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"Wind River" könnte mit einem Oscar ausgezeichnet werden.
"Wind River" könnte mit einem Oscar ausgezeichnet werden.(Foto: Wild Bunch)
Donnerstag, 08. Februar 2018

Mädchenleiche auf Eis: Schnee und Schweigen in "Wind River"

Von Anna Meinecke

Die Kälte ist nicht das Schlimmste, schlimmer ist das Schweigen. Im Film "Wind River" werden die Ermittlungen in einem Todesfall zur Charakterstudie. Jeder ist auf sich gestellt.

Alles ist weiß und trotzdem düster. In der Schneewüste von Wind River hört dich nicht nur keiner schreien, es kommt auch erst mal niemand, wenn du tot bist. Wind River ist ein Reservat von Native Americans im US-Bundesstaat Wyoming. Das Gebiet ist knapp dreimal so groß wie Mallorca. Die Polizeiwache hat genau sechs Beamte - so heißt es jedenfalls in dem nach dem Areal benannten Film. Soll heißen: Passiert dort ein Gewaltverbrechen, wird es wohl eher nicht aufgeklärt.

Cory Lambert will ein Tier jagen und findet eine Frauenleiche.
Cory Lambert will ein Tier jagen und findet eine Frauenleiche.(Foto: Wild Bunch)

Hätte Cory Lambert (Jeremy Renner) nicht ausgerechnet an diesem einen Tag, an diesem einen Ort nach herumstreifenden Raubtieren gesucht, hätte es wohl gedauert, bis jemand die türkisblaue Jacke im Schnee erspäht hätte und dann die junge Frau darin, fast noch ein Mädchen. Barfuß liegt sie da, viele Kilometer entfernt von jedweder Unterkunft. Cory ruft die Polizei, die verständigen das FBI, das lässt auf sich warten. Weite Wege, Schnee, Wyoming eben.

Jeder auf sich allein gestellt

Die Verstärkung trifft ein in Form der jungen Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen). Doch schon bevor die ihre Arbeit aufnimmt, lässt sich erahnen, was Jane später als Lektion zu hören bekommen wird: Hier braucht keiner auf Unterstützung warten, jeder ist auf sich allein gestellt. Die Einheimischen von Wind River sind nicht nur von der Außenwelt abgeschottet. Auch untereinander trennt sie ein Nebel des Schweigens, vielleicht trennt so einer sie manchmal gar von sich selbst. Cory jedenfalls wird von Motiven getrieben, die einzugestehen er nicht bereit ist. Und so schnell sich auch Verdächtige finden, schuldig sind sie nicht.

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"Wind River" ist für einen Oscar nominiert. Genau genommen geht es um eine Auszeichnung für Regisseur und Autor Taylor Sheridan. Für das Drehbuch zu "Hell or High Water" war er bereits im vergangenen Jahr nominiert. Auch "Sicario" stammt aus seiner Feder. Bei "Wind River" hat Sheridan nun auch Regie geführt - und für dieses Debüt könnte er von der Academy ausgezeichnet werden.

Die Stärke von "Wind River" ist nicht der brutale Mord - auch wenn seine Auflösung einen gewissen Voyeurismus durchaus befriedigt. Es ist auch nicht die dunkle Hintergrundgeschichte seines Stars, dem von Renner erstaunlich subtil gemimten Cory. Was "Wind River" packend macht, ist, wie Sheridan mit seelenruhiger Nüchternheit die Dinge im Unklaren lässt.

Spannend, ästhetisch, relevant

Welcher der Protagonisten ist eigentlich am besten informiert? Und hat jemand vielleicht Informationen, die er mit den anderen nicht teilt? Verfolgt einer von ihnen unlautere Absichten? Und in wessen Zuständigkeitsbereich fällt die Leiche überhaupt?

Mit "Wind River" positioniert sich Sheridan als einer, der auch in Zukunft gute Filme machen wird. Der Film ist auf smarte Weise spannend, ästhetisch und unaufdringlich relevant. Wieso hat Wind River nur sechs Polizisten? Wer kümmert sich um die Einheimischen, um die Native Americans, die bei absurden Minusgeraden nicht das Leben führen, dass sie zu führen gewohnt waren. Die nicht mehr umherziehen können, die Drogen missbrauchen und deren Töchter eines Tages nicht mehr nach Hause kommen.

"Wind River" startet am 8. Februar in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de