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Gelähmt im Rennwagen Arrow Corvette SAM mit dem Kopf gelenkt

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Die Steuerung der Arrow Corvette ist reine Kopfsache.

Für Menschen mit schwerer Querschnittslähmung sind viele Dinge unmöglich. Zum Beispiel Autofahren. Doch vielleicht nicht mehr lange. Für den ehemaligen Rennfahrer Sam Schmidt wird eine Chevrolet Corvette C7 Stingray so umgebaut, dass sie auf Kopfzeichen reagiert.

Ein Mann sitzt im Auto, gibt Gas, bremst, lenkt in eine Kurve hinein. Das sind an sich keine erstaunlichen Vorgänge, zumal sie sich auf einer Rennstrecke abspielen. Aber der US-Amerikaner Sam Schmidt ist von den Schultern abwärts gelähmt, sein Auto ist die Corvette C7 Stingray mit 460 PS und der Ort der Speedway von Indianapolis. Vor dem Start der legendären Indy 500 im Mai ließ sich der querschnittsgelähmte ehemalige Rennfahrer per Lift in diese Corvette hieven und erreichte vor einem begeisterten Publikum eine Höchstgeschwindigkeit von fast 100 Meilen pro Stunde (rund 140 km/h). "Es war nicht nur ein wunderbarer Moment", erinnert sich Sam am Rande der internationalen Technologiemesse Electronica in München. "Es war vor allem so erstaunlich normal. Als wäre ich nie weg gewesen. Ich denke, ich könnte noch Tempo 200 erreichen."

Einfach mit dem Kopf lenken

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Sam Schmidt erreichte das Cockpit nur mit Hilfe eines Krans.

Dieses ganz besondere Showcar wirkt nur auf den ersten Blick wie ein Fremdkörper in einem Schaufenster für Halbleiter- und Nanotechnologie und dem zukünftigen Internet der Dinge. Die Arrow Corvette SAM, wie der Indy-Debütant offiziell heißt, ist vollgespickt mit modernsten Steuerungssystemen, die einem Menschen erlauben, ein Fahrzeug ausschließlich per Kopfzeichen zu bewegen. Um zu beschleunigen, neigt Sam seinen Kopf in die Stütze zurück. Um zu lenken, dreht er den Kopf sachte nach links oder rechts. Um zu bremsen, beißt der Fahrer auf ein Mundstück, das mit Sensoren ausgestattet ist.

Im Cockpit der Corvette sind Infrarotkameras montiert, die mit den knopfähnlichen, kleinen reflektierenden Sensoren auf Sams Baseballkappe verbunden sind. Die Software überprüft die Signale der Kopfbewegungen wie auch des Bremssensors und der zentrale Prozessor leitet dann die Daten als Befehle weiter an die mit dem System integrierten Gas- und Bremspedale sowie an das Lenkrad. Die Schaltzentrale ist im großzügigen Kofferraum des Sportwagens untergebracht. Dort befindet sich auch die GPS-Einheit, die wie ein Spurhalte-Assistent eingreift, wenn das Auto zu nah an Fahrbahnbegrenzungen gerät. Das Programm erkennt aber auch, wenn der Kopf des Fahrers beispielsweise beim Niesen oder bei Husten eine "anormale" Bewegung macht.

In fünf Monaten gebaut

Diese wohl einzigartige Corvette Stingray ist das Ergebnis der Zusammenarbeit des Elektronik-Dienstleisters Arrow mit Experten für drahtlose Datenübertragung, Chiptechnologie, Software-Design und einem Neuromediziner, der sich für die Mobilität Behinderter engagiert. So kam auch der Kontakt mit Schmidt zustande. In nicht einmal fünf Monaten wurde die Idee vom kopfgesteuerten Auto umgesetzt, die dann vor der Indy 500 schließlich ihren großen Auftritt hatte. "Es lebe die Deadline, der Termin des Rennens ließ sich ja nicht für uns verschieben", lacht Joe Verrengia.

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Die Kosten für das Projekt waren geringer als gedacht.

Der Arrow-Manager leitet bei dem Konzern die Abteilung für gesellschaftliche Verantwortung. "Wir haben für unser Unterfangen nichts komplett neu entwickelt, sondern nur in die Regale gegriffen." Deswegen sind die Gesamtkosten für SAM (semi-autonomous motorcar) mit weniger als einer Million Euro auch bemerkenswert niedrig. Dass ausgerechnet eine Corvette behindertengerecht ausgestattet wurde, liegt daran, dass ihr Hersteller Chevrolet in Indianapolis traditionell Heimrecht genießt. "Wir haben den serienmäßigen Sportwagen ganz normal für rund 60.000 Dollar beim Händler gekauft." Inzwischen ließ sich die General Motors-Tochter das Projekt SAM, das übrigens nur zufällig wie der Rennfahrer heißt, vorführen.

Als Nächstes kommt die Sprachsteuerung

"Ich habe natürlich vor meinem Auftritt in Indianapolis mit dem Team geübt. Erstaunlich war, wie leicht man lernen kann, so ein Fahrzeug zu beherrschen", erzählt Sam. Die zusätzliche Elektronik an Bord habe sich auch nicht nachteilig auf das Handling des Powerpakets ausgewirkt. "Manche Dinge verlernt man wohl doch nicht", lächelt der Rennfahrer. Bis zu seinem schweren Unfall bei einem Autorennen in Florida im Jahr 2000 war Sam Schmidt ein erfolgreicher Fahrer in der Indy-Series und hat auch die berüchtigten 500 Meilen von Indianapolis bestritten. Heute leitet er einen Rennstall.

"Seit 14 Jahren habe ich als Tetraplegiker die Kontrolle meines Körpers an andere abgeben müssen. Ich kann nicht mit meinen beiden Kindern zum Football gehen und all die Dinge tun, die für einen typischen American Dad normal sind." Selbst jetzt beim PR-Auftritt im umtriebigen Lärm einer Messe umgibt den 49-Jährigen die Stille dieser Rührung über die wiedergewonnene Kontrolle und Mobilität, welche SAM ihm eröffnet hat.

"Die Kopfsteuerung ist eigentlich erst der Anfang", überlegt Verrengia. "Die nächsten Schritte wäre, Sprachsteuerung für die Mobilität Schwerstbehinderter zu nutzen, um den Motor selbstständig zu starten und abzustellen sowie sogar per Stimme zu schalten." Aber auch in anderen riskanten Bereichen wäre für Verrengia eine Anwendung der Kopfsteuerung möglich, beim Bedienen von Fahrzeugen in großen Lagerhallen etwa oder auf Bohrinseln.

Vor ihrer Rückkehr in die USA werden die beiden Sams die Innovation bei Bosch vorführen, nächstes Jahr ist ein Auftritt beim Bonneville-Rennen geplant. Außerdem steht der Corvette noch ein weiterer Härtetest bevor: "Wir wollen mit dem Fahrzeug auf eine abgesperrte Straße", erzählt Schmidt begeistert. "Dort sind die Anforderungen für das System noch mal komplexer als auf der Rennstrecke". Natürlich hat auch Joe Verrengia die unglaubliche Landung der Sonde Philae auf einem Kometen mitbekommen. "Sam Schmidt ist für uns wie ein Astronaut, der für andere Menschen mit körperlicher Behinderung Neuland betritt."

Quelle: ntv.de, hpr/sp-x