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"Die 1990er waren golden" Celeste Ng über Feuer und perfekte Welten

Celeste Ng

"Ist es möglich, dass ich die Bücher, die Verfilmung, das alles träume?", fragt Celeste Ng gelegentlich ihren Mann. "Möglich, aber nicht wahrscheinlich", ist seine Antwort.

(Foto: Kevin Day Photography)

Mit "Kleine Feuer überall" schreibt die US-Autorin Celeste Ng ein fesselndes Buch über Mütter, Teenager, Klassenunterschiede und Rassismus und liefert damit Reese Witherspoon die Idee für eine neue Serie. "Das wird Reese sehr gut machen", meint Ng im Interview.

Es ist hilfreich, sich den Twitteraccount von Celeste Ng anzuschauen, bevor man die US-Bestsellerautorin trifft – denn der Name erspart gleich die erste Frage: @pronounced_ing ("Ausgesprochen Ing"). Der Twittername sei ein glücklicher Zufall gewesen, verrät Celeste Ng dann im Gespräch: "Mein Name war schon vergeben, also musste ich mir etwas einfallen lassen. Da dachte ich, ich beantworte einfach die häufigste Frage. Es hat tatsächlich sehr geholfen!" Auf ihrer Lesereise durch Deutschland stellt Ng gerne selber viele Fragen, sie nutzt die Gelegenheit, um ihre Deutsch-Kenntnisse aufzufrischen. Da werden mit dem geliebten Lamy-Füller gleich mal ein paar schöne Redewendungen für Widmungen notiert.

n-tv.de: Ihr erster Roman "Was ich euch nicht erzählte" war ein New-York-Times-Bestseller und vielfach prämiert. In Ihr zweites Buch "Kleine Feuer überall" hat sich nun Reese Witherspoon verliebt und sich die Filmrechte gesichert. Haben Sie damit gerechnet?

Celeste Ng: Ich bin schon sehr aufgeregt. Ich habe Reese, Kerry Washington und das ganze Team getroffen und ich glaube, sie werden eine sehr gute Adaption für den Bildschirm machen.

Es fällt Ihnen also nicht schwer, Ihre Figuren, Ihre Geschichte wegzugeben?

Ich verstehe, warum einige Autoren besitzergreifend sind, was ihre Romanhelden angeht. Aber eine TV-Show ist ein ganz anderes Medium, dort gibt es andere Möglichkeiten, die Charaktere darzustellen. Ich glaube, dass die besten Adaptionen die sind, die etwas Eigenes einbringen. Und ich vertraue dem Team.

Ich werde auch nicht das Drehbuch schreiben. Ich bin für die Autorin da, wenn sie Fragen hat, aber ich will ihr den Raum geben, etwas Neues daraus zu machen. Ich weiß bereits, dass sie einige Dinge ändern werden und mir gefallen die Ideen.

Werden Reese Witherspoon und Kerry Washington auch als Schauspielerinnen auftreten oder nur als Produzentinnen?

Auch als Schauspielerinnen. Reese wird Elena Richardson darstellen, Kerry Washington wird Mia sein.

War Mia in dem Buch als schwarze Frau angelegt? Ich hatte nicht den Eindruck.

Sie war es nicht und ich mag diese Besetzung sehr! Das ist eine der Abweichungen, die sie planen. Als ich das Buch schrieb, wollte ich erst Mia als farbige Person darstellen. Ich wollte sie aber nicht zu einer Asiatin machen, weil sie dann im Fall der Adoption des asiatischen Babys zu offensichtlich Position beziehen würde. Gleichzeitig hatte ich nicht das Gefühl, dass ich über die Erfahrungen einer Schwarzen in den USA schreiben könnte. Kerry Washington ist die Richtige, um diesen Aspekt nun mit einzubringen. Interessanterweise haben mich viele Leser nach der Herkunft von Mia gefragt – die meisten dachten, sie wäre Asiatin. Was seltsam ist, weil sie Mia Warren heißt und das ist kein besonders asiatischer Name. Ich glaube, sie haben mein Bild auf dem Buchumschlag gesehen und meine Herkunft auf Mia übertragen.

