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Gegen den Strom MGMT trotzen dem Hype

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Die MGMT-Urbesetzung: Andrew VanWyngarden (l) und Ben Goldwasser.

MGMT - das sind Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser. Nein, das waren sie. Denn mittlerweile ist aus ihnen eine fünfköpfige Band geworden. Mit ihrem Debütalbum "Oracular Spectacular" und Hits wie "Kids", "Electric Feel" oder "Time to Pretend" avancierten sie vor knapp zwei Jahren zum "next big thing" - eine Rolle, in die sich die Musiker mit der Wahlheimat New York aber so gar nicht fügen wollten. Zur Überraschung vieler beschritten MGMT stattdessen mit ihrem zweiten Album "Congratulations" neue Wege. Das Ergebnis präsentieren sie in diesen Tagen auf Europatournee - die letzten Deutschland-Termine wurden soeben absolviert. n-tv.de sprach mit Ben Goldwasser über die Last des Hypes, Lady Gaga und die Zukunft von MGMT.

n-tv.de: Euer letzter Videoclip zum Song "Congratulations" spielt in der Wüste. Wie fühlt es sich da nun im deutschen Schnee in Berlin an?

Ben Goldwasser: Ach, das ist ungefähr so wie da, wo ich aufgewachsen bin, nördlich von New York. Daher bin ich das gewohnt - im Gegensatz zur Wüste. Das ist schön hier.

In dem Video spielt ja ein Tier mit. War das ein Vogel, ein Dinosaurier oder was genau?

Nun ja, es hatte einen Schnabel. Von daher denke ich, dass es wohl eine Art Vogel war, der aber nicht fliegen konnte und keine Federn hatte. Aber genau weiß ich es nicht.

Jetzt ist es auf jeden Fall tot …

Ja, es ist tot. In dieser Welt jedenfalls.

Ihr seid mittlerweile schon seit März nahezu pausenlos auf Tour und seid eigentlich ständig gependelt - von den USA nach Europa, zwischendurch mal nach Australien, dann wieder in die USA und nach Europa … Reist ihr so gerne?

Ja, ich liebe es. Das Frustrierende daran ist nur, dass ich nirgends lange bleiben und die Gegend, in der ich gerade bin, nicht groß erkunden kann. Auch wenn ich etwas Zeit habe, will ich mich dann eben oft doch nur entspannen und ein wenig abhängen. Aber ich finde es toll, die ganzen unterschiedlichen Länder zu bereisen. Es macht Spaß zu sehen, wie unterschiedlich all die Orte zwar sind, es aber trotzdem überall eine coole Jugendkultur gibt.

Was sind die Unterschiede, wenn du eure Auftritte in eurer Heimat USA mit denen in Europa vergleichst?

Ich weiß gar nicht, ob es da so große Unterschiede gibt. Das ist eigentlich ziemlich ähnlich. Vielleicht sind die Leute in Europa unseren langsameren und psychedelischen Sachen etwas aufgeschlossener gegenüber. Aber in jüngster Zeit kommt das auch bei unserem Publikum in den USA immer besser an.

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Mittlerweile sind MGMT eine fünfköpfige Band.

Wie würdest du eine Show von MGMT heute charakterisieren?

Nun ja, die Band besteht immer noch aus den gleichen fünf Leuten wie in den vergangenen paar Jahren. Inzwischen haben wir zudem jemanden, der für uns Videoprojektionen macht. Das ist wirklich cool, weil er das alles live macht und der jeweiligen Show anpasst. Als wir populär wurden, hatten wir ja keine richtige Liveband. Das hat uns wohl nicht ganz zu Unrecht einige Kritik eingebracht. Wir mussten also etwas tun, um den Erwartungen an uns besser gerecht zu werden. Und ich denke, wir sind in diesem Jahr als Liveband richtig zusammengewachsen.

