Musik

Jean-Michel Jarre, Godfather Wenn alles zusammenpasst

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Monsieur Jarre lässt bitten ...

Dieser Mann ist ein Phänomen: Er ist mittlerweile 67, sieht 10 Jahre jünger aus und ist immer noch neugierig wie ein Kind im besten Sinne. Für sein aktuelles Projekt "Electronica 1 - The Time Machine" trommelt er alte Freunde zusammen und junge Talente, und er geht neue Wege, wenn andere Kollegen in seinem Alter nur noch "Best-Of"-Alben zusammenkratzen. Zum Gespräch und zum Musikhören mit Jean-Michel Jarre treffen wir uns in Paris und in Berlin.

n-tv.de: Wir reden hier miteinander mit Aussicht auf die Berliner Philharmonie – wäre das nicht ein guter Ort für einen Auftritt?

Jean-Michel Jarre: Ja, ich habe schon mit meiner Managerin darüber gesprochen, dass das eine gute Idee wäre. (überlegt) Ich überlege gerade, ich war da schon mal, das ist doch rund, wie ein Amphitheater und mit viel Holz, oder?

Genau.

Und seit wann gibt es die Philharmonie?

Seit Anfang der 60er-Jahre.

Ich habe da schon "Oxygène" gespielt, jetzt fällt es mir wieder ein.

Dann kommen wir doch lieber zu deinem aktuellen Projekt: Vor einigen Wochen hast du dein neues Album "Electronica" in Paris vorgestellt. War es im Nachhinein okay für dich, dass du uns in dein Studio an der Seine gelassen hast?

Oh ja, das war eine super Sache, ich hatte so etwas zuvor noch nie gemacht. Dieses Projekt ist so speziell für mich, weil ich so viele andere Künstler involviert habe, dass ich es auch auf eine andere Art und Weise vorstellen wollte. Ich wollte das Projekt von Anfang an begleiten, verstehsz du, fast ein bisschen wie ein Kind …

… das nun laufen lernt.

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Bei der Hochzeit von Prince Albert und Charlene gab es Musik von JMJ.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ja, ich persönlich habe auf diesem Album zum Beispiel keine "second tracks". Ich meine damit, dass alle Stücke für mich gleichwertig sind, nichts davon wäre für die B-Seite. Ich stelle mir vor, dass du beim Anhören gedacht hast, dass dir zwei drei Stücke besonders gut gefallen …

… stimmt …

... welche?

Massive Attack, Little Boots, Air, Moby und Pete Townshend. Lauri Anderson fand ich witzig, Lang Lang überraschend, weil das sonst nicht wirklich meine Art von Musik ist.

Siesht du - und für mich sind alle Stücke toll, weil ich die Künstler so schätze! Außerdem bin ich in Gedanken ja schon beim zweiten Teil von "Elektronica", also beim nächsten Album, wo ich mit vielen weiteren Kollegen zusammenarbeiten werde. (überlegt) Das ist gut, dass du das sagst. Man weiß ja nicht, wie das bei anderen ankommt.

Wie war denn die Arbeit im Studio?

Die war so toll und unterschiedlich, wie man sich das nur wünschen kann. Ich wollte die anderen treffen - du kannst dir nicht vorstellen, wie  isoliert man als Musiker sein kann. Jeder hockt in seinem Studio und fuzzelt so vor sich hin, das ist nicht besonders inspirierend. Natürlich haben wir unsere Freunde und Familien, aber die sind nicht objektiv (lacht).

Haben die anderen Künstler sich nicht die Klinke in die Hand gereicht, als sie gehört haben, dass einige Kollegen zusammen mit Jean-Michel Jarre an etwas Neuem tüfteln?

(lacht) Keine Ahnung, vielleicht. Hoffentlich! Es sind jedenfalls ein paar Leute zusammengekommen. Aber das müsstest du die anderen fragen. Die Herausforderung für mich war, das Album so zusammenzustellen, dass man es auf der einen Seite gerne durchhört, dass es auf der anderen Seite aber auch so abwechslungsreich ist, dass die unterschiedlichsten Leute sich angesprochen fühlen können. Vielleicht wie ein Soundtrack für einen Film …

Es ist wie eine Komposition für ein Orchester: Es hat einen Anfang, einen Mittelteil und ein Schluss, richtig?

Ja, mit ein paar Überraschungen, aber ich hoffe, es ist nicht zu durcheinander.

Ich mag das, wenn man ein Album durchhören kann, und nicht nur einzelne  Songs rauspickt.  Ein bisschen oldschool vielleicht …

(lacht) Ja, aber das macht Sinn. Für einen Künstler ist das das Höchste, wenn jemand sich ein Album nach dem Ende gleich noch einmal anhören würde.

Nimmst du denn gerne Kritik an?

Hm, schwer. Ich glaube, ich fühl' die Musik zu sehr, als dass das, was ein anderer dazu sagt, für mich zählt. Also im Entstehungsprozess. Ich fühle, wie ich es machen möchte. Aber ich nehme ein langes "Fine-Tuning" vor, das kann dauern. Es ist vielleicht wie bei einem Film.

Was ist dir das Wichtigste an dem neuen Projekt?

