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Von der Theorie zur Praxis Wie nahe ist die Inzidenz 50? Und was dann?

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Ein baldiges Ende des Lockdowns ist trotz sinkender Zahlen kaum in Sicht.

(Foto: imago images/IPA Photo)

Der Lockdown soll die 7-Tage-Inzidenz unter 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner drücken. Modelle zeigen, dass das Ziel recht nahe sein könnte, falls die Mutation B.1.1.7 keinen Strich durch die Rechnung macht. Aber kann es dann tatsächlich Lockerungen geben?

Mit einigen Aufs und Abs sinkt die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland ungefähr seit Weihnachten kontinuierlich. Am 20. Dezember lag die 7-Tage-Inzidenz noch bei rund 200 Fällen pro 100.000 Einwohner, seitdem hat sie sich nahezu halbiert, aktuell beträgt sie 107. Der verschärfte Lockdown wirkt also langsam, aber sicher. Und das bedeutet, dass das von der Politik vorgegebene Ziel einer Inzidenz unter 50 theoretisch in nicht mehr allzu weiter Ferne ist.

Inzidenz 50 Mitte Februar möglich

Der Covid-19-Simulator der Universität des Saarlandes zeigt, dass der angestrebte Wert zwischen 15. und 20. Februar erreicht werden könnte, falls die Reproduktionszahl R im 7-Tage-Schnitt von jetzt knapp unter 0,9 in den kommenden Tagen auf 0,8 und tiefer fallen würde. Ändert sich R nicht, wäre man erst Anfang März am Ziel.

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Über dem Modell schwebt aber ein großes Fragezeichen. Denn viel wird davon abhängen, wie stark sich die neue Sars-CoV-2-Variante B.1.1.7 in Deutschland in den kommenden Tagen und Wochen verbreiten wird. Derzeit scheint die Mutation noch nicht das Zepter übernommen zu haben, doch für Wissenschaftler ist dies nur eine Frage der Zeit.

Das staatliche dänische Statens Serum Institute schätzt dem Immunologen Kristian Andersen zufolge, dass der R-Wert des mutierten Virus etwa bei 1,1 liegt. Je mehr sich diese Variante durchsetzt, desto schwerer wird es also, die Inzidenz zu senken. Und B.1.1.7 legt rasant zu. In Portugal benötigte die Mutation nur fünf Wochen, um einen Anteil am Infektionsgeschehen von 12 Prozent zu erreichen.

Mutation droht Strich durch die Rechnung zu machen

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem man nicht weiß, wie schnell der Gegner vorankommt. Dass sich die Mutation bereits in Deutschland auf breiter Fläche ausbreitet, weiß man. Laut "Tagesspiegel" gab es bisher in rund 30 deutschen Gemeinden nachgewiesene Infektionen mit B.1.1.7, der bisher größte bekannte Ausbruch ereignete sich in einer Berliner Klinik.

Doch weil in Deutschland bisher bei weniger als 0,5 Prozent aller positiven Proben Gen-Sequenzierungen vorgenommen wurden, könnte die Dunkelziffer sehr viel höher sein. In Großbritannien werden 15 Prozent der Proben untersucht. Um künftig einen besseren Überblick über Mutationen zu haben, sollen in Deutschland jetzt 5 Prozent aller positiven Tests gentechnisch untersucht werden. Dabei geht es nicht nur um B.1.1.7, weitere Mutationen wie die in Brasilien oder Südafrika entdeckten Varianten stellen ebenfalls eine potenzielle Gefahr dar.

Drosten sieht Zeitfenster

Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass B.1.1.7 bisher in Deutschland noch relativ wenig verbreitet ist. Er schätzte den Anteil der Variante am Infektionsgeschehen vor einer Woche in seinem NDR-Podcast auf rund 1 Prozent. Unter anderem bezieht er sich dabei auf Sequenzierungen, die Virologen nach Weihnachten bei aufbewahrten Proben nachträglich durchführten. Bei der Bundespressekonferenz am 22. Januar warnte er auch vor einer verzerrten Wahrnehmung, wenn häufig Verdachtsfälle, zum Beispiel in Ausbruchs-Clustern mit Bezug zum Vereinigten Königreich, sequenziert würden.

