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Autoindustrie 25 Milliarden Euro Verlust

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Ausgebrannte Neuwagen in Ibaraki: Die Auswirkungen auf die japanische Autoindustrie werden wohl gravierend sein.

(Foto: REUTERS)

Japan befindet sich in der Schock-Starre und die Auswirkungen werden das Land auf Jahrzehnte beschäftigen. Betroffen sind auch die Autobauer, die nach Experten-Meinung bis zu 25 Milliarden Euro Schaden erleiden könnten.

Toyota hat die Produktion in allen zwölf japanischen Werken bis Mittwoch eingestellt, Verlängerung wahrscheinlich. Bei Honda stehen die Werke Sayama, Ogawa, Tochigi und Hamamatsu vorerst still. Das Werk Kumamoto wird von morgen an bis zum 20. März die Produktion aussetzen. Nissan hat ebenfalls alle Werke in Japan bis Ende der Woche still gelegt. Das Unternehmen produziert vornehmlich in der vom Beben betroffenen Region Tochigi und baute in 2009 immerhin mehr als eine Million Autos im Inland, mehr als ein Drittel davon für den Export.

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Nissan ist besonders hart vom Beben betroffen. Die gesamte japanische Produktion liegt im Krisengebiet Tochigi.

(Foto: REUTERS)

Gegenüber n-tv.de bestätigte Ekkardt Sensendorf den Stillstand in Japan. Für den deutschen Markt zeige die Katastrophe vorerst keine Auswirkungen. "70 Prozent der in Deutschland verkauften Modelle werden in der EU gebaut, die Teile dafür kommen zu 90 Prozent aus dem Euro-Raum. Alles andere befindet sich derzeit auf Schiffen und ist noch sechs bis acht Wochen unterwegs. Wenn überhaupt kommt es erst dann zu Engpässen", sagt der Unternehmenssprecher gegenüber n-tv.de.

Nissan besonders stark betroffen

Kirsten Schmitz von Nissan Deutschland sieht für den Absatz in Deutschland bislang ebenfalls keine Lieferschwierigkeiten. "Alle Volumenmodelle fertigen wir in Europa. Lediglich der Micra kommt aus Indien. Vom japanischen Produktionsstopp sind höchstens Nischenmodelle betroffen. Genaue Aussagen können wir aber derzeit noch nicht machen", sagt Schmitz auf Anfrage von n-tv.de. Größere Zerstörungen an den Nissan-Werken gäbe es nicht, aber die Mitarbeiter seien freigestellt worden. Außerdem fehle es an Strom. Auch um einen möglichen Blackout vorzubeugen habe man sich zu den Maßnahmen beschlossen.

Im weltweiten Rennen um die Krone des weltweit größten Autobauers dürfte das Erdbeben in Japan Toyota wohl den Platz an der Spitze kosten. Im letzten Jahr verkauften die Japaner mit 8,42 Millionen Fahrzeugen nur geringfügig mehr als der ewige Konkurrent General Motors (8,4 Millionen). Dahinter lag auf Platz drei Volkswagen mit 7,14 Millionen Autos.

Wacklige Stromversorgung

Die langfristigen Folgen für Japans Autoindustrie sind derzeit noch nicht absehbar. Das wird vor allem von der Länge der Produktionsstopps abhängen. Neben den Folgen des Bebens und des darauf folgenden Tsunamis ist das ausgefallene Atomkraftwerk Fukushima die größte Unbekannte. Kommt es dort zu einem nuklearen GAU, dann wird die Produktion für lange Zeit still stehen. Größtes Problem ist schon jetzt die Stromversorgung. In weiten Teilen des Landes für die Energiezufuhr immer wieder stundenweise ausgesetzt, um einen landesweiten Blackout zu verhindern.

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Zerstörte Container im Hafen von Sendai. Die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft ist bisher noch unklar.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer rechnet mit einem möglichen Stopp der Produktion von bis zu drei Monaten. Das würde einem Ausfall von 2,5 Millionen Fahrzeugen entsprechen. Etwa 30 Prozent könnten Werk im Ausland durch Produktionsausweitung wieder auffangen. "Damit würden die japanischen Autobauer etwa 1,6 Millionen Fahrzeuge verlieren", sagt Dudenhöffer. Das entspräche einem Schaden von gut 25 Milliarden Euro, den die japanische Autoindustrie verkraften müsste. Nicht eingerechnet bei diesen Zahlen sind mögliche weitere Stillstände durch Stromausfälle und die Unterbrechung von Forschung und Entwicklung. Ein Schlag, der die Branche um Jahre zurück werfen könnte.

Vorsprung bei Elektromobilität in Gefahr?

Bis auf weiteres bleibt auch unklar, wie sich der japanische Binnenmarkt entwickeln wird. Viele Hausbesitzer haben die Kosten für die teuren Zusatzversicherungen gegen Tsunamis und Erdbeben gescheit. Das bedeutet nicht selten ein wirtschaftlicher Totalkollaps. Die ohnehin angeschlagene Volkswirtschaft wird auf Jahrzehnte an den Folgen des Erdbebens leiden. Substitutionskäufe werden die Produktionsausfälle jedenfalls nicht aufwiegen können.

Auf dem Automarkt wird die Konkurrenz aus den USA und Europa zwangsläufig Nutznießer der Katastrophe. GM wird die Krone des größten Autobauers in diesem Jahr wieder an sich bringen können. So viel steht wohl jetzt schon fest. Auch VW dürfte recht nah an Toyota heranrücken und vielleicht sogar schon zum Überholen ansetzen.

Besonders bei Wettrennen um die Elektromobilität ist das Beben und seine Folgen für Japan ein herber Schlag. Nahezu alle Forschungsstandorte der Autoindustrie sind in Japan versammelt. Die Produktion des weltweit ersten Großserienelektrofahrzeugs, des Nissan Leaf steht. Die Markteinführung kommt ins Stocken. Auch das Hybridfahrzeug Toyota Prius wird ausschließlich in Japan gebaut. Das Beben könnte die japanischen Hersteller ihren Vorsprung in Sachen Elektromobilität kosten. Und das hätte dann noch viel langfristigere Folgen für Branche.

Quelle: n-tv.de

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