Praxistest

Der Porsche Panamera Die erste Sänfte für die Nordschleife

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Sportler oder Nobel-Sänfte? Der Panamera kann beides.

(Foto: Textfabrik/Busse)

Das beste aus beiden Welten soll er vereinen: Der Porsche Panamera will Sportwagen und Luxuslimousine gleichzeitig sein. Ob das Kunststück gelungen ist, zeigte die erste Probefahrt mit dem nagelneun Viertürer aus Zuffenhausen.

Die beiden Männer kennen sich seit Jahren. Sie sitzen in einem Auto, das in einigen Monaten auf den Markt kommen soll. Der eine ist der Fahrer, der andere ist der Chef. Der vorne links Sitzende sagt: "Wir brauchen mehr Sportlichkeit". Der hinten rechts sagt: "Wir brauchen mehr Komfort". So oder so ähnlich dürften sich die gemeinsamen Abstimmungsfahrten von Walter Röhrl und Wendelin Wiedeking abgespielt haben. Herausgekommen ist schließlich ein Fahrzeug, mit dem der Ex-Rallyeweltmeister die Nürburgring-Nordschleife in weniger als acht Minuten durchbrausen oder der Vorstandsvorsitzende im Fond Vorlagen sichten und Strategien entwickeln kann.

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Die Fahrdynamik des Autos ist überzeugend. Zudem kann er, für Porsche-Verhältnisse sensationelle, vier Golf-Bags transportieren.

(Foto: Textfabrik/Busse)

Ab 12. September dürfen auch Kunden ausprobieren, auf wessen Platz sie lieber sitzen möchten. Genau eine Woche vor dem 100. Geburtstag des langjährigen Firmenchefs Ferry Porsche beginnt die Auslieferung des neuen Flaggschiffs und damit für den kleinen Sportwagenbauer das bisher größte Wagnis: Eine vierte Baureihe, für die es weder Vorbilder noch Erfahrungen gibt, von der die meisten Exemplare deutlich mehr als 100.000 Euro kosten werden, startet in eine Zeit, in der das Wort "Krise" zu den auf häufigsten gehörten Vokabeln zählt.

Für vier Golfbags ist immer Platz

Entwicklungsvorstand Wolfgang Dürheimer trägt deshalb unverdrossenen Optimismus zur Schau. Der Panamera habe eine "absolute Alleinstellung im Wettbewerbsumfeld". Folglich werde das Auto "ein völlig neues Segment begründen", und im Übrigen habe die Firma "schon ganz andere Schwierigkeiten gemeistert". Seine Zuhörer von der internationalen Fachpresse verstanden diese Bemerkung auch im Hinblick auf den Kampf um die Übernahme von Volkswagen und die Fehde zwischen Wendelin Wiedeking und Porsche-Miteigentümer Ferdinand Piëch.

Mit 4,97 Metern Länge bleibt der Panamera knapp unter der für Luxuskarossen bedeutsamen Fünfmeter-Marke, weist sich durch eine Dachhöhe von nur 1,42 Metern aber klar als Sportwagen aus. Die über das Niveau der flach abfallenden Motorhaube hinaus ragenden Kotflügel nebst Scheinwerfergehäuse und die breite Schulterpartie im Heck identifizieren ihn erkennbar als Angehörigen der Porsche-Familie. Unauffällig im Rahmen der Heckscheiben-Einheit versteckt ist der automatisch ausfahrbare Spoiler, der im Falle der Turbo-Version dreigeteilt ist und mit seiner schmetterlingsartigen Entfaltung Technik-Verliebte zu erfreuen weiß.

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In der Mitte dominiert eine mit zahlreichen Schaltern besetze Konsole den Innenraum.

(Foto: Textfabrik/Busse)

Mit 445 Litern fällt der Kofferraum zwar etwas geringer aus als bei Oberklasse-Limousinen üblich, dafür kann der Panamera etwas, was die nicht können: Mittels umlegbarer Rücksitze entsteht ein Ladevolumen von 1250 Litern. Die für die Porsche-Klientel markante Richtgröße wird allerdings nicht in Litern, sondern in Golfbags angegeben. Für jeden Insassen eine, versichern die Marketingleute, gehen hinein.

