Essen und Trinken

Keine "Residenz der Langeweile" Lüneburg baut nicht nur auf Sand

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Lüneburg ist nie langweilig, nur stellenweise etwas schief.

(Foto: Driesner)

Früher haben die Lüneburger auf Salz gebaut. Das merkt man heute noch, weil die kleine Hansestadt seitdem an manchen Stellen etwas beulig aussieht. Sand gibt’s auch und Schafe sowieso. Was aber kaum einer weiß: Das beschauliche Städtchen im Norden hat nach Madrid die größte Kneipendichte in Europa.

Sandig war’s nicht in Lüneburg, sondern ziemlich nass. Zumindest von oben. Was dem gemütlichen Charme des Städtchens zwischen Elbe und Heide aber keinen Abbruch tat; dann schon eher die Tatsache, dass zwei Tage vor meiner Reise in den Norden eines der schönen alten Häuser mitten im Lüneburger Kneipenviertel komplett abgebrannt ist. Nun klafft dort eine große Lücke, und auch die umliegenden Cafés und Restaurants haben vorübergehend geschlossen, weil die polizeilichen Ermittlungen zur Brandursache noch nicht abgeschlossen sind. Orkantief "Xaver" verzögert alle Arbeiten zusätzlich. Doch wie mir Stadtführerin Ulrike versichert, lässt sich ein echter Lüneburger nicht unterkriegen.

Lüneburg behauptet zu Recht von sich, eine der schönsten Städte Deutschlands zu sein. Ihren Reichtum hat sie dem Salz zu verdanken; der Abbau wurde 956 erstmals urkundlich erwähnt. Aber alles ist relativ, auch Reichtum, und irgendwann war Schluss damit. Für ein paar hübsche Fassaden hat’s aber immer gereicht, wie Lüneburg-Import Ulrike (aus dem Wendland eingewandert) erzählt, hintenrum sei es mitunter dürftiger.

1980 war dann aus wirtschaftlichen Gründen endgültig Schluss mit dem Salzabbau, was aber nicht bedeutet, dass Lüneburg nun verarmt. Denn es gibt so einiges im Städtchen und ringsum, was sich gut vermarkten lässt. Nicht zuletzt die Lüneburger Heide mit Schäferinnen und Schäfern, Heidschnucken und Heidekraut. Auch die haben Lüneburger und Touristen dem Salz zu verdanken, denn ursprünglich standen dort dichte Buchen- und Eichenwälder. Zum Salzkochen benötigte man aber viel Holz und so verödete die einstige Waldlandschaft.

Irgendetwas geht immer

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Lüneburgs historischer Hafen ist nun um ein Kleidod ärmer.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Hauch von "Katastrophen-Tourismus" weht durch die Straßen, wenn dem neugierigen Fremden Dellen im Erdboden und Risse in Häuserwänden gezeigt werden. Vor allem Autofahrer, die ein erotisches Verhältnis zu ihrem fahrbaren Untersatz haben, fürchten um ihr Lieblingsspielzeug, wenn sie von Ulrike hören, dass das gute Stück im Senkungsgebiet steht ("Wir Lüneburger parken dort nie …"). Aber so schlimm kommt es natürlich nicht, denn es wird ja kein Salz mehr abgebaut und folglich auch keine Sole mehr abgepumpt. Doch Erdeinbrüche, der erste datiert aus dem Jahr 1013, sind vielerorts sichtbar: An manchen Stellen ist Lüneburg "bergig" oder holprig wie eine Buckelpiste; Häuser neigen sich und an etlichen Bauten biegen sich die Balken. Kein Witz! Zwischen 1950 und 1980 mussten in der Altstadt fast 180 Häuser mit über 600 Wohnungen abgerissen werden. Und irgendwo ist immer die Abrissbirne unterwegs, denn auch heute noch senkt sich Lüneburg, nur nicht mehr so schnell.

Neben den Touristen-Euros für Heidekraut und Senkungsdellen spülen Bach und Heine ein paar Denkmalschutz-Euros ins Stadtsäckel. Die beiden großen Deutschen waren natürlich in Lüneburg, ist doch klar! Der junge Bach ging hier zwei Jahre lang zur Schule; ein Verzeichnis über ausgezahltes Geld für die Mitwirkung bei Gottesdiensten belegt das. Negative Äußerungen seitens Johann Sebastian sind nicht bekannt, war halt ein braver Kerl; der Heinrich war da weniger zurückhaltend. Für den aufmüpfigen Dichter war Lüneburg die "Residenz der Langeweile": "Bildung ist hier gar keine, ich glaube, auf dem Rathaus steht ein Kulturableiter." Ganz schön großkotzig, der Harry! Immerhin: "Aber die Menschen sind nicht so schlimm." Vielleicht hatte der bedeutende Dichter nur wieder mal Liebeskummer oder andere Bauchschmerzen, als er sich so fehl am Platze vorkam, denn schließlich entstanden die schönsten seiner Gedichte im "langweiligen" Lüneburg. Auch "Die Loreley", was zwar andernorts in Deutschland gerne anders behauptet wird, aber der Lüneburger nimmt’s mit nachsichtigem Lächeln. Dänemarks Märchendichter Hans Christian Andersen fand "diese merkwürdige alte Stadt" ebenfalls fremd, still und langweilig, Heimatdichter Hermann Löns dagegen nicht, denn er empfiehlt: "…seht euch die schöne alte Stadt an". Und das tun alljährlich Tausende Besucher. Zudem sorgen rund 7000 Studenten dafür, dass es nicht zu still wird in Lüneburg. Sie verhelfen der Stadt zu jugendlichem Flair und zu einer einmaligen Kneipendichte, nach Madrid der zweithöchsten in Europa:In Lüneburg kommen etwa 360 Gaststätten auf 72.000 Einwohner.

