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Heinz Strunk und sein "Jürgen" "Man stinkt und fühlt sich grauenhaft"

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Fühlt sich inzwischen als Autor anerkannter als früher: Heinz Strunk.

(Foto: Dennis Dirksen)

Nach seinem Erfolgsroman über Fritz Honka meldet sich Heinz Strunk mit neuem Werk zurück. "Jürgen" erzählt die Geschichte zweier Freunde auf der Suche nach Liebe. n-tv.de spricht mit dem Hamburger über Dates, Kleidungsfragen und Traumdeutung.

n-tv.de: Wie sollte man beim Speed Dating gar nicht einsteigen?

Heinz Strunk: Die bescheuertste Frage ist natürlich: Wenn du eine Pizza wärst, was wäre dann dein Belag? Das heißt wohl, wenn man jetzt Ananas nimmt, dann ist man romantisch oder sowas. Da gibt es einen richtigen Merkmalskatalog, ähnlich wie bei Sternzeichen.

Was sollte man noch unbedingt vermeiden?

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Wie macht man beim Date nichts falsch? Fragen Sie Heinz Strunk.

(Foto: Dennis Dirksen)

Man sollte peinlich darauf achten, dass man gut aus dem Mund riecht. Das monieren Frauen ja auch oft an ihren Ehemännern, dass mit der Zeit eine gewisse Verwahrlosung eintritt. Es gibt auch in meinem Umfeld, ohne dass ich jetzt Namen nennen möchte, jemanden, der immer unglaublich nach Schweiß riecht. Dabei gibt es doch Deos.

Haben Sie demjenigen das mal gesagt?

Ja, ja, der merkt es dann selbst. Aber dann kommt er irgendwann wieder angestunken. Das ist so ein Abtörner, wenn man nach Schweiß oder aus dem Mund riecht, da kann der charmanteste Typ dann nicht mehr dran rütteln.

Stichwort Kleiderordnung - das ideale Oufit?

Das ist das Problem bei solchen Leuten wie Jürgen oder Bernd, dass die ja wie etwa 95 Prozent aller Männer keinen Geschmack haben und das in einem umfassenden Sinne. Das gilt für Wohnungseinrichtung ganz entscheidend, Kleidung, meistens auch bei Musik, Film und Buch.

Woher mag das kommen?

Es fehlt da so eine Grundempfindsamkeit für Ästhetik. Als ob das nicht wichtig wäre. Manchmal glaube ich auch, dass sich solche Leute bewusst mausgrau kleiden, weil sie denken, dass sie die Idee von auffallender oder auch körperbetonter Mode nicht ausfüllen können und sie lieber in der Menge untergehen, ja, sich in ihr womöglich auflösen.

Nach dem "Goldenen Handschuh" ist nun mit "Jürgen" erneut die Liebe im weitesten Sinne das Thema. Unblutig, aber auch von Tragik umweht. Was haben Fritz Honka und Jürgen Dose gemeinsam?

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Strunks Buch "Der goldene Handschuh" wurde unter anderem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

(Foto: imago/STAR-MEDIA)

Beide sind arme Würstchen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Während Honka als Schwerstalkoholiker und Mörder endete, geht es bei Jürgen ja glimpflich zu. Es gibt diesen unendlich dummen Satz "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum", was ja totaler Quatsch ist. 90 Prozent der Leute, an die sich dieser Satz richtet, haben weder Möglichkeit noch Gelegenheit ihre wie auch immer gearteten Träume zu leben. Man kann das regelmäßig bei "Goodbye Deutschland" besichtigen, wie die Trottel ihre Träume leben wollen und dann fröhlich scheitern.

Scheitert Jürgen letztlich auch?

