Satire oder Geschmacklosigkeit?Jan Böhmermann macht den Ulrich Siegmund

Die einen sehen es von der Kunstfreiheit der Satire gedeckt. Die anderen finden es einfach nur geschmacklos. Jan Böhmermann imitiert in einem Clip Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund, der auf einem blauen Moped von einem Lkw überrollt wird. Die Empörung kommt prompt.
Lange ist Jan Böhmermann mit seinem "ZDF Magazin Royale" nicht mehr auf Sendung. Vor rund einem Monat kündigte er an, die Show auf eigenen Wunsch zum Ende des Jahres einzustellen. Doch bevor es so weit ist, haute der 45-Jährige noch einmal einen raus, bei dem die Empörung darüber eingepreist gewesen sein dürfte - auch wenn sie erst mit knapp zwei Wochen Verspätung kommt.
So lief der Clip, über den nun heftig diskutiert wird, bereits zu Beginn der "ZDF Magazin Royale"-Ausgabe am 2. Oktober. Darin zu sehen: Jan Böhmermann auf einem blauen Moped der einstigen DDR-Marke Simson Schwalbe. Er trägt einen weißen Halbschalenhelm und Anzug und lächelt über das ganze Gesicht. Während er so gemütlich über die Landstraße tuckert, erfasst ihn auf einmal ein Lkw von der Seite und überrollt ihn. Der Laster setzt sogar noch einmal zurück, um noch ein zweites Mal über ihn zu fahren.
Die Anspielung ist eindeutig: Der AfD-Spitzenkandidat und mögliche Ministerpräsident in spe in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, hatte unter anderem so Wahlkampf gemacht - mit Spritztouren auf einer blauen "Schwalbe". Bei so manchen Wählerinnen und Wählern kam das wohl gut an. Doch Siegmund erntete für die Aktion auch Kritik, nicht nur wegen ihrer Inhaltsleere. Die jüdische Familie Simson zeigte sich etwa schockiert davon, ihren Namen im Zusammenhang mit der gesichert rechtsextremen AfD in Sachsen-Anhalt zu lesen. Sie hatte einst das Ursprungswerk gegründet, in dem die Mopeds später im volkseigenen DDR-Betrieb produziert wurden.
"Visualisierung einer Gewaltfantasie"
Während es zunächst danach aussah, als habe sich der Böhmermann-Clip einfach versendet, ist inzwischen eine lebhafte Debatte darüber entbrannt. Unter anderem, weil rechte Portale das Thema mittlerweile aufgegriffen haben und sich darüber lautstark echauffieren. "Wie tief kann das ZDF noch sinken?", fragt etwa "Nius". Und "Tichys Einblick" titelt: "Böhmermanns Gewaltfantasien, finanziert durch Zwangsbeiträge."
Aufmerksamkeit erfährt der Clip jedoch auch, weil der Journalist und Medienexperte Peter Welchering dazu am Montag auf X eine medienethische Bewertung postete. Er sei um diese "gebeten" worden, erklärte er dazu, ohne näher darauf einzugehen, von wem die Bitte an ihn herangetragen wurde. Welchering arbeitete früher selbst für das ZDF, ehe er 2024 dem Sender mitteilte, wegen der zunehmenden Missachtung journalistischer Standards nicht mehr für ihn arbeiten zu wollen.
Welchering wirft Böhmermann die "Visualisierung einer Gewaltfantasie" vor, die über eine zulässige satirische Zuspitzung hinausgehe. Dies laufe nicht nur dem Programmauftrag des ZDF, sondern auch den entsprechenden Staatsverträgen entgegen. "Ein solcher Beitrag hätte niemals abgenommen werden dürfen!", urteilt Welchering und nimmt damit insbesondere die Verantwortlichen bei dem Sender in die Pflicht.
Ulrich Siegmund reagiert
Auch FDP-Generalsekretär Martin Hagen hat sich mittlerweile bei den Kritikern an Böhmermanns Beitrag eingereiht. Ebenfalls auf X schrieb er: "Moralisch völlig enthemmt. Man stelle sich mal umgekehrt vor: Ein rechter TV-Clown belustigt sein Publikum mit Mordfantasien gegen 'nen linken Politiker. Wie lange würde der ÖRR (der öffentlich-rechtliche Rundfunk, Anm. d. Red.) den wohl durchfüttern? Man muss keine Sympathien für die AfD haben (ich habe Null), um das abzulehnen!"
Auch Ulrich Siegmund selbst äußerte sich auf Anfrage der "Mitteldeutschen Zeitung" (MZ) und der "Volksstimme" zu der Causa. "Wünscht sich Herr Böhmermann hier meinen Tod?", fragte der AfD-Politiker rhetorisch. Für ihn stelle der Clip einen "neuen Tiefpunkt" und "Gewaltfantasien niederträchtigster Art" dar. Seine Kritik verband Siegmund mit der Forderung seiner Partei, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seiner jetzigen Form abzuschaffen.
Das ZDF teilte der MZ auf Anfrage mit, es seien inzwischen Beanstandungen "im unteren dreistelligen Bereich" gegen den Beitrag eingegangen. Ansonsten gab der Sender zunächst keine Stellungnahme ab. Auch Jan Böhmermann äußerte sich nicht zu der Diskussion. Dass auf seine Provokationen scharfe Reaktionen folgen, ist er allerdings durchaus gewohnt. Man erinnere sich nur an sein einstiges Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, das sogar zu internationalen politischen Verwerfungen führte.