Drei Frauen, der Mond und das Öl"Missitalia" ist auf allen Ebenen tollkühn

Wer bei "Missitalia" an Schönheitsköniginnen denkt, wird enttäuscht. Claudia Durastanti erzählt in ihrem wilden Roman von einer Waffenschmugglerin, einer Spionin und einer Mondfahrerin, für die das süditalienische Val d'Agri zur Bühne wird.
"Sie war tollkühn." Schon dieser erste Satz in Claudia Durastantis Roman "Missitalia" verrät, wo die Reise hingeht. Er trifft auf Amalia mit ihren "Niemandstöchtern" zu, auf Ada und auf A. Ja, tatsächlich einfach nur A, auch sprachlich und stilistisch erzählt Durastanti auf unerschrockene Art die Geschichten von drei Frauen, die in unterschiedlichen Jahrhunderten leben.
Bindeglied ist das Val d'Agri, eine mondgleiche Landschaft in Süditalien, genauer gesagt in der Basilikata. Dort versammelt Amalia in den 1860er Jahren Waisen und Ausreißerinnen um sich. Die nennen sie "Madre", gemeinsam wohnen sie in höhlenartigen Behausungen mit schimmelnden Wänden und leben vom Waffenschmuggel. Als sich in dem Tal eine Textilfabrik ansiedelt, wird das für alle zu einer Herausforderung.
Ada fängt nach ihrem Schulabschluss in den 1950er Jahren in Rom bei einer Zeitschrift an, die eine Marxistin leitet und ein Ölmagnat finanziert. Anthropologische Recherchereisen führen sie schließlich ins Val d'Agri. Am Geburtsort ihrer Mutter beschäftigt sich Ada mit magischen Phänomenen, befragt alte Frauen über Hexen und wird zur Spionin.
Hundert Jahre später wandern Menschen von einem Weltraumhafen im Val d'Agri zum Mond aus, wo sie in symmetrisch zur Erde angelegten Zwillingsregionen leben. Auch A ist auf den Mond umgezogen und beschäftigt sich dort mit dem Schicksal überflüssiger Materialien. Dann aber merkt sie, dass sie nicht länger auf dem Mond sein kann, wo das Wort "Ende" offiziell verboten ist.
Jeder der drei Frauen, die sich den Anfangsbuchstaben teilen, ist ein separater, in sich geschlossener Abschnitt gewidmet. Einer der Reize des Buches ist die Varianz, mit der Durastanti diese Teile gestaltet. Bei Amalia hält sie es etwas wild, sowohl die oft derbe Sprache als auch die Chronologie. Für den Ada-Teil wählt die Autorin die konventionellste Herangehensweise und greift auf eine lineare, lakonische Erzählweise zurück. Von A berichtete sie dann minimalistisch in einem sehr nüchternen Ton.
"Triptychon über Ressourcen"
Sie habe "ein Triptychon über Ressourcen und darüber, was wir für notwendig halten, um als Zivilisation, als Menschen weiterbestehen zu können", schreiben wollen, so Durastanti in einem Interview mit dem Zsolnay-Verlag, bei dem die von Annette Kopetzki exzellent ins Deutsche übertragene Version erschienen ist. Die Leserin hat am Ende tatsächlich das Gefühl, drei Romane gelesen zu haben - wären da nicht die zahlreichen kleineren und größeren Verbindungen.
Die greifbarste ist eine der genannten Ressourcen: Öl. Im ersten Teil, der gegen Ende der italienischen Unabhängigkeitskriege und zu Beginn der Industrialisierung angesiedelt ist, entdecken Amalias Mädchen es durch einen bösen Zufall. In den Jahren des Wirtschaftswunders soll es in der Region dann gefördert werden und in der nahen Zukunft ist es versiegt.
Auch wenn sich Leserinnen und Leser manches ein wenig erarbeiten müssen, ist es ein echtes Vergnügen, immer neue Anspielungen und Verknüpfungen zwischen den einzelnen Teilen zu entdecken. Da sind ein kleiner, grüner Stein, der im Licht reflektiert, und natürlich der Mond, der von der Erde aus betrachtet wird, auf einer Wandmalerei oder in einer Villa auf einem De-Chirico-Gemälde zu sehen ist und schließlich zum neuen Wohnort wird. Aber auch Entwicklungen lassen sich beobachten, zum Beispiel in Bezug auf Gemeinschaft.
Madres Kommune - Männer hausen als Deserteure in einem unterirdischen Stollen und tauchen manchmal in den Betten von Amalia und den Mädchen auf - ist geprägt von (vermeintlicher) Gemeinschaftlichkeit und dem Zusammenhalt der Mädchen. Bei Ada zerfasert das Rechercheteam aus Kreativen und Menschen aus der Wissenschaft immer stärker, zu zweien der Männer pflegt Ada mal enge, mal distanzierte Beziehungen. A lebt dann fast komplett in der Vereinzelung, von ihrem Mann ist sie getrennt.
Faszinierendes Kaleidoskop
Durastanti berichtet, sie habe sich bewusst dagegen entschieden, über Frauen zu schreiben, deren Leben sich um Liebe, Mutterschaft oder Karriere dreht. Sie wollte, "dass diese Frauen für ihre Ideen (oder den Mangel an Ideen) kämpfen", und das "nicht unbedingt aus Zuneigung und romantischen Impulsen heraus."
Der ganze Roman ist wie ein faszinierendes Kaleidoskop und vielschichtig interpretierbar - wie auch schon sein Titel. "Missitalia" vereint für Durastanti "die Idee einer Nation, die Idee der Sehnsucht, des Verfehlens einer Ziels". Und er ist eine Hommage an die jungen Frauen im Buch - im übertragenen Sinne eben Schönheitsköniginnen.
In "Missitalia" gibt es viel zu entdecken. Der Roman ist genau das Richtige für Leserinnen und Leser, die sich gerne auf Spurensuche begeben, die sprachliche und stilistische Raffinesse schätzen und die sich für unterschiedliche Genres von Western bis Science-Fiction begeistern lassen. Oder kurz gesagt: Für alle, die es tollkühn mögen.
