Kino

Die Chili Peppers im Interview Ich bin "You"

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Na hossa - was so ein paar Situps am Morgen doch ausmachen!

(Foto: dpa)

"Hi, I'm Anthony." Ach nee. Und dann, etwas leiser: "Hi, I'm Josh." Ach ja, der Neue. So Jungs, jetzt stark sein, denn jetzt kommt ein Mädchenbericht über die Red Hot Chili Peppers, und der kommt total ohne diese frustrierte "Frusciante war aber besser"-Untertöne weg und ist dafür voller ... ja, sagen wir es ruhig gemeinsam: Sex.

Die einen sagen so, die anderen sagen so: Geplant war, das neue Album der Red Hot Chili Peppers live in Köln zu präsentieren und via Kinos all over the world in ebendiese zu übertragen, erwartet wurde aber ein Konzert mit allen Hits - das stößt natürlich auf unterschiedliche Interessen. "I'm With You"-Wohlgesonnenen hat der Abend sowieso gefallen. Diejenigen, die das Album eh schon per Plattenkritik verrissen hatten, hat es, wenn auch nicht vom Hocker gerissen, so doch milder gestimmt. Doch um der journalistischen Sorgfaltspflicht Genüge zu tun, haben wir uns von n-tv.de in einem persönlichen Gespräch danach erkundigt, wie die Band das selbst so sieht.

n-tv.de: Wie war denn die Show im E-Werk für euch?

Anthony Kiedis: Ganz anders als ein normales Konzert. Man musste viel mehr bedenken, es war eine viel größere Herausforderung. Wir haben das neue Album schließlich noch nie von Anfang bis Ende live gespielt. Ich musste da ganz anders rangehen, vielmehr mit dem Kopf. Und eigentlich mag ich es lieber, die Musik aus dem Bauch* kommen zu lassen. Aber alles in allem hat es großen Spaß gemacht!

(*zum Bauch kommen wir später nochmal)

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Definiert und tätowiert - es gibt wirklich Schlimmeres.

(Foto: dpa)

Ward ihr nervös?

Anthony: Ja, irgendwie schon. Aber das ist okay. Ein bisschen nervös zu sein bei einem Auftritt ist gut.

Vor dem offiziellen Start des Gesprächs hat Kiedis erzählt, dass ihn so eine Show ganz schön schlaucht: Sein Adrenalin-Spiegel ist so hoch, dass er quasi die ganze Nacht nicht schlafen kann. Was er dann früher gemacht hat, weiß jeder. Jetzt - besser, drogenfrei, gesund und als Vater - bleibt ihm nicht viel anderes übrig als entweder Sport zu machen ("Aber nicht mitten in der Nacht!") oder Schäfchen zu zählen und ein Glas heiße Milch zu trinken. Während er das erzählt, lächelt er vielsagend.

Und du Josh, der "Neue", wie war's für dich?

Josh Klinghoffer: Wie ich mich gefühlt habe? (lacht) Einfach großartig! Es hat Spaß gemacht. Ich fühl' mich wohl in der Gruppe. Bis zu dem Augenblick, an dem mir klargeworden ist, dass wir jetzt gerade in sehr vielen Ländern der Erde - und zwar in 600 Kinos - zu sehen sind und ich absolut keine Ahnung habe, wie viele Menschen uns gerade zuschauen! (lacht)

Das muss der Moment gewesen sein, wo dem aufmerksamen Beobachter klar wurde, dass Klinghoffers Talent wahrlich mehr auf den Gitarrensaiten zu finden ist als in seiner Stimme - aber diese kleine Unsicherheit während des Eröffnungssongs ("Monarchy Of Roses") sei ihm, dem jüngsten Bandmitglied (als die RHCP sich zusammenfanden, war er vier Jahre jung) verziehen.

Josh: Nach der Show war ich ein bisschen verunsichert, dann bin ich aber in einen der Übertragungswagen gegangen und hab's mir angeguckt - und ich muss sagen: Es hat mir gefallen (lacht).

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Der Jüngste im Bunde behielt die Klamotten an.

(Foto: dpa)

Anthony: Du warst super!

Josh: Danke. Ja. Ich hab' schon gemerkt, dass ich am Anfang ein bisschen daneben war, aber ich glaube, es war trotzdem okay. Ich habe einen Song gebraucht, um in die ganze Sache hineinzuwachsen, hoffe ich.

