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Jammern auf niedrigem Niveau Das seltsame Schmidteinander

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Steht mit leeren Händen da: Harald Schmidt.

(Foto: dapd)

Beinahe könnte man meinen, der Bundespräsident sei zurückgetreten. Dabei ist mit Harald Schmidt nur ein Entertainer geschasst worden. Und das, während alle darauf warteten, dass Thomas Gottschalk dieses Schicksal ereilt. Für die Art, wie Schmidt mit seiner Niederlage umgeht, erntet er viel Applaus. Doch tatsächlich ist sie nicht gerade souverän.

Landauf, landab herrscht Grabesstimmung. Warum? Weil Sat.1 einen gealterten Alleinunterhalter, der zum Schluss fast nur noch sich allein unterhielt, vor die Tür setzt. Nur wenige halten dagegen. Roger Schawinski etwa, ehemaliger Geschäftsführer von Sat.1. Als er 2003 zu dem Sender kam, ging Schmidt. Zum ersten Mal. Und damals noch freiwillig.

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Geht mit Harald Schmidt hart ins Gericht: Roger Schawinski.

(Foto: picture alliance / dpa)

Schawinski zieht in einem Interview mit der Basler Zeitung derart vom Leder, dass manch einem Schmidtianer ganz schön die Ohren schlackern dürften. Als "schlicht parasitär und unverfroren" bezeichnet er den Entertainer da zum Beispiel. Als "geldgeil" und "übelsten Zyniker, den ich jemals getroffen habe". Laut Schawinski sagte Schmidt nach einem seiner vergangenen Senderwechsel zu ihm den Satz: "Weißt du, Roger, der schönste Moment war, als ich all meine Leute entlassen konnte." Und für sich selbst bekennt der ehemalige Senderchef: "Ich traute meinen Augen nicht, als Sat.1 Schmidt zurückholte."

Nun ist auch Herr Schawinski wahrlich kein unbeschriebenes Blatt. In seiner Schweizer Heimat gilt er als reichlich schillernde Medienfigur mit einem ausgeprägten Hang zur Egomanie. Zudem ist er auf Grund der Geschehnisse damals 2003 womöglich noch immer nicht gut auf Schmidt zu sprechen. Wer lässt sich schon gern öffentlich als Prügelknabe dafür hinstellen, dass ein anderer das Handtuch wirft? Oder war es sogar nur ein Vorwand? "Später hat er einmal zu mir gesagt, dass ich eine Gelegenheit darstellte, abzuhauen, weil er ausgepowert war", legt Schawinski in der Basler Zeitung Schmidt eine weitere Aussage in den Mund.

"Wie eine Nationalgalerie"

Gut also, man sollte auch Roger Schawinskis Äußerungen behutsam abwägen. Gleichwohl machen sie deutlich, wie überzogen ebenso manch gegenteilige Sichtweise auf Schmidt ist. Obwohl in der Regel nur ein paar hunderttausend Zuschauer sahen, was er nach seinem Sat.1-Comeback da im Fernsehen veranstaltete, war das mancher Redaktion - bis heute - wert, am Folgetag "die besten Sprüche" des Entertainers zur Nachricht zu erheben. Für den "Bild"-Postboten Franz Josef Wagner ist Schmidts Rauswurf gar "wie eine Nationalgalerie anzuzündeln". Und auch sonst wird vielerorts vom "Ende einer Ära" berichtet oder gar der Niedergang der letzten Niveau-Bastion im Unterhaltungs-TV betrauert. Und das ausgerechnet im privaten "Unterschichtenfernsehen".

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Er hält noch durch: Thomas Gottschalk.

(Foto: dapd)

Nein, auch wenn man mit Harald Schmidt aufgewachsen ist und sozialisiert wurde, auch wenn seine Show früher Mal zum Pflichtprogramm gehörte und auch wenn man ihm große Verdienste um die Fernseh- und Humorkultur in diesem Land zuschreiben muss - alles hat seine Zeit. Und seine Zeit ist vorbei. Jedenfalls seine Zeit als Late-Night-Talker. Anders als bei Thomas Gottschalks Vorabend-Experiment in der ARD liegt das im Falle Schmidt jedoch nicht am falschen Konzept für den falschen Mann am falschen Platz. Sendung und Rolle waren an sich schon richtig für Schmidt. Nur die Inhalte, mit denen er beides zu füllen vermochte, haben sich überlebt.

