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Leben mit dem Trauma Winnenden und der Amoklauf

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Der Trauerflor am Ortsschild war plötzlich verschwunden, die Trauer bleibt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bis zum 11. März 2009 war Winnenden eine beschauliche schwäbische Kleinstadt. Seit diesem Tag ist es ein Synonym für Amoklauf und Schulmassaker. Für die Menschen, die in Winnenden leben, heißt das, ihr Leben neu zu ordnen und mit dem Trauma leben zu lernen.

Zwei Jahre ist es her, dass Tim K. in Winnenden und Wendlingen insgesamt 15 Menschen und schließlich sich selbst getötet hat. Viel ist seitdem über Jugendliche geschrieben und gesprochen worden, die solche Taten verüben, viel über Ballerspiele und Waffenkontrollen, über Gewaltprävention und emotionale Verwahrlosung. Über all diese Dinge schreibt Jochen Kalka auch, vor allem aber schreibt er über „Winnenden“.

Die schwäbische Kleinstadt ist seit jenem 11. März zum Synonym für Amoklauf geworden, so wie Columbine oder Erfurt. Kalka lebt in Winnenden, seine Frau ist dort Lehrerin, seine Töchter gehen dort zur Schule. Für ihn ist und bleibt Winnenden Heimat, und obwohl er am Tag des Amoklaufs in München war und seine Familie unversehrt blieb, ist er als Winnender nicht ungeschoren davon gekommen. Von diesen Umbrüchen als Folge einer unbegreiflichen Straftat schreibt Kalka.

Schreiben als Therapie

Zunächst schrieb er all seine Eindrücke einfach nur für sich selbst auf, weil es so viele waren, und weil plötzlich das ganze Leben unter dem Blickwinkel des Amoklaufs betrachtet schien. Die Wege in der Stadt fühlten sich anders an, je nachdem, ob der Täter diesen Weg genommen oder gemieden hatte. Das Freibad der Stadt wurde zum Un-Ort, weil sich dorthin die Schüler flüchteten, als Tim K. die Schule verlassen hatten. Die Albertville-Realschule wurde zugesperrt, der Unterricht und auch die psychologische Betreuung von Schülern, Lehrern und Eltern fanden in Containern statt, deren Existenz allein schon die Morde immer wieder in Erinnerung riefen. Selbst der Friedhof war mit seinen vielen neuen Gräbern plötzlich trauriger über das normale Maß hinaus.

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Das Buch ist bei DVA erschienen und kostet 17,99 Euro

Ein Jahr lang notierte Kalka die Erfahrungen einer Stadt mit dem Kummer. Nur selten kommen dabei die Angehörigen derjenigen vor, die der 19-Jährige erschoss. Nur dann, wenn sie sich in den Medien äußern oder wenn ihm auffällt, dass auch seine Familie mit ihnen über Freundschaften oder den Sportverein verbunden ist. Kalka hat niemanden befragt oder interviewt, er hat einfach weiter gelebt in seiner kleinen Stadt, Nachrichten gesehen und Zeitung gelesen, seine Kinder geweckt und beim Bäcker eingekauft. In der Beschreibung all dessen wird das Maß an Traumatisierung deutlich, das einer ganzen Region und ihren Menschen widerfahren ist.

Medienschelte und die Frage nach Waffen

Auf knapp 240 Seiten beschreibt Kalka das Leben in der Stadt unter dem Eindruck des Schulmassakers. Er hinterfragt immer wieder die Berichterstattung über solche Taten, deren Ziel oft genug die größtmögliche Aufmerksamkeit ist. Genau darin liege deshalb auch die Gefahr, weil sie Wiederholungstäter animiere, noch schlimmere Taten zu begehen, um noch mehr Berichterstattung auszulösen. Kalka hadert mit der Medienmeute und muss am Ende seines Buches doch eingestehen, dass er irgendwie doch dazu gehört.

Ein zweites immer wiederkehrendes Thema ist der Waffenbesitz. Schützenvereine, die in Kindergartenkellern trainieren, Waffen, die abgegeben und anschließend wiederverkauft werden, Menschen, die Schießen für eine ganz normale Freizeitbeschäftigung halten. Wenn ein Mensch so viele andere Menschen erschossen und sich dadurch das ganze Leben verändert hat, ändert sich der Blickwinkel auch darauf.

Kalka drückt sich um keine Empfindung und keine Schlussfolgerung. Das ist oft bedrückend. Vor allem aber erinnert er seine Leser eindringlich daran, dass auch Winnenden vor dem Amoklauf eine ganz normale Kleinstadt war, bis zum 11. März 2009.

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Quelle: n-tv.de

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