Panorama

"Wendung zum Schlimmsten" Corona tobt durch das südliche Afrika

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Schnell nach Hause: Südafrika hat unter anderem eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.

(Foto: REUTERS)

Eine neue Corona-Welle zieht derzeit durch das südliche Afrika. Die Gründe sind die Jahreszeit, Virusvarianten und knappe Impfstoffe. Dazu kommen Verschwörungstheorien.

Ein bisschen fühlt es sich an, als habe das Coronavirus die Welt in den vergangenen Wochen noch einmal auf den Kopf gestellt. Während die Nordhalbkugel allmählich aufatmet, ächzt Afrika unter der dritten Corona-Welle. Beinahe täglich melden Länder südlich der Sahara neue Höchststände.

Sowohl Südafrika als auch seine Nachbarn Namibia und Botswana verzeichnen derzeit Inzidenzen im dreistelligen Bereich. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt den Winterbeginn im südlichen Afrika als einen Grund für das erhöhte Infektionsrisiko. Zwar klettern die Temperaturen tagsüber meist weiterhin auf mehr als 20 Grad. Abends kühlt es jedoch stark ab, das Leben spielt sich verstärkt in geschlossenen Räumen ab.

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Teststation in Windhoek.

(Foto: picture alliance / Xinhua News Agency)

Experten nehmen zudem an, dass die Virusvarianten zu dem drastischen Anstieg der Neuinfektionen und Todesfälle beigetragen haben - zumal die Beta-Variante zuerst in Südafrika identifiziert wurde. Wie präsent die Mutationen in den einzelnen Ländern sind, lässt sich jedoch nur schwer nachvollziehen. Vielerorts mangelt es an den nötigen Testmöglichkeiten. "Der hohe Anstieg in Afrika ist besonders problematisch", sagt WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Schließlich habe die Region am wenigsten Zugang zu Impfstoffen, Diagnostikmitteln und Sauerstoff.

Wie ein Buschfeuer

Besonders hart trifft es aktuell Namibia, eines der am dünnsten besiedelten Länder der Welt. Rund 2,5 Millionen Einwohner leben dort auf einer Fläche, die zweieinhalb Mal so groß ist wie Deutschland. "Die Mehrheit, wenn nicht sogar alle Namibier sind inzwischen auf die ein oder andere Weise von der Pandemie betroffen", sagte Präsident Hage Geingob bei einer Fernsehansprache am Dienstag.

Wie ein Buschfeuer hat sich das Coronavirus in den vergangenen Wochen in dem Land ausgebreitet. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt derzeit bei 298. Nur die Seychellen verzeichnen in Afrika einen höheren Wert. Epizentrum der dritten Welle in Namibia ist Windhoek. Mehr als die Hälfte aller Infektionsfälle des Landes wurden in der Hauptstadt gemeldet. Das Gesundheitssystem stehe kurz vor dem Zusammenbruch, berichten Ärzte. Besonders der Mangel an medizinischem Sauerstoff bereitet ihnen Sorgen. Auf Facebook hat ein Arzt die Einwohner von Windhoek zuletzt darum gebeten, private Atemgeräte zu spenden.

Dabei ist das Land lange vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen. Als Mitte März 2020 die ersten beiden Fälle in Namibia bekannt wurden, kappte die Regierung direkt sämtliche Flugverbindungen ins Ausland. Darauf folgte ein strikter Lockdown, der bis Anfang Mai galt. Mit Erfolg: Bis Anfang Juni 2020 verzeichnete Namibia insgesamt lediglich 25 Fälle. Inzwischen sind mehr als 1000 Neuinfektionen täglich die Norm. "Wir wurden weltweit für unsere effektive Reaktion auf die Pandemie gelobt", sagte Präsident Geingob. "In den vergangenen vier Wochen hat die Situation jedoch eine Wendung zum Schlimmsten genommen."

Die Regierung um Geingob hat ihren Kurs nun verschärft. Bis mindestens Ende Juni werden die Hotspots Windhoek, Okahandja und Rehoboth abgeriegelt. Bewohner dürfen die Region nur in Ausnahmefällen verlassen oder von außerhalb einreisen. Die Schulen bleiben in den besonders betroffenen Gebieten geschlossen. Nachts gilt eine Ausgangssperre, Spielhallen und Clubs dürfen nicht mehr öffnen, außerdem wurde der Alkoholverkauf weiter eingeschränkt. "Das Vergnügen von heute rechtfertigt niemals den Schmerz von morgen", mahnte der namibische Gesundheitsminister Kalumbi Shangula.

Südafrika ruft Alarmstufe 3 aus

Kurz nach Geingob kündigte auch der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa striktere Auflagen an. "Wir müssen nun schnell und entschlossen handeln", sagte er bei seiner Ansprache an die Nation. Für Südafrika gilt fortan wieder die Alarmstufe 3, die unter anderem eine nächtliche Ausgangssperre und Versammlungsbeschränkungen umfasst. Damit verfolgt das Land einen ähnlichen Kurs wie Namibia. Mit einem Wert von 115 ist die Sieben-Tage-Inzidenz in Südafrika zwar deutlich niedriger als im Nachbarland. Blickt man auf die Zahl der Neuinfektionen und Todesfälle, ist Südafrika jedoch das am stärksten betroffene Land in ganz Afrika. Seit Beginn der Pandemie haben sich dort rund 1,8 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, mehr als 58.000 Menschen sind an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben. Namibia zählt seit der vergangenen Woche mehr als 1000 Todesfälle.

Die Impfkampagnen laufen in beiden Ländern nur schleppend an, wenn auch aus verschiedenen Gründen. In Namibia haben bislang vier Prozent der Bevölkerung die erste Dosis erhalten. Knapp 200.000 Impfdosen stehen dem Land lokalen Medien zufolge derzeit zur Verfügung. Dass bisher nur etwa die Hälfte genutzt wurde, liegt offenbar an kursierenden Verschwörungstheorien. Die Flut an Fehlinformationen sei gewaltig, sagte der Politologe Graham Hopwood der Tageszeitung "The Namibian". "Wenn wir in dem Tempo weitermachen, haben wir bis Ende 2023 60 Prozent der Bevölkerung geimpft. Solange können wir nicht warten."

Millionen Impfdosen sind nötig

Südafrika wartet derweil auf weitere Impfstofflieferungen. Zwei Millionen Dosen, die für das Land vorgesehen waren, musste der Hersteller Johnson & Johnson wegen eines Produktionsfehlers vernichten. Das Ziel der Regierung, bis Ende Juni mindestens fünf Millionen Einwohner zu impfen, rückt in weite Ferne. Bislang haben rund zwei Millionen Südafrikaner die erste Impfstoffdosis erhalten. Das entspricht einer Quote von 3,5 Prozent.

Der gesamte Kontinent brauche auf der Stelle Millionen zusätzliche Dosen, sagt Matshidiso Moeti, Afrika-Direktorin der WHO. "Wir haben in Indien und andernorts gesehen, wie schnell Covid-19 zurückschlagen und Gesundheitssysteme überwältigen kann."

Seit Ende der Woche stuft das Robert-Koch-Institut neben Südafrika und Botswana auch Namibia als Virusvarianten-Gebiet ein. Wer nach einer Reise in eines der Länder nach Deutschland zurückkehrt, muss somit für 14 Tage in Quarantäne. Für den Süden Afrikas sind die aktuellen Entwicklungen auch wirtschaftlich ein schwerer Schlag - denn die Region hängt maßgeblich vom Tourismus ab.

Quelle: ntv.de

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