Daraus ergäbe sich für Deutschland ein Zeitfenster, in dem man B.1.1.7 "im Keim ersticken" könne, sagte Drosten. "Wir müssen jetzt was machen, wenn wir speziell das Aufkeimen der Mutante in Deutschland noch beeinflussen wollen. Später kann man das nicht mehr gut machen, dann ist es zu spät." Dabei betont er, dass die aktuellen Maßnahmen auch gegen die Variante wirken, das sehe man unter anderem an Großbritannien. Tatsächlich konnte das Land durch eine Verschärfung des dortigen Lockdowns den 7-Tage-Schnitt der Neuinfektionen von rund 57.000 am 7. Januar auf jetzt knapp 31.000 drastisch senken.

R muss noch deutlicher sinken

Die voranschreitende Verbreitung von B.1.1.7 bedeutet für Deutschland, dass der Lockdown eigentlich auf keinen Fall beendet werden kann, auch wenn die Inzidenz unter 50 fallen sollte. Denn Wissenschaftler gehen davon aus, dass es nur eine Chance gibt, die Mutation unter Kontrolle zu halten, wenn sie die vorherrschende Variante wird: Die Reproduktionszahl muss noch deutlicher sinken. Das Statens Serums Instut schreibt, bei 0,8 könne man einen Anstieg nicht verhindern, wenn sich B.1.1.7 Mitte Februar durchsetze, aber wenigstens abmildern. Wolle man eine erneute Zunahme der Fälle komplett unterbinden, müsse R auf 0,7 gedrückt werden.

Die 0,7 scheint in der Pandemiebekämpfung eine magische Zahl zu sein, denn auch Wissenschaftler um Max-Planck-Physikerin Viola Priesemann und den Virologinnnen Sandra Ciesek und Melanie Brinkmann, die eine striktere No-Covid-Strategie vorschlagen, plädieren dafür. Und schon im Frühjahr war ein Wert von 0,75 in einer gemeinsamen Studie von Helmholtz-Zentrum und ifo-Institut die angestrebte Reproduktionszahl für einen goldenen Mittelweg durch die Krise. Doch es ist keine Magie, sondern Mathematik.

0,7 wäre ideal

Es gibt nicht nur ein exponentielles Wachstum, sondern auch eine exponentielle Abnahme in der Pandemie. Physiker Matthias Linden hat auf Twitter vorgerechnet, was dies bedeutet: Wenn R 0,9 beträgt, halbiert sich die Zahl der Neuinfektionen ungefähr innerhalb eines Monats, bei 0,8 reduziert sich die Zeit bereits auf zwei Wochen, bei 0,7 ist es nur noch eine Woche. Dafür müsste man die gegenwärtigen Maßnahmen nur leicht verschärfen.

Laut Covid-Simulator erreichte man die 50er-Inzidenz bereits am 13. Februar, wenn zusätzliche Einschränkungen ab kommenden Montag zu R = 0,7 führten. Der Zeitgewinn wäre vergleichsweise gering, aber bei No-Covid geht es ja auch darum, die Inzidenz noch deutlich tiefer zu bringen, möglichst auf 1. Im Strategiepapier heißt es, das sei bis spätestens Frühjahr machbar.

Dies bedeutete allerdings einen Lockdown unter verschärften Bedingungen für weitere zwei oder drei Monate. Ob das durchsetzbar ist, ist fraglich. Traut sich die Politik, so etwas ihren Wählern zu verkaufen, ist die Akzeptanz für so eine Strategie in der Bevölkerung groß genug? Halten das die betroffenen Unternehmen, Kulturbetriebe, Künstler, Schüler, Studenten und Eltern aus? Ist das überhaupt bezahlbar? Und wie soll so etwas funktionieren, ohne eine europäische Strategie oder wenigstens Absprachen mit den Nachbarländern?