Anthony Kiedis beobachtet seinen jungen Kollegen wohlwollend, ohne ihn zu unterbrechen. Die passen zusammen, das merkt man. Gute 15 Jahre Altersunterschied stehen zwischen den beiden - doch das ist kein Problem: Kiedis wirkt jünger, die Haare glänzen, der Schnäuzer verdeckt eventuelle Nasolabial-Falten, der kecke "Emo"-Pony wird ab und an aus dem Gesicht gepustet ... und Klinghoffer mit seinen 31 Jahren wirkt so reif, so erfahren, dass das Alter in dieser Band, die sich quasi neu erfunden hat, wirklich keine Rolle zu spielen scheint.

Kriegt ihr auf der Bühne eigentlich mit, wie die Songs im Publikum ankommen?

Anthony: Oh ja, ich kann mich über das Publikum überhaupt nicht beschweren, die waren alle gut drauf. Es ist ja so: Die Leute hatten noch nicht viel Zeit, das Album besser kennenzulernen, ich meine, es ist erst vor ein paar Tagen rausgekommen, da kann man noch nicht so mitgehen wie bei den alten Songs. Und dafür, finde ich, wirkte es so, als wäre ihnen unsere Musik schon sehr vertraut.

Oh ja, wenn man in den letzten Tagen keine andere Musik gehört hat, so wie ich, dann kann man natürlich fast alles mitsingen.

Anthony: (lacht) Das ist brav, wirklich.

Josh: Wussten denn nicht alle, dass wir wegen unseres neuen Albums auftreten?

Anthony: Doch, das war klar. Das heißt ja aber nicht, dass alle so gut vorbereitet zu einem Konzert kommen, oder?

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Und Chad Smith behielt den Überblick, ließ aber Muskeln und Sticks spielen.

(Foto: dpa)

Warum hat das Ganze eigentlich in Köln stattgefunden?

Anthony: Warum nicht?

Touché!

Anthony: Ja, die Möglichkeiten hier waren einfach ideal. Es gab zum Beispiel technische Voraussetzungen, die Köln zum besten Standort gemacht haben für diesen Gig.

Und sonst - habt ihr eine spezielle Verbindung zu der Stadt?

Anthony: Nein, leider nicht, wir mögen das hier, aber wenn wir einen Ort, zu dem wir eine spezielle Verbindung haben, genommen hätten, dann hätten wir es zu Hause gemacht. (lacht)

Habt ihr sehr unter Druck gestanden, nach fünf Jahren ein neues Album produzieren zu müssen?

Anthony: Das waren ja nicht wirklich fünf Jahre, wir haben ja schon sehr viel früher angefangen, uns Gedanken über unsere Zukunft zu machen. Eigentlich haben wir nur zwei Jahre gehabt, in denen wir ohne die Red Hot Chili Peppers gelebt haben. Wir haben ganz in Ruhe angefangen, wieder Musik zu machen, uns um die Texte gekümmert, sie dann aufgenommen, und das dauert eine Weile, ehe alles so weit ist. Von außen sieht das immer so aus, als wäre man plötzlich wieder da, dabei haben wir ja schon lange daran gearbeitet.

Unter Druck fühlt man sich eher bei so einem Konzert wie jetzt im E-Werk, weil so viel davon abhängt. Aber auch da fällt der Druck irgendwann von einem ab und man will einfach nur noch die Songs spielen, die man schon eine Weile mit sich herumträgt und man will wissen, wie die Fans das finden und wie sie reagieren. Es ist also immer eine Menge mehr Spaß dabei als Druck.

Josh: Ich freu' mich schon auf die Tour! Wo kommst du nochmal her?

Aus Berlin.

Josh: Cool, ich bin sehr gespannt auf Berlin, das wird mein erstes Mal dort sein. Ich hab so viel von der Stadt gehört, die Geschichte ist so außergewöhnlich, ich kann es kaum erwarten.

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(Foto: dapd)

Anthony: Kommen die "Chicks On Speed" nicht aus Berlin?

Nee, nicht das ich wüsste.

Die 1997 von Kunststudentinnen gegründete Formation kommt aus München. Aber wo wir nun schon bei Frauenthemen sind: Ich bestelle Grüße von Mel C, die ich vorher interviewt habe, Anthony freut sich, von ihr zu hören, und da wir nun noch vertrauter sind, traue ich mich an die nächste Frage.

Wie kriegst du es hin, mit 48 Jahren einen derartig unverschämt guten Oberkörper zu haben?

