bundesland drei Viertel der Covid-19-Toten aus solchen Heimen. Die tatsächliche Zahl sei aber wahrscheinlich noch deutlich höher, so die ARD. Einige Länder lieferten nur unvollständige Zahlen, Berlin und Bayern machten gar keine Angaben.

Das RKI nennt in seinen Situationsberichten keine konkreten Zahlen über Corona-Ausbrüche in Senioren- und Pflegeheimen. Es bestätigt aber, dass es dort besonders viele Fälle und Tote gibt. Die hohen Fallzahlen bei Betreuten stünden im Einklang mit der Anzahl der berichteten Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen, schreibt das RKI.

Neuinfektionen müssen runter

Auf die Frage, wie man solche Einrichtungen besser schützen könnte, gibt es grundsätzlich zwei Antworten. Zum einen gilt es die Zahl der Neuansteckungen so weit wie möglich zu senken. Weniger Infizierte bedeuten allgemein ein niedrigeres Risiko und damit auch einen Schutz für Alten- und Pflegeheime. Für viele Experten ist das der wichtigste oder derzeit sogar einzig realisierbare Weg. Außerdem werden so auch Millionen Angehörige von Risikogruppen geschützt, die nicht in Einrichtungen leben.

Die zweite Möglichkeit sind aktive Schutzmaßnahmen. Die einfachste ist, die Bewohner bis zu einer Impfung permanent zu isolieren. Das ist zwar grausam und nicht wirklich machbar, da man das Personal nicht ebenfalls "wegsperren" kann. Trotzdem ist dies aktuell auch ohne konkreten Infektionsfall offenbar gängige Praxis. So verhängten einige Gesundheitsämter, aber auch einige Einrichtungen Besuchsverbote, schreibt die ARD.

Das steht allerdings dem entgegen, was Bund und Länder am 28. Oktober vereinbart haben. Der besondere Schutz von Krankenhäusern, Pflegeheimen, Senioren- und Behinderteneinrichtungen dürfe nicht zu einer vollständigen sozialen Isolation führen, steht in dem Beschluss.

Schnelltests Mangelware

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Schnelltests kommen in Pflegeeinrichtungen noch viel zu selten zum Einsatz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Daher bleiben neben strengen Hygienemaßnahmen eigentlich nur Tests, um zu verhindern, dass das Virus in die Einrichtungen eindringen kann. Genau genommen geht es um Antigen-Schnelltests, mit denen Bewohner, Personal oder Besucher innerhalb von rund 15 Minuten wissen, ob sie ansteckend sind oder nicht.

Und eigentlich sieht den Schutz durch Schnelltests die neue Test-Strategie der Bundesregierung schon seit dem 15. Oktober vor. "Pflegeheime und Krankenhäuser können Antigen-Schnelltests großzügig nutzen, um Personal, Besucher sowie Patienten und Bewohner regelmäßig auf das Corona-Virus zu testen", erklärt das Gesundheitsministerium.

Aber in der Realität der betroffenen Einrichtungen ist die neue Strategie noch nicht angekommen. Ein Grund ist die Bürokratie. Denn Pflegeheime und andere Einrichtungen des Gesundheitswesens müssen laut Test-Verordnung dem zuständigen Gesundheitsamt ein Test-Konzept vorlegen. Bis zu monatlich 20 Tests pro Bewohner sind möglich. Die Beschaffung müssen die Einrichtungen allerdings selbst übernehmen.

Auf die Genehmigungen durch das Gesundheitsamt müssen die Heime laut ARD und "Süddeutsche Zeitung" oft lange warten. Kein Wunder, dass in einer Umfrage des BIVA-Pflegeschutz unter Mitarbeitern von Pflegeeinrichtungen nur knapp 5 Prozent der Teilnehmer angaben, schon Schnelltests einzusetzen. Der ARD zufolge liegt dies teilweise auch am akuten Personalmangel.

Todeszahlen könnten sogar noch steigen

Einen effektiven Schutz von Senioren- und Pflegeheimen durch Schnelltests gibt es also noch nicht. Für die vielen alte Menschen, die nicht in Einrichtungen leben, gilt dies erst recht nicht. Hinzu kommt, dass die Neuinfektionen in Deutschland zwar nicht mehr steil ansteigen, ihre Zahl aber mit einem 7-Tage-Schnitt von rund 18.500 neuen Fällen immer noch sehr hoch ist. Und auch die bundesweite Inzidenz liegt mit über 140 noch weit über einem kontrollierbaren Maß.

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Ohne Personal bleiben freie Intensivbetten leer.

(Foto: picture alliance/dpa)

Weil die Todeszahlen mit bis zu drei Wochen Verzögerung auf die Neuinfektionen reagieren, ist ohnehin zu befürchten, dass sie noch einige Zeit sehr hoch bleiben. Außerdem betrifft der Rückgang derzeit vor allem die 20- bis 29-Jährigen. Bei jüngeren, aber vor allem auch bei den Über-80-Jährigen hat die Inzidenz in den vergangenen Shutdown-Wochen sogar noch zugelegt.

Intensivbetten werden immer knapper

Weit entfernt von Entspannung arbeiten auch die Krankenhäuser. Zwar fiel die Anzahl der gemeldeten hospitalisierten Covid-19-Patienten in der vergangenen Woche von 5298 auf 4221, sie ist aber immer noch sehr hoch und kein Beleg für eine Trendwende. Dagegen spricht auch der jüngste Bericht des DIVI-Intensivregister, wo zu sehen ist, dass der Anstieg nicht mehr so steil ist, aber die Zahl der belegten Intensivbetten weiter zulegt. Demnach befinden sich aktuell 3781 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, das sind 11 mehr als gestern. 2214 Patienten müssen invasiv beatmet werden, 38 mehr als am Dienstag.

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Gleichzeitig nehmen die Intensivkapazitäten weiter kontinuierlich ab. Insgesamt sank die Zahl der freien Intensivbetten in Deutschland seit gestern um 182 auf 5775, wovon nur 4816 davon für Erwachsene geeignet sind. Dabei gibt es große regionale Unterschiede. In Berlin sind beispielsweise von 1284 Intensivbetten bereits 1100 belegt. In Schleswig-Holstein gibt es zwar nur 856 Intensivbetten, davon sind aber noch 270 frei.

Im Notfall werden Patienten verteilt. Dieses Management sei jedoch bei höherer Belegung der Betten "langsam nicht mehr möglich", sagte die Divi-Sprecherin der dpa. Außerdem herrscht Personalmangel und nicht jedes Intensivbett ist für jeden Covid-19-Patienten geeignet. Etwa jeder dritte Corona-Intensivpatient brauche beispielsweise ein Dialysegerät zusätzlich zu den oft benötigten Beatmungsgeräten, berichtet der BR. Vor allem kleine Kliniken könnten das oft nicht leisten.

Quelle: ntv.de