Einfach ästhetisch Der Mazda 6e im Test - schön, aber auch gut?
Von Patrick Broich
Mazda hat entschieden, die Mittelklasse mit der Kennziffer 6 künftig nur noch mit elektrischem Antrieb anzubieten. Um das Projekt 6e schnell zu realisieren, holten sich die Japaner chinesische Hilfe. Herausgekommen ist ein ästhetisches Fahrzeug.
Wie alle japanischen Hersteller hatte es Mazda zunächst nicht sonderlich eilig mit batterieelektrischen Antrieben. Bis heute ist der ostasiatische Inselstaat einer der kleinsten Märkte für Fahrzeuge mit elektrischen Antrieben. Aber! Die Welt mit China als Treiber hat nun einmal gerufen, und plötzlich müssen elektrische Antriebe her. Da kann sich auch Mazda nicht mehr verschließen. Also wandten die Verantwortlichen aus Hiroshima einen Trick an und holten den chinesischen Autokonzern Changan ins Boot, um auch für Europa schnell mit einem Angebot in dieser Kategorie aufwarten zu können.
Die EPA1-Plattform macht es möglich - im Changan-Heimatmarkt verhilft sie Mazda zum EZ-60, während daraus für Europa eben der 6e wird mit deutlichen Anpassungen mithilfe der Ingenieur-Power aus Oberursel. Und eines ist Mazda schon mal gelungen, so viel sei gespoilert: ein optisch wunderschönes Auto auf die Räder zu stellen. Diese Fließheck-Limousine mit der sanft auslaufenden Dachlinie, dem großen Kühlergrill sowie den rahmenlosen Scheiben trifft wirklich mitten ins Herz.
Und dann gesellt sich auch noch ein feiner Innenraum dazu. Vor allem das braune Interieur mit den nubukartigen Türbelägen verwöhnt das Auge. Im Konfigurator heißt es dagegen ganz sachlich "Veloursledernachbildung" - aber die hat es in sich. Vor allem gibt es jede Menge Ziernähte im Bereich der Armaturentafel, der Mittelkonsole sowie der Türen, und zusammen mit dem Nappaleder hat das Ganze schon einen Hauch von Luxus.
Dennoch erkennen Insider den chinesischen Einfluss; an dieser Stelle versachlicht sich die Architektur denn auch. Etwas lieblos (wenngleich in großen Mengen) installierte Displayfläche mit wenig ästhetisch anmutender Schriftart plus leicht verschnörkelte Becherhalter sind das Korrektiv zur Überdosis Schönheit.
Reichlich Platz in der zweiten Reihe
Wen das stört, einfach im Fond niederlassen - dort entschädigt überbordende Beinfreiheit inklusive angemessenen Sitzkomforts für etwaige Unzulänglichkeiten. Schließlich ist dieser Mazda ein großes Auto mit 4,92 Metern Länge sowie 2,90 Metern Radstand. Ein Reiseauto durch und durch quasi.
Hier wäre auch schon die Überleitung zu dem, was immer noch abgelehnt wird heutzutage: der elektrische Antrieb. Denn nichts, so das Klischee, steht dem entspannten Fortkommen zu weit entfernten Zielen so sehr im Weg wie dieser. Na ja, muss man differenzieren. Herumreden hilft wenig, der Mazda 6e ist kein Lademonster. Er verfügt weder über ein 800-Volt-Bordnetz noch über einen riesigen Akku. Jedenfalls gilt das für die hier getestete Variante mit etwas unter 70 kWh Batteriekapazität.
Es gibt noch eine Long-Range-Ausgabe mit 80 kWh, die wird beim Hersteller aber eher unter der Ladentheke gehandelt, denn hier patzt Mazda bei der Ladeleistung (maximal 90 kW).
Also bitte, lieber Kunde, unbedingt zur kleinen LFP-Batterie greifen; dort liegt die WLTP-Reichweite zwar nur bei 479 Kilometern (was an sich schon okay ist), aber die Ladeleistung fällt mit 165 kW im Peak zumindest solide aus. Im Test hat der 6e binnen 17 Minuten von 5 auf knapp 50 Prozent geladen, was hinreichend fix ist. Steigt man etwas höher ein, lassen sich laut Werk innerhalb von 24 Minuten 80 Prozent realisieren, das ist für den Hausgebrauch okay. Wer im Alltag meist kürzere Strecken zurücklegt und beispielsweise bloß zweimal im Jahr längere Urlaubsstrecken zurücklegt, sollte entsprechend planen - aber hier ist man dann ja stressfrei unterwegs. Zumindest im Idealfall.