Eure früheren Liveauftritte sind sagenumwoben. Die dauerten in der Regel nur 15 Minuten und bestanden aus einem von euch variierten Soundloop. Damals wolltet ihr keine Popstars sein …

Das stimmt, als wir angefangen haben, wollten wir eigentlich nur nerven. Damals waren es ja nur ich und Andrew, und wir machten unsere Shows nur mit einem Laptop oder was wir sonst gerade hatten und an eine Verstärkeranlage anschließen konnten. Dann spielten wir ungeplant drauf los. Das war schon etwas ganz anderes als heute.

Das war also nur so ein Spaß-Ding …

Ja, das war lustig, aber nichts, was Leute dazu bringen würde, dafür Tickets zu kaufen, um es sich anzuschauen. Im Gegenteil: Hätten die Leute dafür Geld ausgegeben, wären sie richtig sauer gewesen. Damals ging es nur darum, dass zwei durchgeknallte und betrunkene Typen 15 Minuten herum springen. Das war lustig. Aber alles hat seine Zeit. Heute erwarten die Leute etwas anderes von uns, so dass wir die Sache ernster nehmen müssen.

Gemessen an diesen ersten Auftritten ist eure Karriere danach umso erstaunlicher. Mit eurem Debütalbum "Oracular Spectacular" wurdet ihr auf einmal zur Speerspitze des so genannten "Indietronic" ausgerufen. Was denkst du darüber?

Ich glaube, es gibt eine Gruppe von Leuten, die das, was wir machen, wirklich verfolgen. Aber das sind nicht die Leute, die uns als Speerspitze von was auch immer beschreiben. Uns wurde wohl irgendwie das Etikett verpasst, die Vorzeigekinder der hippen Brooklyn-Szene zu sein. Aber wir selbst sehen uns gar nicht als Teil davon. Uns ist diese Szene eher fremd und viel von dem, was da passiert, wirkt auf mich wie Fake. Was uns interessiert, ist ein echtes, psychedelisches Revival, bei dem die Leute ihren Geist öffnen und die Dinge hinterfragen. Das ist etwas anderes als diese Internet-Hype-Generation, der wir zugerechnet wurden.

So gefeiert zu werden, hat ja aber auch seine Vorteile. Zum Beispiel wurdet ihr für zwei Grammys nominiert. Allerdings scheint ihr euch auf dem Roten Teppich nicht gerade wohlgefühlt zu haben …

Stimmt, aber ab einem gewissen Punkt mussten wir ja die Verantwortung dafür übernehmen, etwas gemacht zu haben, das vielen Leuten gefallen hat. Inzwischen sind wir auch stolz darauf.

Das könnt ihr doch auch …

Ja, gleichzeitig ist es aber so, dass einige Leute nicht begriffen haben, wofür wir insgesamt stehen. Sie haben sich für einige unserer Songs, die zu Hits wurden, begeistert, und daher etwas anderes von uns erwartet. Ich denke, wir haben ein Stück weit die Wahl: Wir könnten dem nachgeben und den Leuten das geben, was sie wollen. Oder wir machen das, woran wir glauben und von dem wir hoffen, dass sich die Leute damit auseinandersetzen und es zu verstehen versuchen. Das ist, wofür wir uns entschieden haben. Und ich bin glücklich darüber. So viele Bands fangen an, den Leuten genau das zu geben, worauf sie aus sind, und sie kein bisschen herauszufordern. Nach ein paar Jahren sieht man, wie ausgebrannt und ideenlos sie sind. Wir indes hoffen, für viele Jahre dabei zu bleiben.

Dementsprechend habt ihr mit eurem zweiten Album "Congratulations", das ganz anders klingt als euer Debüt, viele Leute vor den Kopf gestoßen. War das Absicht?

