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Polanskis Justizskandal-Film So kam Dreyfus in die Geschichtsbücher

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"J'accuse!" - "Ich klage an!" schrieb Émile Zola in seinem öffentlichen Brief an den französischen Präsidenten.

(Foto: © Guy Ferrandis)

"Die Römer gaben den Löwen Christen, wir geben ihnen Juden", sagt ein französischer Oberst, als der jüdische Offizier Dreyfus wegen Landesverrat verurteilt wird. Polanski hat mit "Intrige" die Geschichte des Mannes verfilmt, dem großes Unrecht geschah. Der Skandal erschütterte ganz Frankreich.

Der Regisseur Roman Polanski ist seit Jahrzehnten aus zweierlei Gründen in den Nachrichten - wegen seiner Filme, aber auch wegen Vergewaltigungs- und Missbrauchsvorwürfen. Sein neuestes Werk bekam bereits diverse Preise verliehen, wurde aber wegen Protesten gegen den mittlerweile 86-Jährigen auch schon aus dem Kinoprogramm genommen: "Intrige". Ein historischer Stoff: Polanski hat sich einen großen, wenn nicht gar den größten Justizskandal des 19. Jahrhunderts vorgenommen, der als Dreyfus-Affäre in die Geschichtsbücher einging.

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Alfred Dreyfus in seiner Zelle auf der Teufelsinsel, vor der Küste von Französisch-Guayana.

(Foto: © Guy Ferrandis)

Dabei geht es um den jungen jüdischen Offizier Alfred Dreyfus (Louis Garrel), der 1895 in Frankreich fälschlicherweise des Landesverrats beschuldigt, degradiert und zu lebenslanger Haft auf eine einsame Insel verbannt wird. Major Georges Picquart (dargestellt von Oscar-Preisträger Jean Dujardin, "The Artist"), Abteilungsleiter im Auslandsgeheimdienst, entdeckt bei seiner Arbeit aber diverse Ungereimtheiten und Unstimmigkeiten, geht ihnen nach und findet bald heraus: Dreyfus kann es nicht gewesen sein, er sitzt also unschuldig auf der Teufelsinsel.

Desinteresse, Ignoranz und Ablehnung

Mit diesen Erkenntnissen stößt Picquart aber auf allen offiziellen Ebenen - von Generälen bis hoch zum Kriegsminister - auf Desinteresse, Ignoranz und Ablehnung. Lass gut sein, ist doch nur ein Jude, er ist verurteilt, er sitzt weit weg in Haft, wen interessiert das noch? Piquart interessiert das. Obwohl er selbst "kein Judenfreund" ist, wie er sagt, ist es für ihn eine Sache der Ehre, den wahren Verräter zu finden und den unschuldigen Dreyfus zu rehabilitieren, ihm zu seinem Recht zu verhelfen.

Also geht er als eine Art Whistleblower des 19. Jahrhunderts mit seinen Informationen an die Öffentlichkeit. Der berühmte Autor Emile Zola schreibt daraufhin seinen legendär gewordenen Brief "J'accuse!" (so lautet auch der Filmtitel im französischen Original, deutsch: "Ich klage an"), der auf der Titelseite der Zeitung "L'Aurore" erscheint und großes Aufsehen erregt. Ein Brief, gerichtet an den französischen Präsidenten.

Hass bricht sich Bahn: Bücherverbrennungen und Ausschreitungen 09_Intrige_c_Guy_Ferrandis.jpg

Nach Zolas "J'accuse!" kommt es in Frankreich zu Bücherverbrennungen und Ausschreitungen.

(Foto: © Guy Ferrandis)

Die Folgen: Zola wird wegen "Diffamierung" angeklagt und verurteilt, geht daraufhin nach London ins Exil; es gibt Empörung und Demonstrationen im ganzen Land, Zolas Bücher werden verbrannt, es kommt zu antisemitischen Ausschreitungen, Schaufenster jüdischer Geschäfte werden beschmiert und eingeschlagen. Auch Picquart kommt in Haft. Erst Jahre später, nach erneuten Prozessen und einer Amnestie, kommen er und Dreyfus frei, werden wieder beim Militär aufgenommen. Dreyfus wird sogar Ritter der Ehrenlegion und Picquart Kriegsminister. Späte Rehabilitation nach Jahren der Schmach. Die Dreyfus-Affäre erschütterte und spaltete damals und lange danach die französische Gesellschaft.