Mazda macht aus der potenziellen Kompliziertheit des Ladegeschehens sympathischerweise überhaupt keinen Hehl und weist auf seiner Homepage vorsorglich darauf hin, dass sich die Ladezeiten unter diversen Bedingungen "deutlich verlängern" können. Kampf mit offenem Visier also. Allerdings besteht die Möglichkeit der Akku-Konditionierung, sofern der State of Charge über 30 Prozent liegt. Und eine Wärmepumpe zur Effizienzsteigerung gibt es frei Haus.
Mazda 6e hat genug Power
Spannend am Mazda 6e ist sein Widerspruch. Da steht eine wahnsinnig drahtig aussehende Limousine, aber mit völlig sachlichem Antrieb. Und das ist ja auch ein erfrischender Gegenpol zu den ganzen explodierenden Leistungsdaten in der Elektrowelt. Nein, es müssen nicht immer 600 PS plus sein, sondern 258 PS (wie beim 6e mit kleinem Akku) tun es auch. Mehr Punch braucht man nicht, der Hecktriebler schiebt mit diesem Output beflissen an. Zumal ja auch schon früh 320 Newtonmeter abrufbar sind - 7,6 Sekunden bis 100 km/h waren mal Sportwagenmanier. Klar ist der Zweitonnen-Schönling mit 175 Sachen Topspeed kein wildes Biest auf der berühmten German Autobahn - aber hey, muss er auch gar nicht.
Ein kleiner Wermutstropfen mag vielleicht sein, dass man dem Fahrwerk seine Herkunft durchaus anmerkt. Das ist nicht ganz die sonst übliche Mazda-Handschrift, geprägt von Dynamik und Präzision, sondern geht eher in Richtung Leichtgängigkeit. Dafür gibt es dann eine Extraportion Fahrkomfort, was ja auch fein ist.
Darüber hinaus ist der Mazda 6e mit 44.900 Euro Grundpreis ein echter Preisknüller. Denn wo gibt es für diesen Kurs schon so viel Auto? Selbst dicke Brocken wie Head-up-Display, elektrische Heckklappe, Rundumkamera sowie Tempomat mit aktiver Steuerung sind schon mit von der Partie. Und der große Zentralscreen natürlich auch - auf dem sich die Menüführung allerdings wild gestaltet.
Ein chinagetriebener Problempunkt sind auch viele Assistenzfunktionen mit eher nerviger Auswirkung im Alltag. Einmal kurz in Richtung Beifahrer geblickt, und schon geht der Daueralarm los. Das muss nicht sein. Lässt sich aber zum Glück alles abschalten. Und die Abschaltroutine hat man irgendwann drauf und lässt sie vor Antritt der Fahrt fast unterbewusst ablaufen. Check.
Fazit: Mazda 6e als Alternative in der Mittelklasse zum deutschen Wettbewerb? Aber sowas von, zumal der Japaner ein komfortables wie praktisches Auto zum Hammerpreis ist. Ja, er lädt nicht am schnellsten und hat ein paar Themen in puncto Assistenz wie Bedienung. Doch das sind Lappalien im Vergleich zu den Punkten Ausstattung oder Raumangebot. Ein Antriebsperformer ist der Japaner nicht, aber das gibt sein Preis auch nicht her. Und genug Druck, um den alltäglichen Verkehr auf Autobahn wie Landstraße zu bestreiten, hat die Limousine sowieso.
Datenblatt Mazda 6e
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe): 4,92 / 1,89 / 1,49 m
Radstand: 2,90 m
Leergewicht (DIN): 2027 kg
Sitzplätze: 5
Ladevolumen: 330 bis 700 l plus 70 l Frunk
Motorart: Ein Wechselstrom-Synchronmotor
Getriebe: Eine Übersetzung, fest
Systemleistung: 258 PS (190 kW)
Antrieb: Heckantrieb
max. Drehmoment: 330 Nm
Beschleunigung 0-100 km/h: 7,6 s
Höchstgeschwindigkeit: 175 km/h
Akkukapazität: 68,8 kWh (brutto)
Maximale Ladeleistung (Gleichstrom): 165 kW
Ladeleistung (Wechselstrom): 11 kW
Verbrauch (kombiniert): 16,6 kWh/100 km (WLTP)
kombinierte WLTP-Reichweite: 479 km
CO₂-Emission kombiniert: 0 g/km
Grundpreis: Ab 44.900 Euro