Anthony: Wie kriege ich es hin, einen derartig unverschämt guten Oberkörper zu haben. (lacht) Tja, danke erstmal, keine Ahnung.

Flea natürlich auch, der hat sich ja ebenfalls gleich sein Hemd vom Körper gerissen.  

Anthony: Ja, Flea und ich sind auf irgendeine kosmische Art miteinander verbunden. Wir machen oft dasselbe zur gleichen Zeit. Manchmal kommen wir in genau denselben Klamotten zur Probe, wenn er sich schlecht fühlt, dann fühl' ich mich auch schlecht, wenn er operiert werden muss, dann muss ich das auch, und wenn Flea in Minnesota weint, dann heule ich in Tallahasse.

Seid ihr also eigentlich Zwillinge?

Anthony: Ja, wahrscheinlich, irgendwo da draußen sind wir Zwillinge, und einfach in den letzten Jahren so zusammengewachsen.

Welchen Tipp hast du denn für Männer deines Alters, um so fit zu sein, wie du jetzt bist? Die meisten schieben ja doch einen Bierbauch vor sich her.

Anthony: Ach, wenn ich einen echt guten Tipp hätte, dann wäre der für alle, nicht nur für Männer Ende Vierzig, auch für Frauen und Kinder oder alte Menschen jeder Rasse, das ist egal. Ich würde sagen, das Wichtigste ist die Freude am Leben, ja, das wäre mein Tipp. Sich jeden Tag daran zu erfreuen, am Leben zu sein.

Josh, kannst du dich daran erinnern, wann du zum ersten Mal von den Red Hot Chili Peppers gehört hast?

Josh: Ähhm, ....

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(Foto: dpa)

Da musst du ja noch ein ziemlich kleiner Junge gewesen sein ...

Josh: Ja, ich hab sie im Radio gehört. "Behind The Sun" war das, da war ich sieben oder acht. Und ein bisschen später schickte mir ein Freund aus Kanada eine Kassette mit dem Hinweis: Die musst du dir unbedingt mal anhören!

Anthony, dein Sohn ist jetzt fast vier, welche Musik hört der denn jetzt?

Anthony: Ja, Everly mag auch unsere Musik, aber noch lieber mag er Devo (Anm. d. Red.: eine New Wave Band, die 1972 gegründet wurde). Er hört richtig gerne "The Joker" von der Steve Miller Band, dann sagt er immer: "Papa, Papa, hör' mal, das ist meine Musik, das ist mein Jam!". Er ist oft bei unseren Shows dabei, natürlich trägt er dann Kopfhörer, aber er hat einen wirklich intensiven Bezug zur Musik. Einmal hat er "Californication" im Radio gehört und mir gesagt, dass ihm das sehr gefällt. Er wusste gar nicht, dass der Song von uns ist. Das macht mich dann schon ein bisschen glücklich.

Was lernst du denn von deinem Sohn?

Anthony: Puuh, gute Dinge wie Geduld. Und dass es Dinge in unserem Universum gibt, die perfekt sind, die einfach passieren, und zwar immer dann, wenn du es am wenigsten erwartest. Ich hab' gelernt, mich nicht mehr so wichtig zu nehmen und mich um jemand anderen zu kümmern.

Und du Josh, was hast du in der Zeit gelernt, in der du jetzt mit den RHCP zusammen arbeitest? War es hart, deinen eigenen Stil zu finden in dieser eingeschworenen Truppe, oder ist es vielleicht sogar ganz einfach für dich?

Josh: Ja, es war tatsächlich ganz einfach, weil sie mich mit offenen Armen empfangen haben. Und sie lassen mich spüren, dass ich einfach ich selbst sein soll. Sie wären gar nicht interessiert an einem, der sich verstellt. Und wir kennen uns jetzt auch schon so lange, ich bin schon seit 10 Jahren mit unterwegs.

Was ist das Beste, was euch in den letzten fünf Jahren passiert ist?

Anthony: Die letzten fünf Jahre waren voller Inspiration. Aber das Beste, was mir persönlich passiert ist, ist nunmal, dass ich Vater geworden bin. Das erzähl' ich zwar immer wieder, aber wenn es doch nunmal so ist! Mein Kind ist eine fortwährende Inspiration für mich, die mich noch in der Ewigkeit beschäftigen wird (lacht). Er fragt mich momentan oft: "Papa, du wirst nicht sterben, oder? Und ich auch nicht. Wir werden für immer zusammen sein, richtig?" Und dann sage ich: "Ja, das werden wir, ganz bestimmt!"