Langsam und genau inszeniert

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Privat nicht ganz sauber: Picquart und seine Geliebte (Jean Dujardin und Emmanuelle Seigner) beim Ball.

(Foto: imago images/Prod.DB)

Polanski inszeniert "Intrige" sehr genau, sehr langsam - minutiös wird etwa die demütigende Prozedur der Degradierung von Dreyfus gezeigt - und sehr atmosphärisch: die Dielen knarren, die Schritte hallen, der Stoff raschelt, die Luft ist stickig. An Tempo und auch an Spannung gewinnt der Film im letzten Drittel, wenn sich die Ereignisse überschlagen mit "J'accuse", den Attentaten und Unruhen, dem neu aufgerollten Prozess.

Der Fokus des Historiendramas liegt nicht auf Dreyfus selbst, sondern auf dem Ehrenmann Picquart - privat ist der zwar auch nicht ohne Fehl und Tadel, denn er hat eine dauerhafte Liebesaffäre mit der Frau eines Beamten aus dem Außenministerium (dargestellt von Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner). Aber im Dienst ist er der Wahrheit, Ehre und Korrektheit verpflichtet, dazu steht er, auch wenn er damit aneckt und sein bisheriges Leben beim Militär aufs Spiel setzt. Folgender Dialog zeigt seine Geisteshaltung: "Sie befehlen mir, einen Mann zu erschießen und ich tue es. Wenn Sie mir danach sagen, Sie hätten sich im Namen geirrt, tut es mir leid, aber es ist nicht meine Schuld. So ist die Armee", sagt ein Major zu Picquart. Der erwidert: "Vielleicht Ihre Armee, aber nicht meine."

Deutliche Parallelen zu heute

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"Intrige" (französischer Titel "J'accuse", englischer Titel "An Officer and a Spy") läuft ab 6. Februar in Deutschland im Kino.

(Foto: Weltkino Filmverleih GmbH)

Auch wenn die skandalösen Vorkommnisse schon lange zurückliegen - die Bilder ähneln sich, die Wurzeln der folgenden Entwicklung über die 1930er-Jahre bis heute sind unübersehbar: die Bücherverbrennung, die Hetzjagd auf Juden, die antisemitische Stimmung, die schnelle und freudig angenommene (Vor-)Verurteilung. Bis heute erfordert es Mut, dem entgegenzutreten, gegen den Strom zu schwimmen, für die Wahrheit und Gerechtigkeit einzutreten und dafür vielleicht im Gefängnis zu landen oder sogar zu sterben.

Polanski, als Kind mit seiner Familie ebenfalls der Judenverfolgung ausgesetzt, nahm den historischen Stoff, der auf dem Bestseller "Intrige" von Robert Harris beruht, auch wegen des seit Jahren zunehmenden Antisemitismus auf. Generell sei die Geschichte eines Mannes, der zu Unrecht verurteilt wird, immer faszinierend - aber er behandele auch ein leider sehr aktuelles Thema, sagte er in einem Interview.

"Besonders wertvoll"

Auch aus diesem Grund wurde "Intrige" von der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) mit dem Prädikat "besonders wertvoll" ausgezeichnet: "In fast jeder Wendung, in fast jeder Szene kann man die Spiegelung aktueller Geschehnisse und politische Strömungen erkennen", heißt es in der Begründung.

Nicht die einzige Würdigung und Ehrung, die der Film bereits erfahren hat: Er gewann 2019 den Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen von Venedig, bei den französischen Prix Lumières bekam er den Preis für die Beste Regie. "Intrige" ist zudem für insgesamt zwölf Césars nominiert, darunter in den Hauptkategorien Bester Film und Beste Regie; Preisverleihung ist am 28. Februar.

Andererseits kocht die Debatte um Polanski nach neuen Vergewaltigungsvorwürfen in Frankreich wieder hoch; einzelne Kinos nahmen dort den Film daher wieder aus dem Programm. Die César-Akademie kommentierte Kritik an den Nominierungen Polanskis mit: "Wir sind keine Instanz, die eine moralische Haltung vertreten muss". Immerhin anderthalb Millionen Franzosen hätten den Film bereits gesehen.

"Intrige" startet am 6. Februar in Deutschland im Kino.

Quelle: ntv.de