Essen und Trinken

Hilfe! Ich werde reifer! Gefahr durch Mozart

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Die "Fuldaer Stadtstreicher" spielen in einem Fabrikgebäude für Wurstwaren.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Da staunt der Fachmann - und der Laie wundert sich! Ich liebe klassische Musik und esse gern Salami und Schinken. Allerdings habe ich noch nie in meinem Leben eine innige Verbindung zwischen dem Hören von Mozart und dem Kauen eines Wurstbrotes herstellen können. Das hat sich aber mit Macht geändert, seitdem ich weiß, dass es in Fulda Menschen gibt, die Blutwurst, Salami und Schinken mit Mozart und Bach beschallen, damit sie besser reifen. Woraus sich nun für mich leider die unangenehme Frage ergibt: Gilt das auch für mich? Werde ich schneller "reif" mit Amadeus und Johann Sebastian? Kann ich den Prozess des Älterwerdens verlangsamen, wenn ich meine Hörgewohnheiten ändere, vielleicht mit Hilfe von Bill Kaulitz ganz und gar stoppen? Glauben Sie mir, soweit würde ich gehen!

In Fulda nämlich spielen vier junge Musiker ein oder zweimal pro Monat nicht wie üblich vor lebendigem Publikum, sondern vor Wurstwaren, die auf Rollwagen vor sich hin reifen und trocknen. Und das ist den "Fuldaer Stadtstreichern" nicht etwa "Wurscht", nein, die Musiker bearbeiten mit Inbrunst ihre Saiten, ohne je dafür Applaus zu erhalten.

Wolfgang Gutberlet, der Chef der in Fulda ansässigen, auf Bio-Lebensmittel spezialisierten Supermarktkette tegut, ist davon überzeugt, dass der Reifeprozess unter dem Einfluss von klassischer Musik besser vonstattengeht. "Es mag spektakulär wirken. Aber wir haben schon immer versucht, neue Wege zu gehen. Als wir damals mit Bio angefangen haben, haben auch viele Leute mit dem Kopf geschüttelt. Wir halten das gut aus, sollten wir belächelt werden", sagt Gutberlet. Teurer ist die Wurst der Marke "Rhöngut" trotz des edlen Unterhaltungsprogramms für den Verbraucher angeblich nicht. Ein Hinweis auf die Sonderbehandlung fehlt auf den Verpackungen, wohl, um Skeptiker nicht zu verprellen.

Der Versuch, mit Klassik Wachstum zu fördern, ist nicht neu. In der Vergangenheit wurden bereits im In- und Ausland Weinberge mit Musik beschallt, um einen womöglich besseren Tropfen zu gewinnen. Bekannt ist jedenfalls, dass Kühe mehr Milch geben, wenn im Stall klassische Musik in ihre Ohren perlt. Das regt die Hormonproduktion an. Aber Trauben und Schinken? Die haben doch keine Ohren!

Klassische Konzerte für bessere Wurstreifung - das sei eine "obskure Geschichte", findet der Leiter für Sicherheit und Qualität bei Fleisch am Max-Rubner-Institut im fränkischen Kulmbach, Prof. Klaus Troeger. "Ich sehe da keinen Zusammenhang." Obgleich es möglich sei, dass Schallwellen physikalische und chemische Prozesse auslösen können.

Auch Prof. Friedrich-Karl Lücke vom Fachbereich Oecotrophologie an der Hochschule Fulda kann sich "keine naturwissenschaftliche Erklärung zusammenreimen". Lücke will das Fideln im Wurstwerk aber nicht als Hirngespinst abtun: In der Homöopathie sei auch nicht alles erklär- und belegbar.

Gutberlet und seine Musiker setzen auf den Selbstversuch: "Der Schinken schmeckt sehr gut." "Zu Gehör" gebracht werden vorzugsweise Mozart und Bach. Das soll aufgrund der perfekten Kompositionen besonders vorteilhaft sein. Rock- oder Technomusik lässt Gutberlet an seine Würste nicht 'ran. Die seien nämlich sehr empfindlich. Ich nehme mal an, bei Techno fällt der Salami die Pelle ab. Und das soll ja nicht sein.

Ob Sie für einen "Schinken in Rotwein" beschallte Zutaten verwenden, überlasse ich gerne Ihnen. Bei Tisch jedenfalls erhöhen Mozart und Bach durchaus den Genuss:

Zutaten (10 Personen):
Ein kleiner ganzer Schinken (2,5 kg)
1 Flasche Rotwein
500 g Möhren
500 g Sellerie
20 Schalotten
3 Gewürznelken
1 EL Zucker
2 El rotes Johannisbeergelee (muss nicht sein)
1 EL Butter
1 EL Mehl

Zubereitung:
Den Schinken in etwa 2 Stunden kochen, bis er anfängt, weich zu werden. Der Schinken soll dabei nur leicht sieden. Hat der Schinken eine Schwarte, wird sie nun abgezogen. Nur eine feine Fettschicht an dem Fleisch lassen.

In der Zwischenzeit das Gemüse putzen. Möhren und Sellerie in grobe Stücke schneiden. Wer sich die Mühe machen will, kann sie kugelig ausstechen, das sieht auf der Platte schöner aus. Die Schalotten nur schälen und ganz lassen.

Jetzt den Schinken in einen passenden Kochtopf geben. Das Gemüse, die Schalotten, die zerstoßenen Nelken, den Rotwein und 1 bis 2 Schöpfkellen Schinkenbrühe dazugeben. Alles zugedeckt etwa 1 Stunde dünsten. Nach einer halben Stunde den Zucker und das Johannisbeergelee unterrühren und weiter schmoren. In der ganzen Zeit den Schinken mit dem Fond begießen. Zum Schluss evtl. den Schinken in der Röhre (ohne Deckel) bei 200 Grad noch etwas braten. Den Schinken und das Gemüse herausnehmen. Die Soße evtl. reduzieren.

Die Butter mit dem Mehl verkneten und diesen Kloß unter Rühren in der köchelnden Soße auflösen. (Sollte der Fond bereits eingekocht sein, wenn der Schinken gar ist, ist diese Bindung nicht mehr nötig. Falls Sie aber mehr Soße haben wollen, sollten Sie so verfahren.)

Den abgeruhten Schinken in Scheiben schneiden und mit dem Gemüse auf einer angewärmten Platte auf den Tisch bringen. Die Soße extra dazu reichen.

Viel Spaß und Guten Appetit wünscht Heidi Driesner. Und nicht vergessen: Legen Sie dazu Bach oder Mozart auf!

Quelle: n-tv.de