Bei ihm ist es so: Er führt, wie Millionen andere auch, ein reduziertes, langweiliges, wenig aufregendes Leben, abseits von jeder Art von Glanz. Solche Leute sind geradezu darauf angewiesen, ihr Leben ein wenig schöner zurechtzudenken, als es in Wirklichkeit ist. Das Subjektive muss schöner sein als das Objektive. Da hat es Jürgen Dose zu einer gewissen Virtuosität gebracht. Am Ende geben er und Bernd ja eine Kontaktanzeige auf, als wenn all diese schrecklichen Niederlagen eigentlich gar nicht passiert wären. Bewundernswert eigentlich. Ich finde das rührend.

Kannten Sie mal einen Jürgen Dose?

Es gab einen Alleinunterhalter in Harburg. Von dessen Existenz habe ich im Zusammenhang mit der Tanzmusik mal Kenntnis bekommen, ohne den aber kennengelernt zu haben. Der Name ist so herrlich leer, da habe ich ihn verwendet, zum ersten Mal auf meiner CD "Der Schlagoberst". Da gab es eine kurze Passage, in der ein Typ über Mikropilz fabuliert, die in meinem Bekanntenkreis und bei meinen spärlichen Hörern für Aufsehen sorgte. Da dachte ich dann, das ist so ein spezieller Charakter, das muss weitergehen. So habe ich ihn über die Jahre entwickelt.

Nicht das einzige Mal, dass Jürgen bisher auftauchte ...

Ihn gab es auch schon 2005 auf meinem Album "Trittschall im Kriechkeller", parallel dazu entstand die Idee, das filmisch umzusetzen. Mit dem Rückenwind des "Goldenen Handschuhs" und der Tatsache, dass meine Sachen jetzt größere Beachtung finden, ist der Zeitpunkt gekommen für Jürgen Dose, das Licht der Welt zu erblicken.

Der Widerspruch dieses "Trittschalls" im "Kriechkeller" ist mir erst jetzt so richtig durch die erläuternde Passage im Buch aufgegangen.

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Strunk ist nicht nur Autor, sondern treibt auch sonst viel Schabernack, etwa mit der fiktiven Band Fraktus.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das geht eben nicht. Das ist eben der Traum dieses Jürgen Dose, dass er den Insekten zuhört und meint, wenn er sich sehr konzentriert, ihre Tritte im Kriechkeller zu hören. Eine tolle Geschichte, ein faszinierendes Bild, das mich bis heute verfolgt. Dieser arme Typ, der als Kind keine Spielkameraden hatte und seine Zeit in einem Kriechkeller verbringt. Auf diese Idee überhaupt zu kommen …

Wie würden Sie Jürgen Dose mit drei Attributen beschreiben?

Verträumt, gehemmt und lieb.

Sein bester Freund ist Bernd Würmer - was ist das für ein Typ?

Es gibt ja das schöne Wort von der "Need Company". Jeder Mensch braucht einen anderen Menschen. Es gibt genug Ehen, die sind ebenfalls "Need Companys". Leute, die nicht alleine sein können oder wollen. Dabei sind Jürgen und Bernd komplett unterschiedlich. Bernd ist grob, dauergeil, kein besonders guter Charakter, eher stumpf. Nun kennen die beiden sich aber seit ihrer Kindheit, beide zusammengeführt durch Defekte, die in der Jugend - Stichwort Hänseleien - noch schwerer wiegen. Sie sind zusammengeblieben, weil sie niemand anders gefunden haben.

Dann gibt es da auch noch die Mutter - bettlägerig, schwer krank. Jürgen baumelt ihr Besteck an den Ventilator, das Rasseln gaukelt ihr vor, dass jemand im Haus ist. Das ist alles schon sehr schwermütig …

Was für ein groteskes Bild, oder?

Trotzdem kommt "Jürgen" im Kern komödiantisch daher. Ein typischer Strunk - würden Sie da zustimmen?

Auf jeden Fall.

War das die Prämisse vorab?

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Tausendsassa Strunk ist inzwischen auch unter die Gastronomen gegangen.

(Foto: Dennis Dirksen)

Ja, das war es. Auch diese Traurigkeit des kleinen Mannes. Das ist meine Idee von Humor. Mit dem Lachen gegen die Melancholie. Das Ganze ist ja auch in keinem literarischen Ton verfasst. Jürgen ist der Erzähler und er ist nun mal kein Intellektueller. Ihm da literarische Motive in den Mund zu legen, wäre unstatthaft gewesen.

