Essen und Trinken

Im Land des Schlangenkönigs Zeit für den Ölwechsel

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Von den Giebeln der Spreewaldhäuser schaut der Schlangenkönig ins Land.

(Foto: ©Driesner)

Sind Sie schon mal aus der Haut gefahren? Schlangen brauchen das, der Mensch nur bei verdammt viel Ärger. Statt neuer Haut reicht beim Menschen schon ein Ölwechsel, um ihn gesünder, klüger, ausgeglichener - letztendlich glücklicher zu machen.

Schlangen sind wohl nicht jedermanns Sache, doch die Menschen im Spreewald verehren sie regelrecht, denn sie haben ihnen einiges zu verdanken. Wo Schlangen liegen, gibt’s ein trockenes Plätzchen, sagt der Spreewälder - und baut dort sein Häuschen. Nicht unwichtig in einer Gegend, wo zwischen den unzähligen Armen und Kanälen der Spree die Böden zumeist feucht sind, mitunter wie ein Schwamm.

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Nicht überall ist der Spreewald voller Touristen.

(Foto: ©Driesner)

Auch als "Haustiere” waren die Schlangen dort recht willkommen, denn sie sorgten dafür, dass die Mäuse nicht den gesamten Wintervorrat an Korn auffraßen. Noch heute sieht man bei den ganz alten Häusern, reetgedeckt und windschief,  dass die untere Schicht aus Feldsteinen nicht auf dem Erdboden steht. Durch diesen Zwischenraum konnte jedes Jahr im Frühling das Hochwasser der Spree hindurchfließen. Hatten es sich in diesen Hohlräumen unter den Fußböden Schlangen bequem gemacht (außerhalb der Hochwasserzeiten, versteht sich), war das für die Siedler ein gutes Zeichen: Der Boden war trocken und die Mäuse wurden auch in Schach gehalten. Heutzutage bieten übrigens Umfluter einen besseren Hochwasserschutz.

Die Spreewälder danken ihren guten Hausgeistern auf ihre Weise: An den Giebeln der traditionellen Blockhäuser sieht man meist ein Paar gekreuzter Schlangenköpfe mit Krönchen. Auf dem Wasserweg - entweder Sie paddeln selbst oder lassen staken - kann man etliche der Reet-Häuser mit diesem Giebelschmuck bewundern.

Das Wunder des Spreewalds ist gelb

Ein anderes "Wunder” des Spreewalds ist das Leinöl. Ich bin mit Leinöl groß geworden und gestehe: Als Kind war das nicht unbedingt mein Lieblingsessen. In den Quark allerdings gehörte auch für mich schon immer Leinöl hinein, ohne ging ja nun gar nicht. Aber der "Leinöl-Stippe” meiner Oma konnte ich nichts abgewinnen. Und wenn Oma Kartoffelpuffer mit Leinöl briet, war die Küche blau vor Rauch! Aber: Die Puffer hatten einen wunderbar knusprigen Rand, das bekam man mit keinem anderen Öl hin. In Kauf muss man beim Erhitzen nehmen, dass viele Inhaltsstoffe dann verloren gehen.

Leinöl spaltet die Nation - entweder man liebt es oder man lehnt es ab. Ein Dazwischen gibt es nicht. Der leicht bittere Geschmack des industriell hergestellten Leinöls ist nicht jedermanns Sache, und es ist auch tatsächlich nicht einfach, wirklich frisches Leinöl zu bekommen.

"Glück zu" in Straupitz

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Die Straupitzer Holländermühle ist schon von Weitem zu sehen.

(Foto: ©Driesner)

Wollen Sie wissen, wie das überaus gesunde Leinöl wirklich schmeckt, müssen Sie in den Spreewaldort Straupitz fahren. Straupitz, am Nordrand des Oberspreewaldes gelegen, wird zwar zumeist wegen seiner großen zweitürigen Schinkel-Kirche besucht, doch sollten Sie die Holländermühle auf keinen Fall links liegen lassen, schließlich reicht die Mühlengeschichte des Ortes bis in das 17. Jahrhundert zurück. Die ehrwürdige Anlage ist einmalig in Europa: Die weithin sichtbare Holländermühle treibt nämlich gleich drei verschiedene Mühlen an - eine Korn-, eine Säge- und eine Ölmühle, die seit der umfassenden Sanierung Mitte der 90er Jahre wieder voll funktionstüchtig sind.

"Glück zu”, sagt Müller Nowak zur Begrüßung der Gäste. Beim Rundgang bekommt man einen Einblick in die schwere Arbeit der Müller, wobei natürlich die Ölmühle das Spannendste ist. Ein angenehm nussiger Geruch liegt in der Luft, wenn der Müller das Öl auf die alte - und aufwendige - Weise herstellt: Zuerst werden die Leinsamen gemahlen, dann geröstet und zuletzt unter hohem mechanischem Druck gepresst. Das Rösten gibt dem Öl später seinen unverwechselbaren Geschmack. Von dem aus der Presse laufenden Öl wird natürlich gleich gekostet! 10 Kilo Leinsamen werden benötigt, um 2,5 Liter Öl zu erhalten.