Im Grunde ist jetzt Mia in einem Atemzug zu nennen mit der Figur aus der Harry-Potter-Reihe, Hermine Granger, die in dem dazugehörigen Theaterstück von einer schwarzen Schauspielerin dargestellt wird, oder?

Genau daran musste ich auch denken! Als die Besetzung im Theaterstück bekannt wurde, hat J. K. Rowling gesagt, Hermine könnte auch schwarz sein. Ich denke, als sie "Harry Potter" schrieb, war Hermine in ihrem Kopf möglicherweise ein weißes Mädchen. Aber sie wollte damit ausdrücken, dass es in Ordnung ist, sich Hermine als schwarzes Mädchen vorzustellen. Ich mag das sehr.

Um von der TV-Serie zurück zum Buch zu kommen – Reese Witherspoon schrieb über "Kleine Feuer überall", dass es für sie ein Buch über das Dasein als Mutter und das gefährliche Streben nach Perfektion ist. Ich würde noch die Selbsttäuschung einer Gesellschaft, die sich frei von Rassismus und Klassenunterschieden wähnt, hinzufügen.

Reese ist selber Mutter, also spricht sie dieser Aspekt des Buches natürlich besonders an. Aber ja, für mich geht es auch über Rassismus, Klassenunterschiede und Privilegien. Die Art, wie es besonders in den USA für einige Leute einfacher und für andere schwerer ist.

Neben dem Baby Mirabelle gibt es noch eine weitere asiatische Figur in dem Buch – Ed Lim. Er spielt nur eine kleine Rolle, weist aber immer auf Rassismus im Alltag hin, wie zum Beispiel die Tatsache, dass es in den USA der 1990er keine asiatisch aussehenden Puppen gab. Sprechen da Ihre persönlichen Erfahrungen aus ihm?

Ja, mit Ed passiert etwas, was ich in der Regel vermeide – er darf meine Meinung verbreiten. Meine Mutter suchte zum Beispiel immer nach Büchern für mich, in denen Asiaten vorkommen, speziell nach chinesisch-amerikanischen Charakteren. Aber diese Bücher waren in den 1980ern schwer zu finden, also kaufte sie jedes Buch, in dem es eine asiatische Figur gab. Eine japanische Hauptperson? Gut. Kambodschanische Boat-People? Ok. Sie kaufte alles, was auch nur im Entferntesten passte.

Sie suchte auch immer nach einer asiatischen Puppe für mich und wir konnten keine finden. Erst als ich 14 Jahre alt war, brachte "American Girl Dolls" eine Linie mit zwei schwarzen und einer asiatischen Puppe heraus. Ich war damals zwar schon eigentlich zu alt dafür, aber es war meiner Mutter so wichtig, dass sie sie sofort gekauft hat. Ich habe sie bis heute. Mittlerweile ist es etwas einfacher, eine asiatische Puppe zu kaufen, aber man muss immer noch danach suchen. Mein Sohn hat einmal in einem Spielzeugladen eine Puppe entdeckt, die einen asiatischen Jungen darstellt und ich habe sie ihm gekauft, damit er eine Puppe hat, die so aussieht wie er. Dieses Thema beschäftigt mich also seit meiner Kindheit.

Die Stadt Shaker Heights im Bundesstaat Ohio spielt eine große Rolle in "Kleine Feuer überall". Ich habe mir Bilder von Shaker Heights angeschaut, es sieht wirklich sehr pittoresk aus.

Es ist sehr schön da. Kurz bevor ich zehn Jahre alt wurde, ist meine Familie dort hingezogen und ich blieb da, bis ich zur Universität ging. Ich habe da also meine ganze Teenagerzeit verbracht.

In Ihrem Buch erweist sich jedoch das Zusammenleben an diesem makellosen Ort am Ende als sehr menschlich und chaotisch. Gibt es überhaupt ein perfektes Leben an einem perfekten Ort?

