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Auch mit 90 PS ist die rustikale Version des Dacia Sandero mit dem Beinahmen Stepway schon recht munter.
Auch mit 90 PS ist die rustikale Version des Dacia Sandero mit dem Beinahmen Stepway schon recht munter.(Foto: Axel F. Busse)
Freitag, 11. Juli 2014

Sandero Stepway: Mehr als gedacht: Dacia und die Mär vom Verzichtauto

Von Axel F. Busse

Ist "Billigmarke" eine Beleidigung oder eine Auszeichnung? Die selbstbewusste Dacia-Reklame mit Mehmet Scholl will Letzteres nahe legen. Ob Lob auch für den Dacia Sandero Stepway angebracht ist, zeigt die Begegnung im n-tv.de-Praxistest.

Das höher gelegte Fahrwerk bedingt auch eine hohe Ladekante.
Das höher gelegte Fahrwerk bedingt auch eine hohe Ladekante.(Foto: Axel F. Busse)

Konsequent arbeitet Dacia an der Spreizung der Modellpalette und macht ihrem Eigentümer Renault damit viel Freude. Im ersten Halbjahr 2014 setzte die rumänische Marke mit mehr als 25.000 Neuzulassungen schon fast halb so viele Fahrzeuge in Deutschland ab wie der Mutterkonzern, der aber mehr als doppelt so viele Modelle auf dem Markt hat. Insofern ist der Sandero Stepway so etwas wie die Vorhut zur Eroberung des Allradbereichs. Er kam vor dem Dacia Duster und ohne die Option auf Vierrad-Antrieb, aber mit der Optik des robusten Weggefährten in allen Lebenslagen.

Ist weniger mehr?

Die Erscheinung rührt vor allen Dingen von der Erhöhung der Bodenfreiheit um 40 Millimeter gegenüber dem Standard-Sandero her, begründet aber auch die Verwandtschaft mit dem Duster, dessen kleinerer Bruder das Modell Stepway zu sein scheint. Wer sich heute für einen Dacia entscheidet, der weiß, worauf er sich einlässt. Alles, was früher Sonderausstattung war und heute meist Standard ist, kostet hier extra oder ist nicht verfügbar. Aber braucht man den ganzen Zusatzkram wirklich, um von A nach B zu kommen? Eine elektrische Sitzverstellung ist eine feine Sache, manuell findet man die Position aber auch - und meist schneller. Lenkradheizung? Wenn die Kälte klirrt, kann man auch mal mit Handschuhen die Fahrt beginnen. Ein selbstständig abblendender Innenspiegel erspart einem lediglich einen Handgriff, und das elektrische Schiebe-Hebedach wird selten genutzt, wenn man eine Klimaanlage hat.

Also, was ist wirklich wichtig? Der Sandero Stepway sagt es einem: Eine übersichtliche Karosserie, bequeme Sitze, ein sparsamer Motor, ein Fahrwerk, das bei Kopfsteinpflaster nicht gleich die Krise kriegt, und eine Lenkung, die das Gefühl vermittelt, das Fahrzeug will genau da hin, wo auch der Fahrer hin will. Der Testwagen war mit einem 1,5 Liter großen Vierzylinder-Turbodieselmotor ausgestattet, der mit 90 PS bereits die stärkste verfügbare Variante darstellt. Dennoch ist es nicht erstaunlich, dass der Stepway auf rund 600 Kilometern Teststrecke keinen untermotorisierten Eindruck hinterließ: Schließlich ist das Auto mit nicht einmal 1200 Kilogramm Gewicht leichter als die meisten Kompaktwagen dieser Größe.

Hartplastik contra Wohnlichkeit

Das Hartplastik-Outfit ist nicht sonderlich kleidsam, in dieser Preisklasse aber wohl unvermeidlich.
Das Hartplastik-Outfit ist nicht sonderlich kleidsam, in dieser Preisklasse aber wohl unvermeidlich.(Foto: Axel F. Busse)

Dass die Klappgriffe der Türen sich nach dünn gewalztem Blech anfühlen und auch nicht sonderlich handlich sind, überrascht indes nicht. Will man einen manierlich ausgestatteten Pkw für unter 14.000 Euro anbieten, muss irgendwo gespart werden. Kostendiktat auch im Innenraum: dunkle Hartplastik, bei der sich eine wohnliche Atmosphäre nicht so recht einstellen will. Und doch: Zum Beispiel gibt es eine Höhenverstellung für die Gurte, was selbst bei Autos, die sich zum Premium-Segment zählen, nicht selbstverständlich ist. Die Polster der Vordersitze sind bequem, auch wenn es ihnen an Seitenhalt mangelt. Platz auf der Rückbank ist genug, um drei Erwachsene ohne Haltungsschäden zu transportieren.

In der höchsten Ausstattungslinie, Prestige genannt, kommen die Insassen in den Genuss verschiedener Vorzüge. Das Radio-Navigationssystem mit 7-Zoll-Touchscreen stammt von LG und verfügt über einen Aux-Anschluss sowie eine USB-Schnittstelle. Wer sein Mobiltelefon über Bluetooth anschließt, kann eine Freisprecheinrichtung nutzen. Ferner sind eine Geschwindigkeitsregel- und eine Klimaanlage an Bord. Die Temperierung erfolgt fast zugluftfrei. Die Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung gehört ebenfalls zum Paket, nur leider erfasst sie die Tankklappe nicht, so dass der Einfüllstutzen per Schlüssel geöffnet werden muss. Was ein zusätzlicher elektromagnetischer Sperrzapfen für die Klappe in der Produktion gekostet hätte, muss man sich ausmalen.

