Erst mehr, jetzt wenigerVolkswagen-Modellvielfalt soll sich etwa halbieren

Der Volkswagen-Konzern will seine Modellpalette kräftig ausdünnen. Zuletzt war sie vor allem gewachsen. Doch hohe Entwicklungskosten und zunehmender Wettbewerbsdruck machen eine Vielzahl eng benachbarter Modelle weniger attraktiv.
Rund 150 Modelle bietet der Volkswagen-Konzern nach eigenen Angaben derzeit weltweit an, künftig sollen es nur noch etwa 75 sein. Konzernchef Oliver Blume will Überschneidungen abbauen und die Stückzahlen je Modell erhöhen. Bis 2035 soll die Modellpalette um rund die Hälfte schrumpfen, die Zahl der möglichen Ausstattungsvarianten sogar um rund drei Viertel.
Die geplante Schrumpfkur ist auch eine Kehrtwende. Denn über Jahrzehnte ging die Entwicklung in der ganzen Autobranche in die andere Richtung: Hersteller besetzten immer neue Nischen, teilten klassische Fahrzeugklassen weiter auf und erfanden zusätzliche Karosserievarianten. Seit einigen Jahren sorgt außerdem die Elektrifizierung für Zuwachs, weil neben den neuen Stromern die alten Verbrenner weiterlaufen.
Innerhalb eines Jahrzehnts wuchs Modellvielfalt um gut die Hälfte
Beim Volkswagen-Konzern lässt sich diese Entwicklung zumindest für den deutschen Markt auch in den Zulassungsstatistiken des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) nachvollziehen. Über Jahrzehnte durchgehend vergleichbare Zahlen für das Modellangebot gibt es bei der Behörde allerdings nicht. Unter anderem, weil sich die Methodik der Statistiker zwischenzeitlich geändert hat. So wurden zeitweise zum Beispiel VW Golf, Bora und Jetta gemeinsam geführt, in anderen Fällen aufsummiert. Halbwegs konsistent sind aber die Zahlen seit 2005.
Betrachtet man von diesem Zeitpunkt an die vier Kernmarken VW, Audi, Seat und Skoda, wurden 2005 insgesamt 27 Modellreihen vom KBA ausgewiesen. Fünf Jahre später waren es bereits 36, 2015 schließlich 41. Innerhalb eines Jahrzehnts wuchs die statistisch sichtbare Modellvielfalt damit um gut die Hälfte.
Grundlegender Wandel des Automarkts
Hinter den Zahlen steckt ein grundlegender Wandel des Automarkts. Mitte der Nullerjahre war die Welt bei Volkswagen noch relativ übersichtlich. Neben den klassischen Volumenmodellen Polo, Golf und Passat standen unter anderem Touran und Sharan für den damaligen Van-Boom. Touareg und der 2005 gestartete Audi Q7 gehörten noch zu einer vergleichsweise jungen Gattung großer SUV. Audi kam damals nach KBA-Zählung auf sieben Modellreihen, Skoda auf gerade einmal drei.
In den folgenden Jahren begann dann die große Ausdifferenzierung. Oberhalb, unterhalb und zwischen bestehenden Baureihen entstanden neue Angebote. Bei Audi kamen unter anderem der Kleinwagen A1 und die Coupé-Baureihe A5 sowie die mittelgroßen SUV Q3 und Q5 hinzu. Volkswagen besetzte mit dem späteren Bestseller Tiguan das kompakte SUV-Segment, leistete sich gleichzeitig aber auch Nischenmodelle wie das Stahldach-Cabrio Eos und das Sportcoupé Scirocco.
Am unteren Ende der Palette entstand später das Kleinstwagen-Trio VW Up, Skoda Citigo und Seat Mii. Skoda ergänzte sein zuvor schmales Programm unter anderem um den Crossover Yeti, den van-artigen Roomster und den Budget-Kleinwagen Rapid.
In gesamter Branche zerfielen die Kategorien
Diese Entwicklung war kein VW-Sonderweg. In der gesamten Branche zerfielen die früher relativ klaren Kategorien Kleinwagen, Kompaktklasse, Mittelklasse und Oberklasse zunehmend in Untergruppen. Zu Limousine, Kombi und Van kamen SUV unterschiedlicher Größe, SUV-Coupés, Crossover und zahlreiche Lifestyle-Ableger. Technische Baukastensysteme machten es zugleich einfacher, mehrere Modelle auf einer gemeinsamen Basis anzubieten.
Nicht jede Verzweigung des Stammbaums erwies sich als dauerhaft. Cabrios und Coupés wurden schon bald wieder seltener, klassische Vans verloren gegen SUV, Kleinstwagen verschwanden wegen geringer Margen und steigender technischer Anforderungen zunehmend vom Markt. Modelle wie Eos, Scirocco, die Oberklasselimousine Phaeton, der Retro-Käfer Beetle, der große Van Sharan oder das Kleinstwagen-Trio Up, Citigo und Mii sind inzwischen Geschichte.
Elektrifizierung brachte mehr Verbreiterung
Gleichzeitig sorgte die Elektrifizierung zunächst für eine neue Runde der Verbreiterung. Neben den bestehenden Verbrennern entstanden eigenständige Elektro-Baureihen: bei der Marke VW die ID-Familie, bei Skoda Enyaq und Elroq, bei Audi die E-Tron- und Q4/Q6-Modelle, bei Cupra Born und Tavascan. Für eine Übergangszeit existieren damit alte und neue Antriebswelten nebeneinander - und erhöhen die Zahl der Produkte erneut.
Nun dreht sich der Trend aber wohl nachhaltig. Hohe Entwicklungskosten für Elektrifizierung und Software, zunehmender Wettbewerbsdruck und die Möglichkeit, mit gemeinsamen Plattformen und Technikpaketen größere Stückzahlen zu erzielen, machen eine Vielzahl eng benachbarter Modelle weniger attraktiv. Die Auswahl für den deutschen Kunden dürfte aber zumindest kurzfristig eher noch wachsen - denn die chinesischen Hersteller drängen mit immer mehr Marken und Modellreihen auf den Markt.