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Das ist einer der Sachen, über die ich schreiben wollte. Es ist ein sehr idealistischer Ort, der mich zu einer Idealistin machte – was ich für eine gute Sache halte. Die Menschen dort glauben wirklich, dass man die Welt besser oder sogar perfekt gestalten kann. Es ist sehr sauber und alle meinen, dass alles für immer so ordentlich bleiben wird und alle die Regeln befolgen werden – aber Menschen sind messy, unordentlich. Wo also Idealismus und die menschliche Natur oder besser gesagt, die menschlichen Schwächen aufeinanderprallen, wird es wirklich schwierig, etwas Perfektes zu schaffen. Wegen dieses Widerspruchs habe ich "Kleine Feuer überall" in meiner Heimatstadt angesiedelt.

Bei meiner Recherche habe ich mich dann nochmal in die Geschichte der Shakers vertieft, die religiöse Gruppe, nach denen die Stadt benannt ist, weil sie hier einst das Land besiedelten. Die Shakers waren zölibatär, sie glaubten nicht an Sex, also sind sie schließlich ausgestorben.

Liegt in der Natur der Sache …

Richtig! Um sich zu vermehren, mussten sie also Menschen überzeugen, zu konvertieren. Aber es ist hart, Leute für eine Religion zu begeistern, in der man kein Sex mehr haben darf. Sie sind also ausgestorben, doch die Gründerväter von Shaker Heights haben einige ihrer Ideale übernommen. Sie glaubten an die Gleichheit der Geschlechter, der Rassen. Sie glaubten an gute Planung – das sieht man Shaker Heights definitiv an. Und ich liebe den Gedanken, dass dieser Ort schon seit langer Zeit für den Kampf zwischen Idealismus und den menschlichen Schwächen steht.

Wo leben Sie heute?

Ich lebe in Cambridge, Massachusetts, außerhalb von Boston. Wir leben gerne dort, weil es eine Stadt mit hohem Bildungsniveau ist, das MIT Institute, Harvard und andere Universitäten sind dort. Es ist außerdem eine alte Stadt, die sehr hübsch ist und viele Seiten hat, die ich auch an Shaker Heights mochte. Cambridge ist liberal, sehr progressiv und sehr idealistisch. Und für die Bostoner Umgebung dank der Universitäten sehr international und divers. Wir Cambridger lachen aber auch über uns selbst – wir wissen, dass wir ein wenig snobby sind. Es ist so ein Ort, wo du die ganze Zeit recyceln und kompostieren musst, sonst fragen dich die Leute, warum du es nicht tust. In vielerlei Hinsicht ist Cambridge also wie Shaker Heights.

Viele Regeln führen doch aber auch gerne dazu, auf diejenigen herabzuschauen, die sich nicht daran halten.

Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert! In der Regel haben die Menschen die besten Absichten. Ideale. Prinzipien. Aber wenn es persönlich wird, wird es schwer, das einzuhalten. In unserer Gesellschaft passieren viele gute Dinge, wie zum Beispiel die Inklusion in vielen Bereichen. Wir machen Fortschritte – nur sind diese oft langsamer, als wir denken. Direkt nach den jüngsten Präsidentschafts-Wahlen gab es zum Beispiel einen Schwung nach rechts – in vielen Schulen im ganzen Land, wurden plötzlich Hakenkreuze an die Wand geschmiert. Sogar in Cambridge – wo wir doch dachten, dass wir besser sind. Auch in Shaker-Heights gab es solche Sachen.

Wenn man unsere heutige Zeit mit der vergleicht, in der "Kleine Feuer überall" spielt, die 1990er-Jahre, scheint diese Ära viel unschuldiger gewesen zu sein.