"Strategie illusorisch"

Andere Wissenschaftler wie der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr halten so ein Vorhaben schlicht für illusorisch. Er sagte ntv.de, bei einer so hohen Infektiosität und weil noch mehr als 90 Prozent der Bevölkerung keine Immunität gegen das Virus entwickelt hätten, "können selbst drastische Einschränkungen die dauernde Viruszirkulation nur in einem begrenzten Umfang und dann nur über einen kurzen Zeitraum reduzieren". Ein Inzidenzwert von unter 50 im Winter sei "illusorisch", so Stöhr. Das bedeutet, dass auch ein "totaler Lockdown" unter großen Verlusten die Inzidenz bestenfalls vorübergehend unter 50 bringen könnte - mehr aber auch nicht.

Das klingt plausibel, aber was folgt daraus? Stöhr hält Inzidenzen zwischen 100 und 120 in Deutschland für kontrollierbar. Die Reproduktionszahl solle dabei nicht höher als 1 sein, aber auch nicht viel niedriger. Damit es nicht ständig rein oder raus aus den Kartoffeln heiße, sagt er. Allerdings ist auch er für einschränkende Maßnahmen und hält den aktuellen Lockdown für alternativlos.

Zu frühe Lockerungen sehr gefährlich

Das war, bevor klar war, dass B.1.1.7 tatsächlich deutlich infektiöser als das ursprüngliche Sars-CoV-2 ist, um rund 35 Prozent, schätzt Christian Drosten. Nun besteht aber die realistische Gefahr, dass bei so hohen Inzidenzen das mutierte Virus nicht an der Ausbreitung gehindert werden kann. Die Folge könnte ein unkontrollierbarer, explosionsartiger Anstieg der Fallzahlen sein - so wie es auch die Bundesregierung fürchtet. Kanzleramtschef Braun sagte, es sei jetzt besonders wichtig, die Infektionszahlen "sehr stark" zu senken und damit einer weiteren Verbreitung der Mutation die Grundlage zu entziehen.

Nach möglichen Rücknahmen von Corona-Maßnahmen Mitte Februar klingt das nicht. Und Drosten warnt auch ausdrücklich davor. Bei zu frühen Lockerungen drohten "Fallzahlen nicht mehr von 20.000 oder 30.000, sondern im schlimmsten Fall von 100.000 pro Tag", sagte er dem "Spiegel". Auch Drosten plädiert daher dafür, R auf 0,7 zu drücken.

Welche Strategie ist weniger schlimm?

Letztendlich heißt das, dass der Lockdown so oder so auf die eine oder andere Weise bis zum Frühjahr fortgesetzt werden muss. Die Frage ist eigentlich nur, welche Strategie am wenigsten schmerzt. Ein Kurs mit höheren Inzidenzen tut zunächst weniger weh. Allerdings besteht die Gefahr, dass ein sanfter Lockdown viel länger durchgezogen werden muss als ein harter.

Der Sommer werde bei der Eindämmung des Virus nicht helfen, fürchtet Drosten. Dass es in Deutschland von Juni bis August des vergangenen Jahres nur ein geringes Infektionsgeschehen gab, führt er weniger auf höhere Temperaturen zurück, sondern darauf, dass die Zahlen im Frühjahr unter einer kritischen Marke geblieben seien. "Ich fürchte, jetzt wird es eher so sein wie in Spanien, wo im Sommer die Fallzahlen nach Beendigung des Lockdowns schnell wieder gestiegen sind, obwohl es sehr heiß war." Andererseits besteht die Gefahr, dass der Erfolg eines richtig harten Lockdowns nicht nachhaltig ist, wie es Klaus Stöhr im Winter erwartet.

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Was passieren kann, wenn man Maßnahmen zu früh zurückfährt, zeigt Irland, wo die Inzidenz auf 35 gesenkt werden konnte und die Pandemie dann schon kurz nach Lockerungen zu Weihnachten völlig aus der Kontrolle geriet. Selbst jetzt ist die Inzidenz dort nach einer erneuten Verschärfung mit über 280 noch mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. Trotzdem denken einige deutsche Länderchefs bereits über Lockerungen nach, allen voran Schleswig-Holsteins Daniel Günther.

Was auch immer Bund und Länder bei ihrem nächsten Treffen vereinbaren, B.1.1.7 wird ein gehöriges Wörtchen mitreden, die Entwicklung der kommenden zwei Wochen wird entscheidend sein. Hoffnungen auf größere Lockerungen vor April scheinen aber so oder so vergebens zu sein.

Quelle: ntv.de