Besonderheit der FlugbahnWarum starten die deutschen Raketen in Norwegen?
Von Kai Stoppel
Von Norwegen aus schickt das bayerische Unternehmen Isar Aerospace erstmals eine Trägerrakete erfolgreich ins All. Viele der großen Weltraumbahnhöfe liegen in Äquatornähe, was einige Vorteile mit sich bringt. Warum startet die deutsche Rakete ausgerechnet im eisigen Norden?
Es ist ein Meilenstein für die deutsche Raumfahrt: Von Norwegen aus startet das bayerische Unternehmen Isar Aerospace erstmals erfolgreich die Trägerrakete "Spectrum", die fünf kleine Satelliten aussetzt. Aber Moment mal, wieso eigentlich von Norwegen aus? Bekannte Raketenstartplätze wie Cape Canaveral in Florida oder der europäische Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana liegen in südlichen Gefilden. Und das hat auch einen triftigen Grund.
Am Äquator drehen sich Objekte auf der Erdoberfläche am schnellsten, rund 460 Meter pro Sekunde. Raketen, die in Äquatornähe in Richtung Osten gestartet werden, können diese Geschwindigkeit nutzen und dadurch Treibstoff sparen. Das gilt aber nur, wenn die geplante Umlaufbahn eines Satelliten in etwa dieselbe Richtung zeigt. Bei Starts von Isar Aerospace in Norwegen ist genau das jedoch nicht der Fall.
Denn das Unternehmen plant von Andøya aus Starts in vergleichsweise niedrige polare Umlaufbahnen. Dabei fliegt ein Satellit über die Pole um die Erde - also nicht von West nach Ost, sondern von Nord nach Süd. Und bei so einer Bahn kann die kostenlose Beschleunigung durch die Erdrotation gar nicht genutzt werden, im Gegenteil: Die Beschleunigung der Erde muss für eine polare Umlaufbahn sogar ausgeglichen werden. In Andøya ist die Rotationsgeschwindigkeit der Erdoberfläche jedoch deutlich geringer als am Äquator.
Immer zur ähnlichen Sonnenzeit über der Erde
Zu den polaren Orbits zählen auch sonnensynchrone Umlaufbahnen: Bei diesen dreht sich die Bahn des Satelliten jeden Tag um etwa ein Grad und folgt damit der scheinbaren jährlichen Bewegung der Sonne. Das hat zur Folge, dass der Satellit einen Ort auf der Erde immer ungefähr zur gleichen lokalen Sonnenzeit überfliegt – ideal etwa für Erdbeobachtungs-, Kartierungs-, Klima- und Aufklärungssatelliten, weil Licht und Schatten zwischen den Aufnahmen vergleichbar bleiben. Und genau solche Satelliten will Isar Aerospace von Norwegen aus starten, wie etwa zwei norwegisch-europäische Satelliten zur Überwachung des arktischen Meeres.
Der Startplatz in Norwegen hat noch einen weiteren Vorteil: Er befindet sich direkt am offenen Ozean, was aus Sicherheitsgründen wichtig ist. Für einen Raketenstart braucht man nicht nur die richtige geografische Breite, sondern vor allem eine sichere Flugschneise. Raketenstufen können zurückfallen, eine Rakete kann explodieren oder - wie beim ersten "Spectrum"-Testflug 2025 - nach einem Problem ins Meer stürzen.
Doch es gibt auch Nachteile in Norwegen: Für einen Satelliten, der beispielsweise nahe am Äquator kreisen oder später in eine hohe, geostationäre Bahn gelangen soll, ist der Standort ungünstig. "Spectrum" kann von dort nicht annähernd dieselbe Bandbreite von Bahnneigungen bedienen wie von Startplätzen in der Nähe des Äquators.
Startplatz auch in Kanada geplant
Auch das arktische Wetter ist ein Risiko: Im März 2025 musste ein Start der "Spectrum" wegen starker Winde verschoben werden. Und auch das vermeintlich leere Meer ist nicht immer leer. Am 25. März 2026 drang ein nicht autorisiertes Boot in das Sperrgebiet ein. Der Countdown musste angehalten werden und das Startfenster ging verloren. Zudem ist die Kapazität in Andøya begrenzt. Die norwegische Luftfahrtbehörde erlaubt im vollständig ausgebauten Zustand derzeit bis zu 30 Starts pro Jahr.
Isar Aerospace will künftig auch andere Startplätze nutzen. Ab Anfang 2028 sollen die "Spectrum"-Raketen auch von einer geplanten zweiten Startbasis in Kanada abheben. Im Gespräch sind nach Angaben von Isar Aerospace-Missionschef Alexandre Dalloneau auch Starts vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana. Laut Isar-Aerospace-Gründer und -Chef Daniel Metzler spreche man derzeit mit mehr als zwei Dutzend Ländern, die Interesse an der Entwicklung eigener Startmöglichkeiten hätten.
Geplant ist laut Unternehmen die Produktion von 40 "Spectrum"-Raketen im Jahr. Bisher hinkt Europa bei Raketenstarts deutlich hinterher: Die große Mehrheit der europäischen Satelliten wurde von SpaceX ins All befördert. Nach Angaben von Isar Aerospace starteten die USA im vergangenen Jahr 198 Raketen, Europa lediglich acht.
