Essen und Trinken

Scharfes für Ross und Reiter Verführung kann so einfach sein

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(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Sie kam aus dem Meer, nackt und wunderschön, und als sie an Land ging, erblühten unter ihren Füßen Blumen und Kräuter. Ihre erotische Ausstrahlung machte sogar wilde Tiere zahm. Das ist zwar schon eine Weile her, ihr Zauber hält aber bis heute an. Denn für Liebe und Leidenschaft ist sie immer zu haben.

Um betörend zu wirken, ziehen Frauen alle Register: Da wird jede Menge Geld für verführerische Dessous, für Friseur und Kosmetik verballert, kostbare Bade- und Hautöle kommen zum Einsatz, Parfümerien werden geplündert, kurze Röckchen bringen lange Beine zur Geltung …

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Hier zieht Kylie Minogue in Barcelona als Aphrodite alle Register.

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Dabei kann Verführung so einfach - und so billig sein - zum Beispiel mit einer "Rosswurzel". Kennen Sie nicht? Und ob - es handelt sich doch um Meerrettich! Den gibt's frisch als Wurzel im Gemüseregal oder schon gerieben im Glas. Und kein bisschen teuer. Die Bezeichnung Rosswurzel geht auf eine Sage aus dem österreichischen Saßtal in der Steiermark zurück.

Sarossa, Hengst und Wurzel

Im 12. Jahrhundert mussten dort auf Befehl des Herzogs wegen einer grassierenden Pferdeseuche alle Rösser getötet werden. Auch der Bauer Sarossa gehorchte dem Dienstherrn, nur seinen schönsten Hengst ließ er am Leben und versteckte ihn im Wald. Als die Pferdeseuche vorbei war, erkrankte aber der Bauer. Eines Tages saß er schwer hustend und gebrechlich auf dem Bänkchen am Haus in der Sonne, als sein schöner Hengst frisch und munter wie eh und je aus dem Wald trabte, den Bauern anstupste und ihn mit fortwährendem Wiehern in den Wald lockte. Dort blieb das Pferd bei einem Fleck mit großblättrigen Pflanzen stehen und zog Wurzel um Wurzel aus dem Boden. Da es eine Wurzelstange fraß, sammelte die Frau des Bauern alle Wurzeln ein.

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Und so gab die Bauersfrau die Wurzeln, die das Pferd geheilt hatten, ihrem Manne zu essen. Mit überwältigendem Erfolg ...

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Zu Hause schnitt sie sie in Stückchen und staunte über die starken Kräfte, die aus der Wurzel strömten, denn sie musste fortwährend niesen und weinen. Der Bauer war kaum in der Lage, die Wurzelstückchen pur zu kauen; er musste mit Brot und Äpfeln den scharfen, brennenden Geschmack im Mund abmildern. Aber siehe da: Schon nach einer Woche verspürte Sarossa in seinem Körper wieder die volle Kraft, die er durch die Rosswurzel zurückerhalten hatte. Und so überlebten dank Meerrettich Ross und Reiter.

Meerrettich, Kren, Merch oder Beißwurzel, wie die zur Familie der Kreuzblütler gehörende Pflanze auch genannt wird, galt bei unseren Vorfahren als allgemeines Stärkungsmittel - und natürlich nicht nur in Österreich. In Südamerika wurde Meerrettich auf die Stirn gerieben, um Kopfschmerzen zu lindern. Hildegard von Bingen setzte die Wurzel bei Atemnot und Husten ein. Und aus der griechischen Mythologie ist bekannt, dass das Orakel von Delphi dem Gott Apollon sagte, Meerrettich sei sein Gewicht in Gold wert. Getreu dem Spruch "Was scharf ist, macht auch scharf" soll die "erhitzende" Wirkung der scharfen Wurzel bei sexueller Erschöpfung die Liebe neu entflammen.

Liebe, Schönheit und Begierde

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Geburtsort der Aphrodite: Aus diesem klaren Wasser an der Küste Zyperns zwischen Paphos und Lemesos soll die Göttin dem Meer entstiegen sein.

(Foto: strowa/pixelio.de)

Um in Stimmung zu kommen, haben schon Heerscharen von weisen - und auch weniger weisen - Männern und Frauen Pülverchen und Säfte gemixt, die Mixturen geschlürft, dem Badewasser zugesetzt oder sie auf die entsprechenden Körperstellen aufgetragen - und begierig auf die Wirkung gelauert. Auch diverse Kräuter und Gewürze gehören zu derlei Liebesgaben, seit der Antike in Anlehnung an die erotische Ausstrahlung und die Liebeskünste der Aphrodite Aphrodisiaka genannt.

