Müde, erschöpft, krankWarum das Aprilwetter uns so zu schaffen macht
Von Gregor-Amadeus Rittelmeyer
Heute bewölkt, morgen strahlender Sonnenschein, übermorgen Temperatursturz mit kaltem Regen: Aprilwetter ist launisch. Heftige Temperaturwechsel belasten unseren Körper spürbar. Ein Experte erklärt, warum das so ist - und was man dagegen tun kann.
Sogenannte Frühjahrsmüdigkeit äußert sich oft durch Symptome wie Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Gerade das wechselhafte Aprilwetter mit raschen Temperaturwechseln kann Menschen mit Vorerkrankungen stark belasten. Doch was sind die Ursachen? Und was kann man dagegen tun?
Wieso belastet uns stark schwankendes Wetter?
Unser Körper arbeitet ständig daran, eine Kerntemperatur von etwa 37 Grad Celsius stabil zu halten. Bei Wetterumschwüngen muss das vegetative Nervensystem diese Anpassungsprozesse regulieren, was sich direkt auf unseren Hormonhaushalt und den Energieverbrauch auswirkt. "Man muss es sich so vorstellen: Der Körper hat ein System, um das Beste aus den Bedingungen zu machen, muss sich aber durchgehend damit auseinandersetzen", erklärt der Bio- und Umweltmeteorologe Professor Andreas Matzarakis von der Universität Freiburg.
Etwa 60 bis 70 Einflüsse muss der Körper regulieren. Dazu zählen hormonelle Veränderungen, Stressabbau, Verdauung von deftigen Speisen und der Ausgleich des Herz-Kreislauf-Systems. Umweltbedingungen wie plötzliche Kälte oder Wärme, Luftverschmutzung, Pollenflug und Sonnenbrandgefahr fordern den Körper weiter.
Warum wird insbesondere das Aprilwetter von vielen Menschen als belastend empfunden?
Im April ziehen Hoch- und Tiefdruckgebiete oft in rascher Folge über uns hinweg, was zu einer instabilen Witterung führt. Unser regulierender Körper ist hormonell nach dem Winter aber noch nicht wieder eingestellt, so der Experte. Zudem hätten wir unsere Kleidung noch nicht entsprechend angepasst.
Eine neue Studie behauptet, Frühjahrsmüdigkeit sei ein deutscher Mythos. Stimmt das?
Um herauszufinden, ob es so etwas wie Frühjahrsmüdigkeit tatsächlich gibt, haben Forscher bei einer Studie die Schlafwerte von 418 Probanden über ein Jahr lang ausgewertet. Das Ergebnis: Es gab weder Hinweise auf vermehrte Erschöpfung, noch auf erhöhte Tagesschläfrigkeit oder geringere Schlafqualität in dieser Jahreszeit. Die Studienautoren vermuteten, dass es sich möglicherweise um ein psychologisches "Labeling" handele: Müdigkeit wird dann erst dadurch empfunden, weil es einen Begriff dafür gibt.
Matzarakis bewertet die Ergebnisse zurückhaltend: "In jedem Mythos steckt auch eine Wahrheit drin". Demnach beeinflussen die hormonelle Umstellung nach den dunklen Wintermonaten und die schnellen Wetterwechsel unser Befinden messbar. Viele Faktoren entscheiden, ob wir diese Veränderungen als positiv oder negativ wahrnehmen. Der Wetterexperte weist zudem darauf hin, dass es mehr klinische Studien und die Auswertung der Werte tausender Probanden bräuchte, um das Phänomen deutlicher zu verstehen.
Welche Personengruppen sind besonders anfällig für plötzliche und starke Wetterwechsel?
Grundsätzlich verspüren alle Menschen Wetterumschwünge. Experten unterscheiden aber zwischen drei Gruppen: den "Wetterreagierenden", den "Wetterfühligen" und den "Wetterempfindlichen".
Auf das Wetter reagieren alle Menschen, da die Körpertemperatur konstant gehalten werden muss. Das vegetative Nervensystem reguliert also, was hormonelle Auswirkungen nach sich zieht. "Wetterfühlige" reagieren darauf jedoch stärker. Wenn eine Vorbelastung vorhanden ist, können rasche Wetterumbrüche die Betroffenen strapazieren. Müdigkeit, Schlafbeschwerden und eine Veränderung des Blutdrucks können auftreten; auch Migräne kann ausgelöst werden, so Matzarakis. In Umfragen identifizieren sich etwa 50 Prozent der Befragten als "wetterfühlig".
Die "Wetterempfindlichen" werden von plötzlichen Wetterwechseln Matzarikis zufolge am stärksten eingeschränkt. Sie machen in Umfragen etwa 15 bis 20 Prozent aus. Ihre Regulationsfähigkeit ist durch langjährige Vorerkrankungen bereits eingeschränkt. Wetterumschwünge verstärken dann bestehende Beschwerden teils massiv. Das kann dazu führen, dass Betroffene nicht wie gewohnt ihren Alltag bestreiten können und bis zu fünf Arbeitstage im Jahr zusätzlich ausfallen.
Welche Symptome treten beim Aprilwetter am häufigsten auf?
Kopfschmerzen und Migräne führen die Statistiken mit 59 Prozent an. Dicht darauf folgen Müdigkeit (55 Prozent), allgemeine Abgeschlagenheit (49 Prozent) sowie Schlafstörungen (40 Prozent). Die Liste der möglichen Beschwerden ist aber länger: "Nicht die Wetteränderung an sich ist ausschlaggebend, vielmehr sorgen andere Faktoren wie Vorbelastungen für das Wetterempfinden", sagt der Experte. Heißt: Wetterumschwünge können existierende Beschwerden verstärken.
Matzarakis betont, dass die Symptome zudem von der Art des Wetterwechsels abhängig sind: Während Kaltfronten Bluthochdruck oder rheumatische Beschwerden verstärken, klagen Menschen bei Warmfronten über Kopfschmerzen. "Gerade Menschen mit Herz- und Atemwegserkrankungen gehen bei einer Hitzewelle durch die Hölle", so der Professor.
Welche konkreten Maßnahmen helfen, besser mit wechselhaftem Wetter umzugehen?
Die gute Nachricht: "Die Anpassungsfähigkeit des Körpers kann trainiert werden", versichert der Wetterexperte. Neben regelmäßiger Bewegung und frischer Luft helfen demnach kalte Duschen und erholsamer Schlaf, um Körper und Gefäße an die Temperaturreize anzupassen. Das muss aber konstant und nicht von heute auf morgen trainiert werden. Zudem sollte man auf eine leichte Ernährung achten und "auf eine deftige Schweinshaxe" unmittelbar vor und während eines starken Wetterwechsels verzichten, rät der Experte.
Wer seine individuellen Reaktionen besser verstehen will, kann auch ein Wettertagebuch führen, um Aktivitäten gezielter zu planen. Dafür helfen auch Wetterdienste mit einer Biowettervorhersage. Mit Wetterempfindlichkeit und Vorerkrankungen sei die systematische Anpassung laut Matzarakis schwieriger und sollte medizinisch betreut werden. Aber auch hier gibt der Experte Hoffnung, denn Hausärzte könnten die Medikation der Patienten bei Wetterumschwüngen anpassen.