Essen und Trinken

Windbeutel oder Sturmsack? Probieren geht über Studieren

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Ein wenig handwerkliches Geschick beim Essen ist angebracht.

(Foto: imago stock&people)

Windbeutel ("Aber bitte mit Sahne!") sind das bevorzugte Objekt der Begierde kuchengabelschwingender älterer Damen. Sie eignen sich aber auch als Wurfgeschosse und nehmen im Bundestag zuweilen politische Größe an. Überhaupt: Die Größe macht den Unterschied.

Es gibt etliche "schwierige Gerichte", um die macht man lieber einen Bogen, weil man nicht weiß, wie sie ohne größere Zwischenfälle in den Mund zu befördern sind. Es gibt aber auch Ratgeber, die dieser Unsicherheit ein Ende setzen und erklären, wie Nicht-Italiener Spaghetti Bolognese ohne artistische Meisterleistung sauber (!) vom Teller nach weiter oben bekommen und dass dabei eine Serviette die wichtigste Ausrüstung ist. Experten erläutern den Gebrauch der Tischwerkzeuge von Austerngabel bis Zahnstocher, wissen, wann die Hand ohne Hilfsmittel zugreifen darf und wie und wohin Überflüssiges wie Fischgräten und Olivenkerne zu entfernen ist.

Wie aber esse ich einen Windbeutel? Auch bewaffnet mit Kuchengabel und -löffel gelingt das nicht immer ohne Malheur. Wer das üben will, fährt am besten weit in den Norden, denn dort wird man so richtig vom Wind gebeutelt.

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Der Lehrer Lempel und der Herr von Oberg (rechts im Bild) vor einer unlösbaren Aufgabe.

(Foto: Brigitte Bema)

Der wahrscheinlich größte Windbeutel des Universums ist eher ein Sturmsack und auf der Nordfriesischen Halbinsel Eiderstedt zu Hause. In der Alten Schule Warmhörn türmt sich ein gewaltiges Schloss aus Luft und Sahne auf dem Teller, der ebenso viel Mühe hat wie das Auge des Gastes, die kunstvoll aufgetürmte Leckerei zu erfassen. Die Frage nach der Kalorienzahl dieses Traums aus Luft, Sahne, Vanille-Eis und Eierlikör stellt man nicht. Und wer sie stellt, bekommt von der Herrin des betagten Schulhauses, Tamara Binder, einer studierten Naturwissenschaftlerin, die vielsagende Antwort, man habe in der Küche ein besonderes Utensil für die Kalorien: Die seien natürlich ausgesiebt worden.

Da wird selbst Coca-Cola neidisch

Angesichts des luftigen Alleinstellungsmerkmals dieses windigen Prachtbaus in XXL, dessen Freunde und Freundinnen aus aller Herren Bundesländer und dem benachbarten europäischen Ausland zu jenem denkmalgeschützten Backsteinhaus aus dem Jahre 1874 am Warmhörner Deich pilgern, ist es durchaus verständlich, dass sie eher erfahren, wie die Luft in den Brandteig kommt als das gut gehütete Geheimnis eines Windbeutel in XXL. Es wird gehütet wie Pembertons Zauberformel für den legendären Kultsirup in Atlanta. Nun, nichts sei so amerikanisch wie Mama, der liebe Gott und Coca-Cola, behaupten die Nachfahren des Südstaaten-Apothekers. Eine Dose Coke soll sogar von Neil Armstrong auf den Mond geschmuggelt worden sein. Wird jedenfalls gerne behauptet, vermutlich von einer emsigen PR-Abteilung.

Kein PR-Gag, sondern handfeste Tatsache ist das Eiderstedter Luftschloss. Zwar hat es der "Windbeutel XXL to go" bislang noch nicht bis zum Mond geschafft, aber gemessen am historischen Alter schlägt das Gebäck die Coca-Cola-Rezeptur von 1886 um Längen! Der Brandteig, aus dem der gefüllte Turmbau besteht, ist bei den Franzosen als Pâte à choux bekannt und lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zu Katharina von Medici zurückführen. Der Mr. Pemberton der französischen Königin hieß Popelini und kam wie sie aus Italien. Der Pâtissier legte um 1540 den Grundstein für den Brandteig und den guten Ruf französischer Backwaren, die zunächst das Aussehen eines Kohlkopfes (choux), aber mitunter auch die Form einer weiblichen Brust hatten. Die Konstrukteure der hohlen Leckereien liebten es, mit Formen, Farben und Ingredienzien zu spielen.

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Ganz schön aufgeblasen, der Gute!