Man muss einfach mal eins sehen: Die bekannteren Songs von unserem ersten Album wie "Kids" oder "Time to Pretend" haben wir geschrieben, als wir noch im College waren. Da waren wir noch ganz anders drauf. In diesen Songs geht es vor allem darum, der Realität zu entkommen und eine gute Zeit zu haben. Da haben wir uns einfach keinerlei Gedanken darüber gemacht, wie es ist, als Erwachsene in der wirklichen Welt zu existieren. Inzwischen mussten wir uns damit viel mehr auseinandersetzen. Ich glaube, wir klingen immer noch nicht total erwachsen. Aber wir wollen uns heute nicht dazu zwingen, Musik wie damals zu schreiben. Das ist einfach nicht mehr, wie wir fühlen.

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"Wir haben einfach den Musikgeschmack von jemandem, der in den sechziger Jahren aufgewachsen ist."

Viele eurer alten Fans scheinen das jedoch nicht zu verstehen. Im Internet wurdet ihr dafür teilweise sogar böse angefeindet. Schmerzt das?

Nein, nicht wirklich. Es gibt eine bestimmte Sorte von Menschen, die eine Meinung entwickeln, bevor sie etwas wirklich durchdacht haben. Und es gibt einfach viele Leute, die das Bedürfnis haben, in Blogs oder Foren alle an ihren Gefühlen teilhaben zu lassen. Da waren also diese Leute, die unser neues Album einmal oberflächlich gehört hatten und meinten, dass es total anders als unser Debüt ist - einfach ganz und gar nicht das, was sie erwartet hatten. Sie waren davon angepisst und wollten das allen mitteilen. Da kann ich schon nachvollziehen, warum auf einmal so viele Leute erklärt haben, wie furchtbar unser Album sei.

Also ist alles ein einziges großes Missverständnis?

Wir hatten jedenfalls nicht die Absicht, ein ohrwurmmäßiges Hit-Album zu machen. Die Leute, die es verstanden haben, haben sich damit eine Zeit lang ruhig auseinandergesetzt und nicht jedem sofort erzählt, was sie davon halten. Und diese Leute hören es heute immer noch. Manche kommen sogar bei Shows auf uns zu und sagen uns, wie viel ihnen das Album bedeutet. Das ist uns viel wichtiger: Die echten Menschen, die in der echten Welt interagieren - und nicht nur im Internet.

Du scheinst nicht so viel vom Internet zu halten …

Sagen wir es so: Das Internet ist ein wenig wie ein Auto. Typen, die normalerweise ganz ruhig und unauffällig sind, drehen durch, sobald sie hinter einem Lenkrad sitzen. Sie fangen an zu rasen und andere zu schneiden. Im Internet ist das ähnlich. Es gibt Menschen, die normalerweise unsicher sind und keine sozialen Kontakte haben, die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen.

Mit Pete Kember alias Sonic Boom von den legendären Spaceman 3 war der Produzent des Albums nicht gerade ein Nobody. Wie war die Zusammenarbeit?

Wirklich großartig. Wir hatten ziemlich großen Respekt davor, ihn zu treffen und mit ihm zu arbeiten. Wir waren nicht sicher, ob er das, was wir machen, wirklich mögen würde. Wir dachten, er wäre vielleicht zu ernst drauf, um sich auf ein wenig verrücktere Dinge einzulassen. Aber dann haben wir festgestellt, dass wir einen ähnlichen Sinn für Humor haben. Er ist zum Beispiel auch ein großer Fan von Devo. Und ich denke, er hat unsere Art, gleichzeitig witzig und ernst zu sein, verstanden. Aber allein die Tatsache, dass er mit uns gearbeitet hat, hat uns auch unter Druck gesetzt. Wir wollten einfach etwas machen, bei dem auch er stolz sein würde, Teil davon zu sein.

Respekt scheint ihr auch vor Brian Eno und TV-Personalities-Sänger Dan Treacy zu haben, denen ihr jeweils einen Song gewidmet habt. Ein anderes Lied auf "Congratulations" heißt "Lady Dada's Nightmare". Eine Hommage an Lady Gaga?

