Wirtschaft
Angela Merkel hat Athen offen mit dem Grexit gedroht. Damit treibt sie einen Keil in die Europäische Union.
Angela Merkel hat Athen offen mit dem Grexit gedroht. Damit treibt sie einen Keil in die Europäische Union.(Foto: picture alliance / dpa)

Folgen des #Greekment: Die eiserne Kanzlerin spaltet Europa

Ein Kommentar von Hannes Vogel

Mit der Demütigung Athens hat Angela Merkel nicht nur Deutschlands Ansehen schwer beschädigt. Im Schuldenstreit nimmt sie die Spaltung Europas in Kauf. Ihr neues Rezept gegen die Krise lautet: friss oder stirb.

Hätte man Angela Merkel nur am Montagabend zugehört, hätte man meinen können, der Kanzlerin seien europäische genauso wichtig wie deutsche Interessen. "Bei allen Herausforderungen dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, welch großer Schatz die Idee der europäischen Einigung ist. Die Fähigkeit zum Kompromiss gehört zu den großen Stärken Europas", sagte sie beim Botschafter-Empfang im Kanzleramt.

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Genau diese Fähigkeit fehlte der Kanzlerin am Montagmorgen, bei der Einigung mit Griechenland. Mit der bedingungslosen Unterwerfung hat sie Griechenland gedemütigt. Ein Staatsstreich, wie viele Twitter-User unter dem Hashtag #thisisacoup behaupten, war das zwar nicht. Auch die deutschen Wähler haben ein Recht darauf, dass ihr Wille im Schuldenstreit respektiert wird. Doch wie brachial Angela Merkel deutsche Interessen durchgedrückt hat, ist ein Tabubruch. Sie behandelt die Griechen wie ein besiegtes Volk. Nicht nur für Deutschlands Ansehen ist das verheerend. Viel schwerer wiegt: Die eiserne Kanzlerin nimmt für ihren Machterhalt bewusst die Spaltung Europas in Kauf.

Ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble stellte den Hellenen ein brutales Ultimatum: Entweder ihr gebt euren Widerstand gegen die Sparpläne auf. Oder ihr fliegt für mindestens fünf Jahre raus aus dem Euro. Athen blieb nur die bedingungslose Kapitulation. "Eine Katastrophe für Europa" nannte Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn Schäubles Grexit-Plan. Als "entwürdigend" bezeichnete ihn Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann. Und Frankreichs Präsident Francois Hollande mahnte: "Ein Grexit würde bedeuten, dass Europa sich rückwärts bewegt. Ich möchte das nicht".

Friss oder stirb

Bei Merkel kann man sich da seit dem Wochenende nicht mehr so sicher sein. Zum ersten Mal hat sich Deutschland für weniger Europa eingesetzt, statt für mehr. Das ist das eigentlich Fatale an der Einigung. Statt dem todkranken Patienten rettende Medizin zu geben, hat die Kanzlerin ihn noch an die Wand gedrückt und ihm sein letztes Hemd abgepresst.

Oder wie soll man das sonst nennen, was sie Griechenland da mit dem Privatisierungsfonds diktiert hat? Was würden die Deutschen sagen, wenn die Griechen kämen und sagten: "Verkauft mal zackig den Hamburger Hafen! Im Zweifel zum Schleuderpreis, aber dalli! Das Geld habt ihr bei uns abzuliefern!" Am Sonntag hat Merkel einem ganzen Volk das Tafelsilber gepfändet.

Ein Hauch von Versailles liegt in der Luft. Eine Politik kehrt zurück, die in Europa längst in die Mottenkiste verbannt schien: das Recht des Stärkeren. Es ist kein Zufall, dass Schäuble ausgerechnet in der Runde der 19 Euro-Finanzminister ein Exempel an Athen statuiert hat. Es war ein Warnschuss für alle anderen Länder, gar nicht erst zu versuchen, aufzumucken. Friss oder stirb, das ist das Rezept, mit dem die Kanzlerin Europa nun zusammenhält.

Ein fatales Signal der Schwäche

Merkel und Schäuble machen sich damit nicht nur zu genau den geschmacklosen Karikaturen, die die irrsten Spinner in Griechenland schon immer von ihnen gezeichnet haben. Sie verschließen weiter die Augen vor der Wirklichkeit. Die griechische Wirtschaft wird dieses Jahr schrumpfen. Trotzdem soll Athen Haushaltsüberschüsse abliefern. Sie beleben den Patienten wieder, amputieren ihm zugleich ein Bein und verlangen, dass er den Weltrekord im Hundert-Meter-Lauf bricht.

Was nützt es, die Griechen so zu bestrafen? Ja, sie haben es selbst verbockt. Ja, es ist unerträglich, wie die Syriza-Regierung die Geldgeber als Terroristen beschimpft und erwartet, dass sie trotzdem ihre Rechnung bezahlen. Aber Rache darf im geeinten Europa kein Motiv für Politik sein. Daran, wie der Stärkere mit dem Schwächeren umgeht, zeigt sich der wahre Charakter.

Die Kanzlerin sendet ein Signal der Schwäche. Sie würgt den Motor der Integration ab, die deutsch-französische Einheit. Wie soll die EU mit der Ukraine-Krise fertigwerden, wenn sie nicht mal ein Problem wie Griechenland in den Griff bekommt? Wenn sie schon die Griechen erpressen muss, wie will sie dann erst die Briten überzeugen, in der EU zu bleiben? Niemand sollte den deutschen Sieg über Athen bejubeln. Merkels Machtwort ist eine schwere Niederlage für Europa. Als Deutscher muss man sich dafür schämen.

Quelle: n-tv.de

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