Neue Konsole zeigt die Richtung

Die bei der Konkurrenz inzwischen gern geübte Praxis, die Innenfunktionen in einer iDrive-, MMI- oder sonstwie genannten Menüsteuerung per Druck-Drehknopf zu vereinen, will Porsche nicht mitmachen. Deshalb ist das bestimmende Designelement im Innenraum eine durchgehende und nach vorn ansteigende Konsole, die je nach Ausführung rund drei Dutzend Schalter beherbergt und an die Cockpitgestaltung des Supersportwagens Carrera GT erinnert. Es ist fest davon auszugehen, dass auch in den nächsten Generationen von 911er und Cayenne dieses Designprinzip seinen Niederschlag finden wird.

Da es inzwischen unter den Herstellern von Oberklasse-Autos üblich ist, prominente HiFi-Hersteller als Lieferanten für das Bord-Soundsystem einzukaufen, setzt Porsche auch hier eine neue Duftmarke. Die Firma Burmester stellt für den Heimbedarf Musikanlagen her, die in den Preisregionen von Porsche 911 oder Cayenne rangieren. Nun kann man den Panamera mit Burmester-Anlage kaufen – man kriegt praktisch zum High-End-Klang das Auto gratis dazu.

Die Probefahrten im gleißendem nordalpinen Sonnenlicht ließen jedoch auch einen Schwachpunkt augenscheinlich werden: Wer eine der vielen geschmackvollen hellen Lederfarben für seine Innenausstattung ordert, muss damit rechnen, störende Reflektionen in Front- und Heckscheibe zu beobachten. Deutlich geringer sind sie bei dunklen Oberflächen, wenngleich die Rippen der großen Lüftungsöffnungen und die metallenen Einfassungen der Lautsprecher wegen der starken Scheibenneigung weiterhin den Blick auf das Verkehrsgeschehen beeinflussen können.

Wie kaum anders zu erwarten, erwiesen sich die fahrdynamischen Qualitäten der vorgestellten Versionen als über alle Zweifel erhaben. Souveräne Kraftentfaltung gepaart mit einfühlsamer Lenkpräzision bestimmten die Eindrücke auf schnellen Autobahnpassagen und quirligen Serpentinenstrecken. Dank rund 200 Kilo Mindergewicht gegenüber dem Turbo verblüffte der 100 PS schwächere Panamera S mit einer Handlichkeit und Leichtigkeit, die nicht nur in der fehlenden Antriebseinheit an der Vorderachse ihre Ursache haben kann.

Gänzlich neu und bisher unbekannt sind zwei Praxiserfahrungen aus diesem Porsche: Die in Verbindung mit dem PDK aktive Stopp-Start-Automatik lässt den Motor zum Beispiel beim Halt an der Ampel sanft einschlafen, worauf er durch Lupfen der Bremse sofort wieder geweckt wird. Die andere Überraschung ist die Tatsache, in einem als Coupé daher kommenden Viertürer hinten so entspannt sitzen zu können, dass auch bei 1,90 Metern Körpergröße immer noch eine komfortable Distanz zum Dachhimmel bleibt.

Sechszylinder und Hybrid nächstes Jahr

Zunächst werden vom Panamera drei Varianten in den Handel kommen: Der Panamera S mit 4,8-Liter-Saugmotor und Hinterradantrieb verfügt über 400 PS und ist wahlweise mit manuellem Sechsganggetriebe und dem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe (PDK) erhältlich. Der Verbrauch nach EU-Norm beträgt mit Handschaltung 12,5 Liter/100 km, mit PDK wurden 10,8 Liter ermittelt. Der Grundpreis dieser Version beträgt 94.575 Euro.

Der Panamera 4S wird von dem gleichem Motor angetrieben, bringt die Kraft aber über einen permanenten Allradantrieb auf die Straße. Dies bewirkt einen etwas schnelleren Sprint von 0 auf 100 km/h (5,0 Sekunden) gegenüber 5,4 beim Panamera S. Der Verbrauch wird mit 11,1 Litern angegeben, der Grundpreis beträgt 102.251 Euro.

Spitzenmodell ist der Panamera Turbo. Zwei Ladersysteme verdichten die Verbrennungsluft so, dass 500 PS Leistung herauskommen. Damit ist der Wagen maximal 303 km/h schnell und sprintet in 4,2 Sekunden von Null auf hundert. Serienmäßig sind Allradantrieb und adaptive Luftfederung. Mit 12,2 Litern Normverbrauch ist er günstiger zu fahren als der Panamera S mit Handschaltung. Der Preis beträgt 135.154 Euro. Für 2010 hat Porsche bereits ein Sechszylinder-Einstiegsmodell und einen Panamera Hybrid angekündigt.

Quelle: ntv.de