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Der sogenannte Wichernkranz, einer der größten Adventskränze Europas, erstrahlt auf dem Wasserturm.

(Foto: picture alliance / dpa)

Jetzt im Winter ist es in Lüneburg möglicherweise tatsächlich stiller als in der warmen Jahreszeit, denn das Glockenspiel aus Meissner Porzellan, das sonst vom Rathausturm schallt, ist wegen der Frostgefahr eingemottet. Es gilt mit 41 Glocken als eines der größten Porzellan-Glockenspiele in Europa. Stolzer O-Ton Ulrikes: "Eine Glocke mehr als in Dresden." So, das musste jetzt auch noch raus! Und was wird da gebimmelt? Ganz bekannte Stücke wie "Der Mond ist aufgegangen", "Ihr Kinderlein kommet", "Alle Jahre wieder"; kennt schließlich jeder. Und wer hat's komponiert? Natürlich ein Lüneburger, den aber außerhalb Lüneburgs kaum jemand kennt: Johann Abraham Peter Schulz.

Rosen zwischen Salz und Sand

Und noch eine Geldquelle hat sich für Lüneburg aufgetan, an der auch ich beteiligt bin, zumindest indirekt. Und mit mir jeder GEZ-Zahler oder wie die TV-Gebühr fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen jetzt heißt. Seit 2006 ist die Stadt Drehort für die ARD-Telenovela "Rote Rosen". Ein Ende ist nicht abzusehen, den Lüneburgern sei‘s gegönnt. Neben den pekuniären Einnahmen ist es auch der gestiegene Bekanntheitsgrad, der die Lüneburger freut.

Den Seifenopern-Fans dürfte das Herz aufgehen angesichts all der "Rote-Rosen"-Souvenirs. Es muss ja nicht eine gehäkelte Rose zum Anstecken sein (meine Kamera hat sich geweigert auszulösen), es darf ganz stilgerecht auch eine Seife (runde rote Rose) sein. Oder ganz einfach ein Sack Salz.

Ich habe mich für ein Mini-Schaf entschieden: Zwei Zentimeter lang, ein Zentimeter hoch, preiswert, platzsparend, lustig und typisch. Und ansonsten für Grünkohl mit Bregenwurst (auch ein Berliner kann etwas Hirn gebrauchen). Außerdem habe ich auf Sand gesetzt: Lüneburg ist nämlich nicht nur für Heidschnucken-Braten und Stint berühmt, sondern auch für Heidesand. Nicht nur den aus der echten Heide, das leckere Kleingebäck kommt natürlich aus der Konditorei. Richtige Lüneburger backen da nicht nur ein paar krümelige Kekse, sondern dieses Sand-Gebäck zergeht auf der Zunge. Ich habe in der kleinen Stadt an der Ilmenau mal die Ohren gespitzt:

Lüneburger Heidesand

Zubereitung:

Zutaten:

250 g Butter
200 g Kristallzucker
100 g brauner Zucker
1 Prise Salz
1 Vanilleschote
3 EL ungeschlagene Sahne
375 g Mehl

Die Butter in einem Topf zerlassen und bräunen (bräunen, nicht schwärzen!). In die Rührschüssel geben und völlig erkalten lassen. Dann mit dem Rührgerät unter Zugabe des Kristallzuckers, der Sahne und dem herausgekratzten Vanillemark sehr schaumig rühren. Danach das Mehl mit der Prise Salz unterkneten. Auch die Zugabe von 1 gestrichenen TL Backpulver ist möglich; "echter" Heidesand kommt aber ohne aus.

Den Teig zu Rollen mit einem Durchmesser von 5 bis 6 Zentimeter formen und in dem braunen Zucker wälzen. In Klarsichtfolie wickeln und mindestens für mehrere Stunden kalt stellen. Am besten ist es, wenn der Teig über Nacht im Kühlschrank ruht.

Am nächsten Tag die Rollen aus dem Kühlschrank nehmen und nach etwa 20 Minuten in 5 mm dicke Scheiben schneiden. Den Ofen auf 160 Grad vorheizen, Backblech mit Backpapier auslegen. Die Teigscheiben auf die Bleche legen und etwa 15 Minuten hell backen.

Viel Erfolg beim Backen und einen schönen 2. Advent wünscht Ihnen Heidi Driesner. Und planen Sie mal Lüneburg ein, es lohnt sich.

Quelle: ntv.de