Mit Heimkino in Mittelkonsole Zweiter Mazda-Elektrovertreter CX-6e hat Model-Qualitäten
Von Patrick Broich, Düsseldorf
Mazdas zweite elektrisch angetriebene Allzweckwaffe ist ein SUV und legt ästhetisch noch mal eine Schippe drauf. Mit wilden Farben und solider technischer Substanz geht der CX-6e an den Start. ntv.de hat den hübschen Praktiker bereits gefahren.
Schon bei der ersten Annäherung an den Mazda CX-6e wird klar: Die Japaner schaffen es, im Brot- und Butter-Segment richtige Hingucker zu kreieren. Und das gelingt gleich auf mehreren Ebenen. Da haben die Kreativen unter Mazda-Europa-Exterieur-Designchef Bahram Partaw ganze Arbeit geleistet. Vor allem das Heck mit seiner plateauförmigen Fläche zieht schon aus der Ferne Blicke an. Die Front ist jetzt aber auch nicht von schlechten Eltern mit ihrer markanten Konturbeleuchtung als Tagfahrlicht-Kniff.
Und dann kommt noch die wohlkuratierte Farbpalette dazu. Das violette "Nightfall Violet" gehört ebenso zu den auffälligen Lackierungen wie "Air Stream Blue". So wird das SUV optisch fast noch ein Stück spannender als die feine Limousine 6e.
Wer das Auto sieht, bleibt stehen und fragt, was denn das bitte sei. Außen jedenfalls ein echter Mazda, unter dem Blech mit Technik gesegnet, die der kooperierende chinesische Changan-Konzern bereitstellt. So nutzt Mazda die sogenannte EPA1-Plattform (auf ihr steht auch der Deepal S07) für das europäische Mittelklasse-Modell. Und deren Eckwerte klingen gar nicht so schlecht: Es gibt 258 PS auf die Hinterräder qua Permanentmagnet-Synchronmotor, eine 78 kWh (brutto) fassende Lithium-Eisenphosphat-Batterie sowie 200 kW Ladeleistung im Kontext mit einem 400-Volt-Bordnetz. Mazda verspricht überdies 24 Minuten für den Ladehub von 10 auf 80 Prozent. Wenn das wahr ist, wäre es nicht schlecht.
Doch während ntv.de die Ladeperformance im Rahmen einer recht kurzen Pressefahrvorstellung nicht überprüfen kann, lässt sich wenigstens das Interieur ganz gut inspizieren. Und dort fällt zwar auf, dass die Grafiken auf dem Display nebst Schriftart eher auf chinesischen Style hindeuten. Eine Sache ist aber jetzt anders: Statt eines in der Formensprache langweiligen Monitors installieren die Produktspezialisten gefühlt eine Kinoleinwand im Bereich der Mittelkonsole. Und mit einem peppigen Hintergrundbild ausgestattet, wird der Riesen-Screen plötzlich zu einem besonders schicken Teil der Innenarchitektur.
Überhaupt geht der Innenraum als Blickfänger durch, vor allem, wenn der User sich für die violetten Lederpolster entscheidet. Eindrucksvoll auch die breiten Dekorflächen mit einer leicht herrschaftlichen Ausstrahlung - als weniger gut gelöst gehen leider die Lenkradtasten durch mit etwas fummeligem Charakter. Man kann eben nicht alles haben.
China-Basis erfährt Abstimmung für Europa
Doch lass eine Runde drehen. Und hier wird es spannend, weil die Entwicklungsabteilung der Mazda-Europa-Truppe in Oberursel ein gewaltiges Wörtchen mitzuentscheiden hatte. Nicht einfach die Fahrwerksabstimmung der Changan-Kollegen übernehmen, lautete wohl das Motto. Demnach sollen sich die europäischen Varianten knackiger fahren, um Anklang zu finden. Mazda setzt ja immer auf "Jinba-Ittai" als Credo, was auf die japanische Bogenschützen- und Reitertradition zurückgeht: Mensch und Pferd sollen quasi eins werden. Im Mazda sollen eben Mensch und Auto eins werden.
