Anousch Muellers "Lori"Die Lücke, in die die Wahrheit passt
Von Solveig Bach
Ein Geheimnis belastet das Leben einer ganzen Familie: Aber Leni erinnert sich an die tote Schwester, die alle vergessen wollen. Als sie ihr Schweigen bricht, wird die Verkettung von Trauma, Lügen und Verlust schmerzlich sichtbar - und Heilung möglich.
Es ist fatal mit Familiengeheimnissen. Egal, wie sehr man versucht, sie unter der Decke zu halten, sie kommen immer ans Licht - entweder mit einem Knall oder durch die über Jahre hinweg leise und zerstörerische Kraft der Wahrheit.
Bei Leni ist es Letzteres, sie weiß schon lange von "Lori", ahnte es immer. Anousch Muellers gleichnamiger Roman beginnt mit einem Prolog und diesem Bekenntnis. Während die Eltern sich in der Illusion wiegen, Loris Tod könnte vergessen worden sein, hat Lenis Gehirn die Diagnose "Retrograde Amnesie" einfach überlistet. Sie ist keine Erstgeborene, sondern eine Zweitgeborene, die dort steht, wo eigentlich ihre große Schwester Lori sein müsste.
"Sie ist so ganz anders als Lori. Dieser Satz fiel nie, aber das Schweigen meiner Eltern markierte die leere Stelle. Ich war am falschen Platz, war eine Position vorgerückt, obwohl ich da nicht hingehörte. Meine Eltern wussten nicht, dass ich Lori nicht vergessen hatte. So haben wir uns eine Kindheit lang gegenseitig betrogen." (Anousch Mueller, "Lori")
Es ist nicht so, dass Leni zu wenige Geschwister hätte. Sie wachsen zu sechst in einem verlassenen Bahnhof irgendwo in Thüringen auf. Es gibt Gerüchte, die Eltern hätten etwas auf dem Kerbholz oder seien Spione gewesen. Über viele Jahre hinweg ist die Mutter entweder schwanger oder stillt. Leni, Etgar, Josi, Kiki, Alex und Paul, immer wenn der Zauber der Bedürftigkeit verfliegt, sehnt sich die Mutter nach einem weiteren Baby.
Dabei ist diese Mutter gar nicht so mütterlich, sondern häufig abwesend, in ihre Bücher vertieft. Den sorgenden Teil übernimmt meist der Vater, der glücklicherweise Rettungssanitäter und deshalb auch für die Verletzungen seiner Kinder bestens gewappnet ist. Zumindest für die körperlichen. Dass er eigentlich Architekt ist, nehmen sie hin wie so vieles anderes auch. Beispielsweise die lange Reise des Vaters, während der er in anderen Ländern Häuser baute.
Immer noch ein Geheimnis
Das ist die Kindheit, die inzwischen alle hinter sich gelassen haben. Doch dann kehrt Leni nach dem Ende einer Beziehung und einem psychischen Zusammenbruch in das Haus zurück, das die Mutter nach der Scheidung allein bewohnt. Und nach all den Jahren, in denen die Leerstelle, die Lori hinterlassen hatte, ausgehalten wurde, gibt es nun die Lücke, in die die Wahrheit passt. Es beginnt die Suche nach dem, was immer unausgesprochen geblieben ist.
Das ist weit mehr als nur Lori und die Umstände, unter denen sie ums Leben kam. Vielmehr gräbt sich Leni tief in die Biografien ihrer Eltern. Sowohl die Mutter als auch der Vater sind Kinder der DDR. Sie haben das Schweigen gelernt, das Sprechen in Andeutungen und das Aushalten der Ungewissheiten.
So ist in all den Jahren unausgesprochen geblieben, dass die Mutter als junge Frau beinahe ums Leben gekommen wäre. Auf das Wohnheim, in dem sie als Auszubildende in Cottbus wohnt, fällt ein NVA-Flugzeug. Mehrere ihrer Kolleginnen sterben, aber nicht die Mutter.
"Katharina trennten drei Minuten vom Flammentod. Drei Minuten Wegezeit lagen noch vor ihr bis zum Treppenhaus, das der Düsenjet durchschlagen hatte. Katharina würde sich den Rest ihres Lebens fragen, wo sie diese drei Minuten verloren hatte. Ja, sie dachte an das Wort verloren. Oder auch verbummelt. Wo hatte sie die drei Minuten, die ihr das Leben retteten, verbummelt."
Hoher Preis für das Schweigen
Doch selbst das ist nur ein weiteres Geheimnis, das bisher niemand nötig fand, aufzuklären, und das nun zwischen Mutter und Tochter diskutiert wird. Sie schauen auf Fotos und Briefe, Leni auch noch auf Menschen wie Lutz, der so gern an ihrer Seite wäre. Und nach und nach kommen alle Verheerungen und Traumata zur Sprache, die über die Jahre in den Kindern eine zerstörerische Kraft entfaltet hatten.
Leni wird immer wieder wie zu Stein, kann nicht mehr sprechen und verschwindet in eine andere Welt. Etgar hat Depression, Alex trinkt, Josi ist Borderlinerin, Kiki ohnehin nicht von dieser Welt und Paul so leistungsfixiert, dass man schon vom Zusehen Muskelkater bekommt.
"Mama und ich hatten eine stille Übereinkunft getroffen. Keinen Pakt, wir sind keine Verschwörerinnen. Wir sind Hüterinnen. Wir wissen, wie viel Wahrheit für jeden von uns zumutbar ist."
Kein Ostroman
Die 1979 in Erfurt geborene Autorin betont, dass der Roman nicht autobiografisch ist. Nur einige Orte sind es und schon das macht den Roman lesenswert. Mit großer Genauigkeit beschreibt Mueller, was Leni an Erinnerungen festhalten konnte. Und mit der gleichen Präzision hat sie ihre Geschichte gebaut, immer wieder zwischen den verschiedenen Zeitebenen wechselnd, in denen ihre Protagonisten ganz unterschiedliche Erfahrungen machen und mal mehr oder weniger wissen.
Obwohl die DDR und ihre Mechanismen ein wesentlicher Teil der Geschichte sind, ist "Lori" trotzdem kein Ost-Aufarbeitungsroman. Denn es geht mindestens genauso sehr wie um VEBs, den sozialistischen Aufbau oder die Stasi um psychische Gesundheit, das Bedürfnis nach Verbindung und Großzügigkeit gegenüber den Menschen, mit denen man in Liebe verbunden ist. Große Leseempfehlung.