Das in Teilen autobiografische Motiv der kranken Mutter ist auch bekannt.

Nun muss man sagen, dass es die Idee von Jürgen Dose schon zehn Jahre vor "Fleisch ist mein Gemüse" gab. Mir war es bei ihm wichtig, dass er das klassische Muttersöhnchen ist. Die Mutter ist so dominant, dass man ahnt, wenn es da irgendwann eine Freundin geben sollte, dann wird sie die Stellvertreterin der Mutter sein und ihn an die Kandare nehmen.

An einer Stelle denkt Jürgen daran, wie es wäre, wenn Mutter fort wäre. Lang pennen, bequeme Klamotten, Lieblingsmusik. Trotzdem hat er nichts Besseres im Sinn, als eine Frau zu finden. Also Zweisamkeit um jeden Preis, obwohl er ahnt, dass das Single-Leben letztlich doch entspannter ist. Ist das ein generelles menschliches Problem?

Ich habe bei mir selbst die Erfahrung gemacht. Ich habe seit einem Jahr eine Freundin, zuvor war ich sieben Jahre Single. Davor hatte ich immer Freundinnen, eigentlich hat eine die andere immer abgelöst und ich war praktisch keinen Tag alleine. Erst mit 46 Jahren war ich in der Lage, das Alleinsein auszuhalten und auch gut zu finden, eben ohne "Need Company". Bei Jürgen ist das ambivalent. Es war mir wichtig, zu schildern, dass es da schon mal etwas Schönes gegeben hat, diese kanadische Austauschschülerin namens Sue, die ihm die Sehnsucht nach einer Liebe eingepflanzt hat. Diese Erinnerung, wie schön das war, und dieser Wunsch, so etwas noch einmal zu erleben.

Auch griechisches Essen ist erneut ein Thema. Wann waren Sie zuletzt beim Griechen?

Jetzt während der Dreharbeiten, aber nur weil ich musste. Das Problem ist eben auch, man stinkt fürchterlich und fühlt sich grauenhaft danach.

Ein Standard-Essen, das Sie immer bestellen? Räuberteller? Akropolis-Platte?

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Mit "Jürgen" geht Strunk demnächst auf Lesetour.

(Foto: imago/Horst Galuschka)

Ich bin da nicht mehr so drin. Das ist ja auch unterschiedlich. Bei dem einen Griechen bedeutet Kreta-Platte was mit Hack, bei dem anderen mit Lamm.

Ouzo hinterher ist Pflicht?

Immer.

Überhaupt - Sie sind mit der neueröffneten "Cantina Popular" selbst unter die Gastronomen gegangen.

Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Die Hamburger Presse schrieb jetzt "Heinz Strunk und Ex-Terrorist eröffnen Kneipe auf der Schanze". Die Wahrheit ist, dass ich mit dem operativen Geschäft gar nichts zu tun habe. Das könnte ich gar nicht leisten. Da kenne ich mich nicht aus. Ich bin einer von vier Teilhabern.

Den Gast erwartet "emotionale Primetime", heißt es im Text auf der Facebook-Seite.

Ich habe das schon in meinem eigenen Stil verfasst. Das ist natürlich schon origineller als irgendwelche Sachinformationen.

Stecken die Mälzers und die Hensslers der Stadt dann die Nase in die Tür und gucken, was beim Strunk so köchelt?

Tim vielleicht, mit dem bin ich ganz gut bekannt. Henssler kenne ich gar nicht. Der hat bestimmt genug zu tun.

Nochmal zum Honka - schreibt es sich anders nach diesem Erfolg?

Ja, das tut es. Dazu muss man aber sagen, dass ich den "Jürgen" schon parallel dazu geschrieben habe. Mit dem habe ich angefangen, als noch gar nicht abzusehen war, was der "Goldene Handschuh" für ein Erfolg werden würde. Es schreibt sich aber generell schon leichter.