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Der Tüftler beim Fine-Tuning ...

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Es ist eine Reise. Wir alle haben einen gefühlsmäßigen Zugang zu Musik, zu einem Sound. Wir haben alle ein Ziel. Jeder hat seine eigene Art und Weise, da ranzugehen. Leute wie Massive Attack, Moby, Air, die machen ja keine Musik, weil sie damit unbedingt in die Charts wollen. Es ist schön, wenn das passiert, aber es muss nicht sein. Es ist etwas anderes, was sie treibt, was uns alle antreibt, wir haben da etwas gemeinsam. Denn als ich mit dem Album anfing, als ich darüber nachdachte, da habe ich mich nicht gefragt, wer ist momentan am kommerziell erfolgreichsten, sondern es waren diese Künstler, die mir rein intuitiv einfielen.

Keine Zweifel?

Oh doch, ich hab' mich gefragt, was haben die alle miteinander zu tun, das kann auch in die Hose gehen, was eint sie? Aber ganz offensichtlich bin ich es, der sie alle eint. (lacht)

Ich fand es schön, mal wieder was von Moby oder Massive Attack zu hören …

Das ist interessant, dass du das sagst. Es ist doch so: Wenn man nicht permanent ganz oben ist, dann fragen immer gleich alle: Was macht eigentlich …? Als wäre man tot, oder faul. Dabei arbeitet man an neuen Dingen, und man kann auch nicht ständig ein neues Album haben oder auf Tour sein. Moby hat vor ungefähr einem Jahr ein neues Album veröffentlicht, und anscheinend nicht genug Aufmerksamkeit erhalten. (lacht) Weißt du, Erfolg und Pech im Leben eines Künstlers sind wie Zufälle, nein, wie Unfälle.   

Es gibt eine Flut von Neuerscheinungen, da ist es gar nicht leicht, stets auf dem Laufenden zu sein, da rutscht auch mal was durch. Es geht auch so schnell. Es wird so viel produziert.

Ja, deswegen geb' ich mir jetzt auch solche Mühe, mein Baby bekannt zu machen. Für mich, und für die anderen Künstler. Denn ich habe da so lange, vier Jahre, dran gearbeitet. Ich war drei Jahre nicht verreist (lacht) , hab' kaum Tennis gespielt - ich will nicht klagen - aber verstehst du, was ich meine? Es liegt mir am Herzen, ich will es nicht einfach so raushauen. Da fließt mein Herzblut! 

Merkt man gar nicht ...

(lacht)

Mein Foto von uns beiden in Paris auf Facebook hat jedenfalls viele Likes bekommen und Reaktionen wie: "Großes Kino!" oder "Ich bin ja nicht oft neidisch, aber …" Außerdem wurde uns geraten, beim nächsten Mal doch einen Kussmund zu machen ...

(lacht) Das ist zu lustig. Ich versteh' aber nicht, wie man zu viel Zeit auf diesen sozialen Kanälen verbringen kann. Beruflich macht das natürlich Sinn, aber sonst …

Wo nimmst du denn deine Ideen her, wenn du nun jahrelang im Studio eingeschlossen bist und nicht Ski laufen oder Tennis spielen oder verreisen kannst?

Die Inspiration ist überall. Ich finde zum Beispiel, dass dein Kleid ganz hervorragend zu der Farbe deiner Haare passt (lacht), das Geräusch des Windes, der Besuch einer Galerie, oder etwas, was ich im Radio höre, wenn ich Auto fahre - all diese Dinge kreieren etwas in mir.

Und Reisen?

Ja, reisen ist ein großes Privileg, das ist absolut essenziell. In meinem Fall bin ich losgefahren und habe die anderen Künstler besucht.

Gefahren?

Ja, ich liebe Bahnfahrten, zum Beispiel zu Tangerine Dream nach Wien. Ich liebe es, gemeinsame Momente zu schaffen, einen Augenblick der Intimität. Dazu gehört auch, langsamer zu reisen, dieses schnelle Hin und Her ist verrückt. Ich hätte das viel früher schon so machen sollen. (lacht) Wenn man in einem Bus durch ein Land fährt, dann zieht alles an einem vorüber. Mit einer gewissen Distanz, aber man hat Zeit, sich Gedanken zu machen. Ich liebe das.

Du sagtest in Paris, dass die deutsche und die französische elektronische Musik sich in vielem ähnlich wäre.

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Ja, weil sie eine gemeinsame Tradition haben - die klassische Musik: Sehr lange Stücke, keine  Worte, es ist definitiv nicht Pop. (lacht) Es gab eine Schwemme von amerikanischer oder auch britischer Musik, Rock, Pop, Blues, Jazz - und die E-Musik hat damit nichts zu tun, die hat eine ganz eigene Identität. Und das gab mir ein neues Selbstvertrauen.

Sind sich Frankreich und Deutschland näher gekommen?

Absolut. Es gibt eine große Freundschaft zwischen diesen beiden Ländern. Größer als zwischen anderen Ländern in Europa. Ihr Deutschen seid so offen, so wenig arrogant und großzügig. Das liebe ich an euch! 

Mit Jean-Michel Jarre sprach Sabine Oelmann

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Quelle: n-tv.de