Schmidts Zynismus ist nicht mehr neu und wird längst von anderen Formaten in Film und TV auf der Überholspur überrollt. Diejenigen, die sich in den 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre über seine intellektuell verbrämte Respektlosigkeit vor Lachen wegschmissen, sind ein wenig abgestumpft. Womöglich können sie auch tatsächlich heute nicht mehr wie seinerzeit, als sie noch zur ersten Vorlesung um 12 aufgestanden sind, so spät und so lange vor der Glotze abhängen. Die nachfolgenden Generationen aber haben neue Helden für sich entdeckt: Stefan Raab, Joko und Klaas oder Dieter Bohlen - auch wenn es manch einem nicht in sein vernunftgesteuertes Raster passen mag, dass sich ausgerechnet die blonde Flitzpiepe aus der von ihm schon immer belächelten Kirmes-Kapelle Modern Talking zum Jugendidol und "Poptitanen" aufgeschwungen hat.

Bloß nicht ZDF Neo

Schon beinahe skurril mutet an, wie Schmidt in der ersten Show nach Bekanntgabe seines Rauswurfs mit der Meldung kokettierte. Er spielt seine gespielte Überheblichkeit einfach weiter. So, als fechte ihn das alles nicht an. "Ich habe mich heute von meinem Sender getrennt", witzelte er da etwa. Dabei kauft ihm das niemand ab. Denn eines ist Schmidt, der es einst zu seinem Lebensziel erklärte, Late Night bis zur Rente zu machen, ganz gewiss: ehrgeizig bis ins Mark. Wenn er jedoch darüber spottet, dass ihm nun ja keiner mit einer Sendung bei ZDF Neo kommen solle, ist das alles andere als ein Scherz. Die Perspektive, auf die Schnelle wieder bei einem großen Sender einzukehren, hat er nicht. Also, wenn nicht ZDF Neo, wie wäre es dann vielleicht mit DMAX, Astro- oder Servus-TV?

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Er dürfte an seinen Pointen schon arbeiten: Oliver Pocher.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Auch hier gibt es wieder fundamentale Unterschiede zwischen Schmidt und Gottschalk, der seine derzeitige Demontage in der ARD geradezu demütig erträgt. Schmidt hingegen haut selbst im Zenit seiner Niederlage drauf - auch und gerade auf Gottschalk. "Das ist ja wie beim D-Day: Alle gucken mit dem Fernrohr, wann der Gottschalk gefeuert wird, und dann komme ich zuvor", war nur eines der Geschütze, die er in der Sendung am Mittwochabend gegen den Kollegen auffuhr. 

Doch "dirty Harry" kann es drehen und wenden, wie er will. Gottschalk steht im Moment tatsächlich besser da als er, da die ARD an ihm als Person wohl in jedem Fall festhalten will. Überdies kann Gottschalk zumindest auf eine fast 30 Jahre ununterbrochene Erfolgsgeschichte bei "Wetten dass..?" zurückblicken. Eine Erfolgsgeschichte, die auch Schmidt nur allzu gerne als Late-Night-Talker hingelegt hätte. Und dieser Traum ist definitiv geplatzt. Schlimmer noch: Schon jetzt darf man sich darauf freuen, wie demnächst sein Ex-ARD-Kompagnon Oliver Pocher seine Salven auf Schmidt abfeuern wird. Denn auch das ist Fakt: Der, den einige gar für den Niedergang Schmidts verantwortlich machen und über den auch Schmidt selbst nach der Trennung immer wieder wenig freundlich hergezogen ist, ist zwar bei Sat.1 ebenfalls kläglich gescheitert. Aber nicht so kläglich wie Schmidt.

Da Gottschalk in der Hoffnung, sein Vorabend-Experiment im Ersten noch irgendwie retten zu können, mittlerweile einen so genannten "Sidekick" als Co-Moderator sucht, kursieren schon die ersten Vorschläge, Harald Schmidt könne doch diese Rolle nun übernehmen. Ja, das hätte vielleicht etwas - ein wenig von den beiden Alten bei der Muppet Show, Waldorf und Statler. Nimmt man die Quoten von "Gottschalk Live" und der "Harald Schmidt Show" zusammen, käme das Format locker auf die von Gottschalk geforderten Marktanteile von zehn Prozent. Und die Muppet Show gab es immerhin fünf Jahre - ein Zeitraum, von dem die beiden Entertainer in diesen Tagen nur noch träumen können.

Quelle: n-tv.de

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