Ach ja, und Surfen, also Wellenreiten, das ist der schönste Sport, den man sich vorstellen kann. Ich wohne seit ein paar Jahren am Meer, und da hat es "klick" gemacht. Ein Freund hat es mir beigebracht. Inzwischen glaube ich, dass ich surfen werde, bis ich tot umfalle.

Keine Angst vor Haien?

Anthony: Nein! Die Haie haben doch Angst vor uns! Ich liebe Haie! Die schwimmen da rum, aber ich fürchte sie nicht. Sie sind wichtig für das Meer, sie halten alles in der Balance. Die Chance, von einem Hai angegriffen zu werden ist kleiner als die, von einem Verkehrsschild geschwängert zu werden.

Ach ja, was noch wichtig war, war natürlich, dass wir Josh für die Band gewinnen konnten. Mit ihm haben wir uns noch einmal richtig weiterentwickelt.

Also seid ihr jetzt quasi eine neue Band?

Anthony: Ja, wir haben uns sozusagen neu erfunden. Bei den Peppers war einfach noch nicht die Luft raus, als John (Frusciante) uns verlassen hat. Da war noch genug Power, und Josh passt einfach so perfekt zu uns, das habe ich gespürt. Als wir angefangen haben, an dem Album zu arbeiten, und dann, als Josh zu uns kam, war mein Leben wieder voller Energie, voller Kreativität.

Was bedeutet Luxus für euch?

Josh: Luxus bedeutet, jeden Tag das machen zu können, worauf du Lust hast. Das ist genau das, was ich momentan mache.

Anthony: Seine Zeit sinnvoll zu nutzen, das ist Luxus.

Josh: Wenn man etwas, Freundschaft oder Energie, von anderen Leuten zurückbekommt, das ist auch Luxus. Auch, wenn man sich keine Sorgen um sein Leben machen muss.

Anthony: Ja, die Dinge, die einem vermeintlich einfach vorkommen im Leben, sind ganz oft Luxus. Dinge wie genug zu essen zu haben, Freunde, in keinen Krieg verwickelt zu sein, das ist Luxus.

Guckt ihr euch Nachrichten an, wenn ihr unterwegs seid?

Anthony: Nein, das mache ich nicht.

Josh: Ich auch nicht.

Warum nicht?

Anthony: Ich weiß auch nicht, ich mache es einfach nicht. Es zieht mich nicht an.

Wer oder was ist eure Inspiration?

Anthony: Oh mein Gott!

Josh: Hopscotch. (lacht) Für mich ist die Band eine Inspiration. Wenn wir vier zusammen sind, dann inspiriert mich das jedes Mal.

Anthony: Ja, schöner als Josh hätte ich das nicht sagen können, geht mir genauso. Ich fühl' mich aber auch inspiriert durch alte Menschen. Wenn sie zusammen etwas machen, wie surfen oder im Garten arbeiten, und sie somit total in der Gegenwart sind, das inspiriert mich. Wenn sie Händchen halten, ich liebe das.

Hach, das ist doch wunderbar, die ehemals oft wahnsinnig wirkenden Endvierziger so milde und gütig, gestählt unter der Sonne Kaliforniens, gestärkt durch veganes Essen, inspiriert durch einen jungen neuen Kollegen und buddhistisch gegenüber Haien - Peace, men! Eine letzte Frage sei da erlaubt:

"I'm With You?" heißt das Album. Who is "You"?

Anthony: You.

Die Autorin errötet, stammelt, fragt nach einem Autogramm auf dem Album-Cover für ihren "Grandson" (Enkelsohn), Anthony unterschreibt artig, fragt, wie alt die älteste Tochter ist, murmelt "For your grandson?" und die Autorin verbessert schnell in "Godson" (Patensohn). Anthony lächelt und meint, er würde gerne bald Großvater werden, naja, blöderweise ist sein Sohn eben erst vier, das kann noch ein bisschen dauern. Ob ich gerne Oma werden möchte, fragt er. Na klar, später dann, wenn ich alt bin, aber wie gesagt, er findet die Idee, ein Kind von seinem Kind zu sehen, großartig. Wir reden noch ein bisschen über Frauen in den Vierzigern und Männer in den Vierzigern, aber das ist nun wirklich nicht mehr so spannend, oder?

Mit den Red Hot Chili Peppers sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de