Auf diese schonende Weise wird Leinöl fast ausschließlich nur noch in der Straupitzer Holländermühle hergestellt, und das so gewonnene Öl ist goldgelb bis grünlichgelb und hat diesen charakteristischen nussigen Geschmack und Geruch. Das industriell hergestellte Öl dagegen ist zumeist dunkler, leicht bitter und weit entfernt von dem Straupitzer Geshmackserlebnis.

Schmiere für die Ewigkeit

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Das Rösten der Samen verleiht dem Öl den nussigen Geschmack.

(Foto: ©Driesner)

Die Pressrückstände, der Ölkuchen, wird zum Teil zu Mehl gemahlen. Immerhin enthalten diese harten Tafeln noch etwa 25 Prozent Eiweiß, 8 Prozent Leinöl, Vitamin E und viele Ballaststoffe. Das "Mühlenbrot”, das man dort kaufen kann, enthält zu einem Drittel dieses Leinkuchenmehl, schmeckt wunderbar und bleibt lange frisch.

In größeren und kleineren Flaschen verkaufen die Müller ihr kostbares Leinöl und erzählen, dass sie selbst jeden Morgen und jeden Abend je einen Esslöffel Leinöl schlucken, denn so soll man 100 Jahre alt werden können: "Leinöl - das ist Schmiere für die Ewigkeit.” Denn Leinöl ist das Lebensmittel mit dem höchsten Anteil an Omega-3-Fettsäuren, es enthält deutlich mehr davon als Fisch.

Leinöl macht glücklich

Die bis zu 70 Prozent im Leinöl enthaltene Linolsäure beeinflusst die Blutfette positiv, ist gut für Herz, Magen und Darm. Auch äußerlich kommt Leinöl zur Anwendung, es wird eingesetzt bei Schuppenflechte und Neurodermitis. Übrigens hilft Leinöl sehr gut gegen rissige Fingerspitzen.

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Öl fließt ...

(Foto: ©Driesner)

Nicht nur für Blut und Haut sind die Omega-3-Fettsäuren von großer Bedeutung, wissenschaftliche Studien belegen auch, dass eine zu geringe Zufuhr davon das Denkvermögen spürbar beeinträchtigen. Selbst ein Mangel an Gefühlen und Emotionen lässt sich auf den Mangel an Omega-3-Fettsäuren zurückführen!

Das frische Leinöl ist leider recht schnell verderblich. Doch die Straupitzer Müller haben mir einen Tipp mit auf den Weg gegeben: Leinöl lässt sich problemlos einfrieren, Qualität und Geschmack bleiben erhalten. Dazu die Portionen in kleine Gläser oder Flaschen füllen und ein frieren. Die Behälter platzen nicht, denn Öl dehnt sich bei Frost nicht aus. Zum Verzehr am besten über Nacht bei Zimmertemperatur auftauen lassen.

Alt gewordenes Leinöl muss man nicht entsorgen, Firnis ist nämlich auch (fast) nichts anderes. Sie können es getrost als Holzschutzmittel verwenden, in Verbindung mit Luft und Wasser wird Leinöl zu einer Art Harz. Den Zaun können Sie getrost mit Ihrem Alt-Öl streichen, bei der Holzbank im Garten sollten Sie lieber darauf verzichten, Sie werden sonst lange einen fettigen Hosenboden haben ...

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Nicht billig so ein Neubau im Biosphärenreservat Spreewald ...

(Foto: ©Driesner)

Die Kostprobe des vor meinen Augen gepressten Leinöls in der Straupitzer Mühle hat mich überzeugt. Nach dem Spreewald-Ausflug wieder in Berlin angekommen, packte ich mein Mühlenbrot und das Straupitzer Leinöl aus, erinnerte mich an die "Leinölstippe” meiner Oma - und "stippte” drauflos:

Zutaten:

Frisches Graubrot oder frisches Weißbrot, auch Brötchen
Leinöl
Zucker oder Salz

Zubereitung:

Brot würfeln, eventuell entrinden. Brötchen werden halbiert. Auf einen Teller oder in ein flaches Schälchen das Leinöl geben, auf einen zweiten Teller etwas Zucker. Mit einer Gabel die Brotstücken anpieken, in das Öl tunken und kurz in den Zucker "stippen” - für die Spreewälder eine Köstlichkeit.

Wer die Stippe nicht süß mag, macht es so wie ich: Ich brauche keinen zweiten Teller, sondern würze das Leinöl mit ein wenig Meersalz aus der Mühle und stippe nach Herzenslust meine Brotbröckchen hinein.

Guten Appetit wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de