Verhängnisvoller TorschussEin verschossener Elfmeter bestimmt Josephs Leben
Von Solveig Bach
Vor Jahrzehnten scheitert Joseph bei einem saisonentscheidenden Elfmeter. Danach lebt er nur noch als Schatten, gezeichnet von seinem Versagen und unfähig, es hinter sich zu lassen. Doch dann weckt eine Begegnung Hoffnung. Und eine Diagnose zwingt ihn, endlich aufzuwachen.
Der letzte bekannte Panenka-Elfmeter ist erst wenige Wochen her. Mohamed Salah schoss ebenso wie Antonín Panenka 50 Jahre zuvor bei den Europameisterschaften in Belgrad gefühlvoll mittig ins Tor und Ägypten ins WM-Achtelfinale. Panenka selbst hatte mit diesem Schuss, der die Tendenz der Torhüter ausnutzt, in die linke oder rechte Ecke zu hechten, die Tschechoslowakei gegen Deutschland sogar zu Europameistern gemacht.
Insofern ist Josephs Spitzname eine anhaltende Demütigung. Denn der Held in Rónán Hessions Roman "Panenka" hat zwar genauso geschossen, der Torwart der gegnerischen Mannschaft rührte sich jedoch nicht und hielt den Ball. Das bedeutete vor 25 Jahren nicht nur den Abstieg des FC Seneca und das Ende von Josephs Fußballkarriere, sondern nach seiner Überzeugung auch den Niedergang seiner namenlosen Stadt und irgendwie ein inneres Sterben in Joseph.
Inzwischen 50 hat er weitergelebt und tut das bis heute, doch er ist ein Schatten seiner selbst. Seine Frau Lauren hat ihn nach Jahren des Bemühens um ein anderes Leben verlassen. Mit seiner erwachsenen Tochter Marie-Thérèse hat er erst wieder Kontakt, seit sie nach dem stillen Sterben ihrer Ehe mit seinem Enkel Arthur bei ihm eingezogen ist. Weil es mit der Fußballkarriere nichts geworden ist, sucht sich Joseph andere Arbeit und es scheint, sie kann nicht schwer und stumpfsinnig genug sein. Als Strafe für sein Versagen auf dem Platz und als Preis für die Depression, die er danach entwickelt.
Ein Haarschnitt und alles ist anders
Für die wenigen sozialen Kontakte, die er hat, geht er in die Kneipe seines Schwiegersohns, wo er auf die immer gleichen Männer trifft und die immer gleichen Gespräche führt. Das klingt langweiliger als es ist, denn bei Hession sind diese Treffen für alle Beteiligten eine verlässliche Verankerung in einem sonst eher tristen Alltag, in dem sich kaum jemand für ihre kleinen Leben interessiert.
Bei einem Friseurbesuch lernt Joseph Esther kennen und für einen Moment scheint es, als könne sich sein Leben noch wenden. Denn sie scheint etwas in ihm anzurühren, was er schon verloren glaubte. Voller Freundlichkeit schaut sie auf den Mann, der sein Scheitern zu einem Lebensthema gemacht hat, und stellt genau das infrage.
Wären da nicht die nächtlichen Kopfschmerzattacken, die Joseph auf dem Boden seines Badezimmers in die Knie zwingen. Eiserne Maske nennt er die unergründliche und unerbittliche Pein, die er wirklich mal ärztlich abklären lassen sollte. Als er das schließlich tut, ist das Ergebnis niederschmetternd.
Menschen wie Du und ich
Fünf Jahre nach dem Erscheinen auf Englisch ist "Panenka" in der Übersetzung von Andrea O'Brien nun bei Blessing und als Audioversion im Hörverlag auch auf Deutsch erschienen. Und man fragt sich ein bisschen, warum es so lange gedauert hat. Denn wie schon in seinem Debüt "Leonard und Paul" (Original: Leonard and Hungry Paul), einer Geschichte zweier unkonventioneller, sensibler Freunde, die durch kleine Veränderungen im Leben aus ihrer Komfortzone treten müssen, hat Hession auch in "Panenka" seinen präzisen und gleichzeitig liebevollen Blick auf seine eher unscheinbaren Figuren behalten.
Marie-Thérèse, die inzwischen alleinerziehende Mutter, ist zur stellvertretenden Filialleiterin in dem Supermarkt aufgestiegen, in dem sie zunächst selbst Kassiererin war. Nun kämpft sie mit ihrer neuen Rolle und dem Abstand, der sich daraus zu ihren früheren Kolleginnen ergibt. Dazu kommt der Schmerz über den jahrelang abwesenden Vater, den sie auch mit der neuen Nähe nur unzureichend heilen kann.
Esther hat sich nach einer gescheiterten Beziehung in die namenlose Stadt geflüchtet und die Sehnsucht nach Glück hinter sich zurückgelassen, wie den Wunsch nach einem Kind. Nun findet sie sich wieder in einer "unbenannten, undefinierten Beziehung", einem freien "Joker-Arrangement", das sie unerwartet glücklich macht und das so unschwer als eine zart beginnende Liebe zu erkennen ist.
Würde und Anmut
Und dann ist da natürlich Panenka, der Jahrzehnte seines Lebens verschenkt hat oder verpassen musste, je nachdem, wie man es sehen möchte. Und dem nun vielleicht nicht mehr viel Zeit bleibt, um zu fühlen, zu sprechen und zu leben.
Steffen Groth, bekannt unter anderem aus den "Wilsberg"-Krimis, liest Hessions Text mit einer Warmherzigkeit, die es leicht macht, diese Menschen zu mögen, sich in ihnen und ihren Erkenntnissen wiederzuerkennen. Er gibt Sätzen wie: "Verliert man erst den Glauben an sich selbst, betrachtet man sich rasch als Problem für die anderen", genug Leichtigkeit und gleichzeitig genug Bedeutung, um sie einsinken zu lassen.
Man könnte das ein wenig zu schlicht oder auch banal nennen, aber was Hession hier gelingt, ist eine tröstliche Geschichte. Eine Geschichte, die seinen Figuren so viel Würde und Anmut lässt, wie man eben in einer namenlosen Stadt haben kann, in der alle ihre Probleme irgendwo hineinstopfen, um sie irgendwann anzugehen oder einfach zu vergessen.