(Foto: imago stock&people)

Sogar Nostradamus, der Astrologe der Medici, soll seine Hände bei der Entstehung des Brandteigs mit im Spiel gehabt haben, so will es jedenfalls die Windbeutelgeschichte wissen. Ganz sicher hat er das "Ofenküchlein" nicht selbst gerührt, aber vielleicht eine seiner berühmt-berüchtigten Prophezeiungen dafür erstellt, von denen sich die meisten allerdings als falsch erwiesen. Bis heute jedoch haftet dem Windbeutel etwas Suspektes an. Schließlich ist er nicht nur ein ziemlich hohles Gebäckstück, sondern umgangssprachlich eine gern gebrauchte Bezeichnung für Menschen, die ein großes Maul haben und trotz vieler Reden nur Wind produzieren. "Windbeutel", schleuderte 2005 der damalige SPD-Chef Franz Müntefering dem FDP-Kollegen Guido Westerwelle im Bundestag entgegen. Mitunter wird das Gebäck auch missbräuchlich als Wurfgeschoss verwendet, was angesichts des vielen Winds darin nicht zu Blessuren führt, doch dank der Sahne im Hohlkörper sichtbare Spuren hinterlässt. Diese Erfahrung musste auch Altkanzler Helmut Kohl machen, als es im Herbst 2000 während einer Signierstunde in Berlin zu einer Begegnung mit einem fliegenden Windbeutel kam.

Goldener Schmäh-Beutel für dreiste Werbelügen

Auch für falsche Versprechungen der Lebensmittelindustrie gibt’s Windbeutel zum Lohn: Für die dreistesten Werbelügen verleiht Foodwatch seit 2009 den "Goldenen Windbeutel", mit von der Partie sind seither Produkte von Actimel bis Zott Monte. Jüngster "Ehrenträger" (2013) ist Capri-Sonne.

Genug der Windbeuteleien und zurück nach Eiderstedt. Am Ende steht in der Alten Schule Warmhörn die Windbeutelprobe. "Ha, Windbeutel!", heißt es bei Wilhelm Busch, dessen papierene Kunstfigur Lehrer Lempel die Gäste mit erhobenem Zeigefinger willkommen heißt: "Seid ihr denn alle so?" Eine Antwort bleibe ich Ihnen schuldig und berufe mich auf die Abwandlung eines bekannten englischen Lehrsatzes: "The proof of the XXL Windbeutel is in the eating!" Wer das fußballgroße Schloss aus Luft und Sahne bewältigt, kommt ins virtuelle Rekordbuch, sagt Tamara: "Versprochen."

Für die Herstellung eines Brandteigs (auch im Normalformat) braucht man zwar etwas Übung, sie ist aber eigentlich nicht kompliziert – vorausgesetzt, man hat genügend Muckis! Oder man lässt rühren; denn die Rührerei der zähen Brandteigmasse ist eine kräftezehrende Angelegenheit. Es gibt im Handel auch einen sogenannten "Brandteig Garant", der verspricht, dass die Masse auch ohne das rührintensive "Abbrennen" super gelingt. Ich glaubte der Versprechung, war aber vom Ergebnis enttäuscht. Zwar waren mit tatsächlich geringem Aufwand Windbeutel entstanden, aber der Wind in ihnen ähnelte mehr einer Flaute: Das Gebäck blieb relativ klein und natürlich ebenso die berühmten Hohlräume. Und auf den Wind im Beutel kommt’s schließlich an:

Windbeutel

Zutaten (ca. 15 kleine Windbeutel)

200 g Mehl
100 g Butter
4-5 Eier
3/8 l Wasser
1 Prise Salz

Zubereitung:

Wasser (die Hälfte kann durch Milch ersetzt werden), Salz und Butter in einem Topf aufkochen, das gesiebte Mehl auf einmal zuschütten. Temperatur reduzieren. Die Masse auf kleiner Flamme mit einem Kochlöffel so lange rühren, bis sie sich vom Topfboden löst und einen Kloß bildet. Nicht aufgeben, das dauert seine Zeit! Diesen Kloß im Topf von allen Seiten 1 bis 2 Minuten "abbrennen", bis sich auf dem Topfboden eine weiße Schicht bildet.

Den Teigkloß in eine Schüssel geben und leicht abkühlen lassen. Dann sofort 1 Ei recht flott einarbeiten. Erst wenn das Ei vom Teig vollständig aufgenommen worden ist, nacheinander die übrigen Eier mit den Knethaken unterrühren und alles zu einem glatten und geschmeidigen Teig verkneten.

Den Ofen auf  200 Grad vorheizen und dabei wie beim Brotbacken ein Töpfchen mit Wasser auf den Herdboden stellen. Die Brandmasse in einen Spritzbeutel mit großer Tülle füllen und auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech Häufchen spritzen. Sie sollten etwa 4 cm Durchmesser und nicht zu knappen Abstand voneinander haben. Bei Mittelhitze etwa 20 Minuten goldgelb backen. Während des Backvorgangs keinesfalls die Ofentür öffnen! Brandteig ist sehr empfindlich und verträgt weder Zugluft noch Erschütterungen.

Die fertigen Windbeutel auf dem Blech erkalten lassen und mit einem scharfen Messer oder einer Küchenschere ein Deckelchen abschneiden. Die Hohlräume der unteren Teile lassen sich nun nach Belieben mit geschlagener Sahne und Früchten füllen. Die Deckelchen wieder aufsetzen und die gefüllten Windbeutel mit Puderzucker bestäuben.

Mächtig viel Wind im Beutel wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de