Das Cockpit ist übersichtlich und die Bedienung dank sparsamer Verteilung von Tasten und Reglern kein Mysterium. Die Leuchtweitenregulierung für die Scheinwerfer gelingt manuell – wenn man den versteckt unter der Verkleidung vorne links angebrachten Knopf erst einmal gefunden hat. Der Bedienungssatellit für Multimedia und Telefon liegt - das Elend ist von Renault-Lösungen her bereits gut bekannt - an der Lenksäule und deshalb meistens außerhalb des Fahrersichtfeldes. Die Überlegung scheint naheliegend, ob man die Tasten nicht in den Speichen des Lenkrades unterbringen kann.

Mehr drin als gedacht

Der Stepway sieht aus wie der kleinere Bruder des Dacia Duster.
Der Stepway sieht aus wie der kleinere Bruder des Dacia Duster.(Foto: Axel F. Busse)

Zu den Dingen, die man sich in der nächsten Stepway-Generation abgestellt wünscht, gehören die Fensterheber-Tasten in der Mittelkonsole (beim Duster sind sie schon in den Türverkleidungen angekommen), die fehlende Abschaltung der Scheinwerfer beim Ausschalten der Zündung und die Tatsache, dass die Gurtschlösser hinten nach dem Umlegen der Sitzbank unterm Polster verschwinden. Das bringt uns auch gleich zum Thema Ladevolumen: Mit bis zu 1200 Liter Gepäckraum schafft der Stepway einiges weg, nur ist die Ladekante mit Höherlegung des Fahrwerks bis auf 84 Zentimeter gewachsen. Nach Innen senkt sich ein Absatz von 20 Zentimetern und die Ladefläche ist leider auch nicht ganz eben. Erfreulich, was man beim Öffnen der Motorhaube entdeckt: Sie wird von einem Teleskopdämpfer gehoben, also kein Kraftakt und keine Fummelei mit dem Abstützrohr. Auch doppelt so teure Autos leisten sich so etwas nicht in Serie. Die Düsen für die Scheibenreinigung werden wohl analog zum Duster in der nächsten Generation unauffälliger positioniert.

Insgesamt aber muss das Urteil positiv ausfallen. Für den Preis eines mager ausgestatteten Kleinwagens aus deutscher Produktion liefert Dacia im "Prestige"-Sandero 16-Zoll-Alu-Räder, Dachreling in Matt-Chrom, Einparkhilfe hinten, elektrische Fensterheber hinten, manuelle Klimaanlage mit Pollenfilter, Multimediasystem mit Navigation, Tempopilot mit Geschwindigkeitsbegrenzer, Zentralverriegelung mit Funk-Fernbedienung, automatische Türverriegelung, Außenspiegel elektrisch einstell- und beheizbar, Bordcomputer inklusive Außentemperaturanzeige, elektronisches Stabilitätsprogramm ESP, ABS mit EBV und Bremsassistent, Isofix-Kindersitzbefestigung auf den hinteren Außenplätzen und einen Eco-Mode zur Reichweitenoptimierung.

Sparsamer Schnurrer

Einen nahezu tadellosen Eindruck hinterließ die Motor-Getriebe-Kombination, auch wenn man sich hier und da einen sechsten Gang für lange Autobahn-Passagen wünschte. Zwar gibt es eine Schaltempfehlung im zentralen Digital-Display, aber leider keine Start-Stopp-Automatik. Offenbar will Renault nicht auch noch auf diesem Feld den eigenen Produkten Konkurrenz machen. Der kleine Diesel schnurrt gemütlich vor sich hin und schluckte trotz gelegentlicher Ausflüge in den Vollgasbereich im Test nicht mehr als 5,3 Liter je 100 Kilometer. Statt der per Zulassung avisierten Höchstgeschwindigkeit von 167 km/h schaffte der Testwagen (handgestoppte) 172 Stundenkilometer.

Dank eines bereits bei 1750 Umdrehungen pro Minute verfügbaren maximalen Drehmoments von 220 Newtonmetern ist der Sandero Stepway für Schaltfaule bestens geeignet. Auch der Geräuschkomfort ist gut, obwohl das Fahrzeuggewicht nicht dafür spricht, dass allzu viel Dämmmaterial verbaut wurde. Federung und Dämpfung werden als durchschnittlich komfortabel wahrgenommen. Wobei Waldwege und Huckelpisten keine Herausforderungen sind, die man meiden müsste.

Fazit: Viel Auto für wenig Geld - ein Wunsch vieler Kunden, den die meisten Marken aber nicht verwirklichen. Gern wird der Autokäufer zu Sonderausgaben verleitet, wenn er nur ein bisschen Komfort wünscht. Dacia macht das anders. Wer aufs Image pfeift, der kriegt ein solides Auto mit sinnvollen Extras. Assistenz-Systeme oder Schnickschnack wie verstellbare Pedale sollen sich andere leisten. Dass Verzicht nicht immer wehtun muss, wenn man sich auf das wirklich Sinnvolle beschränkt, zeigt der Sandero Stepway - und der Erfolg gibt ihm recht.

 

DATENBLATTDacia Sandero Stepway dCi 90
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,08 / 1,76 / 1,62m
Leergewicht (DIN)1158 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen320 / 1200 Liter
Motor4-Zylinder Turbodieselmotor mit 1461 ccm Hubraum
Getriebe5-Gang-Handschaltung
Leistung66 kW/ 90 PS bei 3750 U/min
KraftstoffartDiesel
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit175 km/h
max. Drehmoment220 Nm 1750 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h11,8 s
Normverbrauch (innerorts, außerorts, kombiniert)4,6 / 3,7/ 4,0 l
Testverbrauch5,3 l
Tankinhalt50 Liter
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
105 g/km
EmissionsklasseEU 5
Grundpreis13.790 Euro
Preis des Testwagens14.419 Euro

Quelle: n-tv.de