Ja, den größten Skandal verursachte der damalige Präsident, als er zu interessiert an seiner Praktikantin war. Auch wenn bei dieser Geschichte ein Machtgefälle eine Rolle spielte, war Monika Lewinsky immerhin eine Erwachsene. In den 1990ern dachten wir, dass wir den Dreh gefunden hätten. Die Wirtschaft brummte, das Internet würde uns alle reich machen, an 09/11 war nicht zu denken. Dass diese Zeiten in der Retrospektive so golden sind, ist eine der Gründe, warum ich die Geschichte in die 1990er verlegt habe. Alle Probleme mit Rassismus, Gleichberechtigung und so weiter schienen gelöst und US-Präsident Barack Obama galt als Beweis dafür. Aber ich habe das nie gedacht.

Ein weiterer ist, dass das Internet noch in den Kinderschuhen steckte und es keine Smartphones gab. Ich wollte, dass die Figuren Geheimnisse haben und ihre Vergangenheit hinter sich lassen können. Man kann heute auch noch Geheimnisse haben, aber mit Google ist das schwieriger geworden.

Das Buch ist jenen gewidmet, die eigene Wege gehen und überall kleine Feuer legen. Schon mal ausprobiert?

(lacht) Ich habe noch nie etwas tatsächlich in Brand gesetzt. Abgesehen von Kerzen oder Lagerfeuern. Aber ich war immer rebellisch. Ich mag Regeln. Aber wenn sie mir willkürlich oder ungerecht erscheinen, habe ich das starke Bedürfnis, sie zu brechen. Ich war ein gutes Kind, aber einige der Sachen, die Izzy in dem Buch macht, wie zum Beispiel Zettel mit Gedichten in der ganzen Schule zu verteilen, das habe ich tatsächlich getan.

Izzy hängt nach der Lektüre von T.S. Eliot in der ganzen Schule Zettel mit Sprüchen wie "Ich vertat mein Leben kaffeelöffelweis" auf. Der Streich gefiel mir gut. Ich überlege, so eine Aktion bei uns in der Redaktion durchzuführen.

Unbedingt, das kann man auch als Erwachsene machen.

Ist Izzy Ihr Lieblingscharakter?

Es hat Spaß gemacht, Izzy zu schreiben, weil sie Sachen tut und sagt, über die ich nachdenke, die ich aber dann nicht tue. Ein Teil von mir ist aber auch Mrs. Richardson. Ich plane viel. Nicht so viel wie sie, aber doch konsequent, das hilft mir, mit meinen Ängsten umzugehen. Wenn ich einen Plan habe, habe ich Gewissheit.

Aber genauer betrachtet, ist es bei Izzy und ihrer Mutter doch einfach Evolution …

Sie sind im Grunde dieselbe Person, das war die Idee. Ich identifiziere mich aber auch mit Mia, dieser künstlerischen Person, die in ihrer eigenen Familie der Außenseiter ist. Meine Eltern haben mich viel mehr unterstützt, als ihre das tun, aber ein kleiner Teil von mir steckt da drin.

Die Teenager in "Kleine Feuer überall" beneiden sich gegenseitig um ihr Leben. Das erinnert mich auch an meine Teenager-Zeit – bei anderen zu Hause gab es oft Sachen, die ich großartig fand.

Das tut vermutlich jeder Teenager – ich auch, obwohl ich ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern hatte. Ich habe eine Schwester, die elf Jahre älter ist als ich und deshalb viel früher ausgezogen war. Ich habe also die Freunde beneidet, die ihre Geschwister immer um sich herum hatten. Möglicherweise haben die sich jedoch mein Leben angeschaut und sich gedacht: Das hätte ich auch gerne. Ein Teil des Teenager-Daseins besteht doch darin, sich selber zu erfinden. Wie möchte ich leben, wie möchte ich sein.

Aber es hört nicht bei den Teenagern auf – auch im Buch beneidet die wohlhabende Elena Richardson heimlich die arme Künstlerin Mia.

Ich glaube, wir vergleichen uns ein Leben lang mit anderen und passen uns ihnen an. Man muss schon sehr selbstbewusst sein, um das nicht zu tun.

Mit Celeste Ng sprach Samira Lazarovic.

Quelle: ntv.de

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