Der Titel ist nur eine Art Witz. Also, ja, es ist natürlich schon ein Wortspiel …

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Das aktuelle Album von MGMT ist "Congratulations".

Was hältst du von Lady Gaga?

Ich bin froh, dass es jemanden wie sie gibt. Dass es auf der Welt Menschen gibt, die so lächerlich sein wollen und sich auf so ein Niveau herablassen. Aber ich möchte nichts davon abhaben. Und das ist auch nicht die Musik, die ich mir persönlich anhören würde. Aber jeder nach seinem Geschmack.

Eine Person, von der ihr offenbar auch nicht allzu viel haltet, ist Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. Jedenfalls habt ihr seine Partei verklagt, weil sie euren Song "Kids" im Wahlkampf verwendete, ohne euch zu fragen …

Ja, eigentlich wollen wir uns als Band grundsätzlich aus Politik heraushalten. Es gibt schon genügend Beispiele von Musikern, die zu viel über Dinge plappern, von denen sie nicht allzu viel verstehen. Aber eine Sache, die uns wirklich am Herzen liegt, ist die der Zukunft des Musikgeschäfts und der Musikfans. Und wir sind überzeugt, dass es nicht richtig ist, wie Regierungen mit Musikpiraterie umgehen. Was uns bei der Sarkozy-Sache wirklich geärgert hat, war, dass sie unsere Musik in einem Wahlkampfspot illegal benutzt haben, während sie gleichzeitig ein Gesetz auf den Weg brachten, nach dem Leuten, die dreimal illegal Musik aus dem Netz heruntergeladen haben, der Internetzugang gesperrt werden kann. Das hat uns geärgert, weil es so heuchlerisch war.

Was ist dabei herausgekommen?

Wir haben uns am Ende außergerichtlich geeinigt. Die genaue Summe, die sie uns zahlen mussten, weiß ich gar nicht mehr. Wir haben das Geld jedenfalls gespendet.

Es gibt noch eine Person, über die wir sprechen sollten: Paul McCartney. Ihr seid große Fans von ihm und den Beatles und habt erklärt, dass ihr gerne mal mit ihm arbeiten würdet. Hat er reagiert?

Es war so, dass er in einem Interview gefragt wurde, mit welchen Musikern er sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnte. Da hat er unseren Namen genannt. Ich weiß nicht, wie ernst er das gemeint hat. Aber wenn es ernst gemeint war, würden wir natürlich liebend gerne mit ihm arbeiten.

Ihr wollt ja ohnehin schon bald zurück ins Studio. Wann geht's los?

Wir haben unser eigenes Studio in Brooklyn. Nach dieser Tour werden wir sicher erst mal eine kleine Auszeit nehmen. Vor dem Frühjahr werden wir also wohl nicht ernsthaft mit der Arbeit an einem neuen Album beginnen.

Wie werdet ihr dann klingen?

Schwer zu sagen, aber es könnte sein, dass wir einen stärkeren Livesound haben werden. Wir würden gerne mehr mit der ganzen Liveband aufnehmen. Und es könnte etwas poppiger ausfallen. Aber eigentlich will ich das gar nicht sagen, weil die Leute dann wieder etwas Bestimmtes erwarten. Es wird wohl kein Dance-Pop. Mehr Pop in der Tradition der Beach Boys oder der Beatles. Das ist für uns perfekte Popmusik, was daran liegt, dass wir einfach den Musikgeschmack von jemandem haben, der in den sechziger Jahren aufgewachsen ist.

Ihr tourt noch ein paar Tage weiter durch Europa. Aber Weihnachten seid ihr zu Hause oder?

Ja.

Was machst du an Weihnachten?

Ganz ehrlich, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.

Mit Ben Goldwasser von MGMT sprach Volker Probst

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Quelle: n-tv.de

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