Hatten Sie erwartet, dass das Buch so angenommen wird?

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Der Roman "Jürgen" ist soeben erschienen.

(Foto: Rowohlt Verlag)

Gehofft hatte ich das schon. Mit dem Erwarten bin ich vorsichtig. Hits kann man nicht programmieren, dann gäbe es keine Flops mehr.

Fühlen Sie sich als Autor jetzt anerkannter, ernster genommen?

Ja, auf jeden Fall. Das fühlt sich sehr gut an.

Hat Ihnen das bislang gefehlt?

Alle, die sich mit mir beschäftigen und auch die Bücher gekauft haben, die nicht so erfolgreich waren, die wissen das, glaube ich. Aber nehmen wir das Buch vor Honka zum Beispiel, "Junge rettet Freund aus Teich", das hat nicht so gut verkauft und die Leute verbinden mich dann schlussendlich immer noch mit "Fleisch ist mein Gemüse". Lustig, lustig. Immer Gags, dazu noch Studio Braun. Aber das stimmt nicht. Ich erinnere mich daran, wie ich den Rabe-Preis für den "Goldenen Handschuh" an einem Freitag im November bekam und am Montag drauf war ich zu Gast bei "Duell um die Geld".

Ein ziemliches Kontrastprogramm!

Das war super. Mein Ziel war immer, unterschiedliche Sachen machen zu können, die, wenn sie gut sind, Beachtung finden, auch ohne Ansicht der Person. Nicht so von wegen: Strunk ist der Quatschmacher, der kann keine seriöse Literatur schreiben.

Kann Jürgen irgendwann auf ein Happy End hoffen?

Klar, mal schauen, wie es jetzt so geht mit dem Buch, im Herbst kommt der Film.

Charly M. Hübner spielt Bernd Würmer …

Ein so großartiger Schauspieler, ein fantastischer Mensch, noch dazu ein wahnsinnig kluger, gebildeter Typ. Charly meinte, die Figuren seien wie Gefäße, man könnte sie wunderbar mit Geschichten füllen. Vielleicht haben die beiden irgendwann die Liebe gefunden und gehen mit den Damen auf Kreuzfahrt, wo dann alles den Bach runtergeht.

Ich musste feststellen, dass mich das Thema so sehr verfolgt hat, dass ich sogar davon geträumt habe. Ich war auf einem Blind Date, angetrunken und nassforsch. Die Dame ließ mich schließlich in einem Schnellimbiss sitzen. Was mag das bedeuten?

Also, in Sachen Traumdeutung bin ich ganz schlecht, aber ich hatte ja mit 18, 19 Jahren schon so schwere Depressionen. Da bin ich mit meiner Mutter zu einem Tiefenpsychologen gegangen und verbrachte ein Dreivierteljahr damit, dem Mann meine Träume zu erzählen. Pro Stunde 90 Mark, die wir dem Typen in den Rachen geschmissen haben.

Das brachte also nichts?

Die Stunden bestanden darin, dass ich ihm meine Träume erzählen sollte und die dann aber auch noch selber analysieren musste. Das war der Wahnsinn. Ohne Scheiß. Träume erzählen und selber deuten. Der hat praktisch gar nichts gesagt. Nach der Anamnese habe praktisch nur noch ich geredet. So eine Frechheit.

Mit Heinz Strunk sprach Ingo Scheel

"Jürgen" ist am 24. März bei Rowohlt Hundert Augen erschienen. Hier können Sie den Roman bei Amazon bestellen

Heinz Strunk geht in den nächsten Wochen mit "Jürgen" auf Lesetour: Hamburg (31.3.), Marburg (11.4.), Lingen (13.4.), Bielefeld (25.4.), Köln (26.4.), Soltau (27.4.), Flensburg (28.4.), Hamburg (1.5. und 2.5.), Dresden (3.5.), Erlangen (4.5.), München (5.5.). Weitere Termine folgen.

Quelle: ntv.de