Meerrettich gilt wegen seiner anregenden Wirkung ebenfalls als Aphrodisiakum. Auch wer‘s "nicht nötig" hat, sollte durchaus zu der scharfen Wurzel greifen, denn man kann auch heute kaum etwas Besseres zur Aktivierung der Lebenskräfte tun. Meerrettich enthält unter anderem doppelt so viel Vitamin wie Zitronen, die Vitamine B1, B2 und B6 sowie wertvolle Mineralien wie Natrium, Kalium, Magnesium, Calcium, Phosphor und Eisen. Antibiotische Substanzen und ätherische Öle wirken antibakteriell, reinigend und durchblutungsfördernd. Immunsystem, Herz und Kreislauf, Blase, Nieren und Verdauung werden Ihnen den öfteren Einsatz von Meerrettich danken. Probieren Sie doch die gesunde Schärfe mit einem einfachen, aber schmackhaften Rezept aus: "Rinderbrust in Meerrettichsoße":

Zutaten (4 Personen):

ca. 800 g Rinderbrust ohne Knochen
1 Bund Suppengrün
1 Zwiebel
2 Lorbeerblätter
4 Pimentkörner
5 Wacholderbeeren

Für die Soße:

1 kleine Stange Meerrettich
40 g Mehl
40 g Butter
40 g Weißbrotkrumen (Weißbrot vom Vortag)
1/8 l Sahne
1 EL Schnittlauchröllchen
Salz, weißer Pfeffer, evtl. Zucker und Zitronensaft

Zubereitung:

1 l Wasser zum Kochen bringen, das Fleisch einlegen und die geschälte Zwiebel sowie Salz und die Gewürze zugeben. Aufkochen lassen und abschäumen. Weiter auf kleiner Flamme etwa 2 Stunden sieden lassen (Deckel angekippt). Etwa eine Viertelstunde vor Ende der Garzeit das geputzte Suppengrün (1 Möhre, 1 Petersilienwurzel, 1/4 Sellerie) zugeben und mitköcheln lassen. Fleisch und Gemüse in der Brühe erkalten lassen (lässt sich gut am Vortag herstellen).

Die Stange Meerrettich reiben; man benötigt 100 bis 150 g geriebenen Meerrettich. Fleisch und Brühe wieder erhitzen. Das Fleisch herausnehmen. Die Brühe durch ein Sieb gießen; Sie benötigen ca. 3/4 l Brühe. Möhre, Petersilienwurzel und Sellerie aus dem Sieb nehmen und mit dem Fleisch zugedeckt warmhalten. 

Für die Meerrettichsoße aus Mehl und Butter eine Schwitze herstellen, mit der Brühe auffüllen, mit einem Schneebesen glattrühren und ein Weilchen unter ständigem Rühren köcheln lassen. Sahne und Weißbrotkrumen zugeben, nochmals aufkochen lassen. Vom Herd nehmen und erst jetzt den Meerrettich unterrühren. Mit Salz, frisch gemahlenem Pfeffer und eventuell noch mit einer Prise Zucker und etwas Zitronensaft abschmecken.

Das Fleisch und das Suppengemüse in Scheiben schneiden, auf einer angewärmten Platte anrichten und mit den Schnittlauchröllchen bestreuen. Die Meerrettichsoße getrennt dazu reichen. Am besten schmecken dazu mehlige Salzkartoffeln und ein grüner Salat. In Brandenburg und Berlin werden auch Bouillonkartoffeln, Rote Bete, saure Gurken oder Senfgurken dazu gereicht.

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Zwar keine Göttin, doch auch etwas geheimnisvoll: die fränkische Meerrettich-Fee Monika.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Tipp: Beim Kauf der Rinderbrust auf Qualität achten. Aus dem Fleisch eines alten Zugochsens bekommen Sie nach langem Kochen vermutlich eine gute Brühe, aber das Fleisch ist kaum noch schmackhaft.

Wollen Sie die etwas schmerzhafte Prozedur des Meerrettichreibens vermeiden, verwenden Sie geriebenen Meerrettich aus dem Glas (ohne verfeinernde Zusätze). Allerdings bekommen Sie so die peppige Schärfe frisch geriebenen Meerrettichs nicht hin.

Viel Erfolg wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de