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Neuer Style, neues Album: Los Angeles inspirierte Tokio Hotel zu einem "sehr elektronisch ausgefallenen" Album. "Kings Of Suburbia" erscheint am 3.10.
Neuer Style, neues Album: Los Angeles inspirierte Tokio Hotel zu einem "sehr elektronisch ausgefallenen" Album. "Kings Of Suburbia" erscheint am 3.10.(Foto: picture alliance / dpa)
Freitag, 03. Oktober 2014

Plüsch-Penis, Klick-Vagina, Autotune: Tokio Hotel sind zurück

Von Kai Butterweck

Fünf Jahre nach ihrem Album "Humanoid" meldet sich Deutschlands ehemalige Teenie-Band Nummer eins mit einem neuen Album zurück. Neu im Gepäck: sprießender Bartwuchs, Autotune-Klänge und jede Menge Ferkeleien.

Netzhemden, Plateau-Schuhe und wilde Manga-Frisuren: Vor dem Berliner Kino Babylon geht es Donnerstagmittag wild zur Sache - Tokio Hotel sind da! Plötzlich sieht sich die zu dieser Tageszeit noch tiefenentspannte Berlin-Mitte-Hipster-Szene mit Gestalten konfrontiert, die fast schon Angstgefühle auslösen: "Jesses, was issen hier los?", fragt eine Frau mit Buggy, während sie sich schützend vor ihr schlummerndes Kind stellt. Vor ihr steht ein auffallend feminin geschminkter junger Mann, der mit halbnacktem Oberkörper, kniehohen Lederstiefeln und Lackledermantel den Eindruck eines verirrten Venus-Dauerkartenbesitzers hinterlässt. Die Frau sucht schnell das Weite, der Leather-Boy verabschiedet sich nach dem siebten Selfie innerhalb einer Minute in Richtung Kino-Haupteingang.

Video

Zehn Minuten später ist er drin im Saal; mit ihm hundert weitere zappelnde Tokio-Hotel-Jünger und die Presse. Die Stars aber lassen auf sich warten. Ein zwanzigminütiger Einführungsfilm, drei Hörproben aus dem neuen Album "Kings Of Suburbia". Dann erst betreten die Gebrüder Kaulitz mit den beiden Schattenmännern Gustav Schäfer und Georg Listing den Saal. Ein hysterisches Kreischen und ein Blitzlichtgewitter, das dem eines Hollywood-Abends in nichts nachsteht, empfangen sie. Es dauert einige Minuten, bis die Musiker zu Wort kommen. Sie sind da, um Rede und Antwort zu stehen.

Feiern, Rauchen, Trinken in L.A.

Wie nicht anders zu erwarten, übernehmen Bill und Tom das Ruder. Der Standard-Drops ist schnell gelutscht. Man freue sich, wieder am Start zu sein, endlich könne man wieder in deutsche Brötchen beißen und der Ausblick auf ein Backstage-Pläuschchen mit Megan Fox am kommenden "Wetten-Dass?"-Samstag sei auch nicht zu verachten, so die beiden Party-Hengste aus Magdeburg, die es sich in den vergangenen Jahren hauptsächlich in Los Angeles gutgehen ließen.

Und wie sie das taten! Da wurde gefeiert, geraucht und getrunken; Beschäftigungen, die unüberhörbar als Inspiration für das neue Album dienten: "Wir waren oft bis morgens um sechs auf Tour und haben unsere Freiheit genossen. Deswegen ist das neue Album auch sehr elektronisch ausgefallen", erklärt Sänger Bill.

"Vorbild? Das ist uns Wurst!"

Musste das denn alles sein? Das Gerauche und Getrinke? Hat die Band nicht auch eine Vorbild-Funktion? "Das ist uns Wurst", sagt Bill. "Hallo?", wirft Tom ein. "Unsere Fans fangen doch nicht mit dem Rauchen oder dem Trinken an, nur weil wir das tun. Die wissen doch, dass das ungesund ist."

Nun gut. Und was ist mit den onanierenden Plüschfiguren, einer zur Vagina umfunktionierten Computer-Maus und angedeutetem Gruppensex? Die Video-Clips zu den Vorab-Songs des neuen Albums dürften selbst einer Miley Cyrus die Schamesröte ins Gesicht schießen lassen. Die Kaulitz-Brüder bleiben cool. Sie zucken nur verwundert mit den Schultern: "Der Pimmel des blauen Kuscheltiers ist mir erst später aufgefallen. Wir wollten ihn eigentlich heute auch hier haben, aber er kam nicht durch den Zoll", sagt Tom. Die Fans in den hinteren Reihen kreischen laut auf: Hier geht es um Kunst. Oder glaubt wirklich einer ernsthaft, dass Bills angedeuteter Fahrstuhl-Sex mit einem dickbäuchigen Mittvierziger im Video zu "Love Who Loves You Back" ein inoffizielles Outing darstellen soll?

"Liebe sollte grenzenlos sein"

"Gleichgeschlechtliche Liebe ist mir wichtig", sagt Bill zu dieser Szene. "Bei dem Video geht es aber um das allgemeine Bild. Liebe sollte grenzenlos sein." Ein Statement, das mit Applaus belohnt wird.

Die beiden Aushängeschilder haben sichtlich Spaß am Frage-und-Antwort-Spiel. Doch man sollte ihnen eine Pause gönnen. Die nächste Frage ist daher an Gustav und Georg gerichtet. "Fühlt ihr euch nicht ein bisschen außen vor?" Die Fans johlen. Dann wird es ruhig. Gustav nimmt das Mikro in die Hand und spricht folgenden Satz: "Das sind wir doch schon lange gewöhnt." Dabei huscht ein Lächeln über seine Lippen. Man kann es deuten, wie man will.

Anderthalb Stunden Fan-Gekreische, synthielastiger Autotune-Pop und mehr oder weniger gehaltvolle Infos über das neue Album sind genug. Nach Meinung von Bill Kaulitz wird "Kings Of Suburbia" "jeden begeistern, der über einen guten Musikgeschmack verfügt". Mein Geschmack verlangt jetzt nach "Ramones". Damit ist der Tag wieder im Gleichgewicht.

Quelle: n-tv.de