Wie schön, dass die chinesische Plattform auf Hinterradantrieb setzt, was fahrdynamisch sowie aus der Komfort-Perspektive schon mal punktet. Anderseits modellieren die Ingenieure aus der Abstimmungsabteilung die Fahrpedalkennlinie derart zart, dass das SUV sowieso nicht sonderlich fahraktiv wirkt. Man kann die Komponenten zwar sehr wohl sportlicher einstellen, aber die sanfte Gangart steht dem CX-6e ohnehin besser zu Gesicht.
Dazu kommt eine Servolenkung mit dem grundsätzlichen Schwerpunkt auf Leichtgängigkeit. Fair Point, zumal die Leistung für Elektroautoverhältnisse ja geradezu bodenständig anmutet. Träge erscheint der 2,2-Tonner indessen nicht gerade - 7,9 Sekunden reichen laut Werk für den Sprint auf 100 km/h. Der vollzieht sich jedoch so unaufgeregt, dass er kaum als zügig wahrgenommen wird.
Bei 185 Sachen greift der obligatorische Limiter ein, und das ist auch gut so. Denn gerade bei stürmischem Wetter, wie am Tag der Testfahrt, wird der Mazda dann doch leicht pendelig. Highspeed ist vielleicht nicht unbedingt die Paradedisziplin chinesischer Konstrukteure. Ordentlich komfortabel ist der 4,85 Meter lange Allrounder aber durchaus, was womöglich die deutlich wichtigere Botschaft an die Kunden ist. Und diese Feststellung betrifft sowohl das Federungsgeschehen wie auch die durchweg angenehmen Stühle.
Und was ist noch angenehm? Zumindest halbwegs simpel lassen sich unangenehme Assistenten im Menü ausschalten - hier ist das Kooperationsmodell sogar besser als mancher Vertreter der Inhouse-Plattformen.
Mazda CX-6e ist praktisches Auto
Noch einmal zurück zum Thema Praxistauglichkeit. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass das hintere Abteil 1434 Liter Gepäckäquivalent schluckt im Falle umgeklappter Lehnen. Das ist jetzt für die Fahrzeuggröße kein Rekordwert, aber der CX-6e zeigt, dass er nicht bloß als Lifestyle-Auto herhalten kann. Anderthalb Tonnen Anhängelast weisen in die gleiche Richtung.
Und was zeigt die Reichweite-Anzeige nach etlichen Testkilometern unter gemischtem Fahrprofil? Immerhin über 400 Kilometer mit einer Akkuladung nach dynamischer Manier. Denn man kann im Menü anwählen, ob die Reichweitenprognose auf der Grundlage eines moderateren Fahrstils ermittelt werden soll oder eben eines offensiveren (was realistischer ist).
Zum Schluss noch der Preispunkt. Ab 49.990 startet der Mazda CX-6e - es gibt lediglich diese eine Motorversion, aber zwei Ausstattungslinien (Takumi und Takumi Plus). Doch schon die Basis verlockt mit dicken Ausstattungspositionen. Darunter weilen Goodies wie elektrische Heckklappe, Head-up-Display, klimatisierte Sitze samt elektrischer Verstellung und Tempomat mit adaptiver Steuerung - was möchte man mehr?
Vielleicht doch auch mal zur Abwechslung einen elektrisch angetriebenen Mazda mit 100 Prozent Mazda inside. Keine Sorge, soll alles kommen. Doch als rasche Lösung für einen immer hungriger werdenden Markt nach batterieelektrischen Fahrzeugen ist der Griff in das Regal des Kooperationspartners gar nicht so unklug. Schließlich ist der CX-6e ein respektabler Allrounder. Noch dazu verdammt attraktiv eingekleidet. Dass er auf hiesigen Straßen schnell Sichtbarkeit erlangen wird, dürfte außer Frage stehen.
