Panorama

Machtkampf der Kartelle El Chapo sitzt und in Mexiko tobt Krieg

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Polizeibeamte bewachen ein Massengrab im mexikanischen Bundesstaat Morelos. Die Toten waren höchstwahrscheinlich Opfer der Organisierten Kriminalität.

(Foto: REUTERS)

Als der mexikanische Drogenkönig El Chapo 2016 verhaftet wird, glauben die USA und Mexiko an einen Erfolg im Krieg gegen die Drogen. Doch stattdessen bricht ein blutiger Machtkampf um seine Nachfolge aus. Inzwischen registriert Mexiko historische Mordzahlen.

Für die Anti-Drogenbehörden in den USA und Mexiko ist der 8. Januar 2016 ein Tag des Sieges. Ein Tag des Sieges im Krieg gegen die Drogen, denn an jenem Freitag nehmen mexikanische Marineeinheiten Joaquín Guzmán fest, besser bekannt als "El Chapo" - zu Deutsch "Der Kurze". Nach zwei spektakulären Gefängnisausbrüchen wird ihm nach seiner Auslieferung derzeit in den USA der Prozess gemacht. Die Anklage wirft ihm unter anderem Drogenhandel und Mord vor.

Auf den Fahndungslisten beider Länder stand der heute 59-Jährige ganz oben, galt er doch als mächtigster Drogenbaron der Welt. Zwei Tonnen Kokain und Tausende Kilogramm Marihuana sowie Heroin soll sein Sinaloa-Kartell jeden Monat in die USA geschmuggelt haben. Tausende Menschen kostete das Milliardengeschäft das Leben.

Doch daran wird sich trotz El Chapos Festnahme nichts ändern - im Gegenteil.

Elf Jahre Krieg und kaum Erfolge

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Im Januar 2017 lieferte Mexiko El Chapo an die USA aus.

(Foto: REUTERS)

Der Krieg gegen die Drogen begann in Mexiko vor elf Jahren. Im Dezember 2006 entsandte der damals neugewählte mexikanische Präsident Felipe Calderón knapp 7000 Soldaten in seinen Heimatstaat Michoacán und ließ dort mehr als 2000 Marihuanafelder zerstören, annähernd 500 Kilogramm der Droge sowie Dutzende Waffen beschlagnahmen. Es war der Anfang einer landesweiten Jagd auf die Kartelle.

Nur wenige Monate später schlossen sich auch die USA der Initiative an. 2007 besuchte der damalige US-Präsident George W. Bush seinen mexikanischen Amtskollegen und sagte ihm seine Unterstützung zu. Seitdem flossen 2,5 Milliarden US-Dollar von Washington nach Mexiko-Stadt, um mexikanische Drogenfahnder sowie Staatsanwälte auszubilden und Ausrüstung für Militär und Polizei bereitzustellen. Die Strategie: Sie wollten der Schlange den Kopf abschlagen, sprich, die führenden Köpfe der Kartelle dingfest machen, um damit die Strukturen der Organisationen von oben zu zerstören.

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Ein Soldat bewacht in Tijuana beschlagnahmtes Marihuana.

(Foto: REUTERS)

Doch der Erfolg ist bisher gleich null, denn Zerstörung schafft weder Stabilität noch Frieden, sondern Unordnung und noch mehr Gewalt. Auch das Sinaloa-Kartell ist an der Festnahme von El Chapo nicht zerbrochen. Stattdessen hat sich die Verbrecherorganisation wie schon viele andere vor ihr in etliche kleinere Gruppen aufgesplittert, die im ganzen Land verteilt einen blutigen Kampf um die Nachfolge ihres früheren Anführers, Geld und Einfluss führen.

Historische Mordzahlen

Die Todeszahlen in Mexiko sind bezeichnend. Insgesamt 20.792 Morde wurden 2016 landesweit erfasst und damit 22 Prozent mehr als 2015. Im Vergleich zu 2014 beträgt der Anstieg sogar 35 Prozent. Die Zahlen nähern sich damit rasant dem Niveau von 2011, dem bisher tödlichsten in der Geschichte Mexikos.

Das neue Jahr bestätigt diesen Trend: Gleich 12 der 31 mexikanischen Bundesstaaten verzeichneten in den ersten beiden Monaten des Jahres 2017 historische Mordzahlen. Im März wurden landesweit 2020 Menschen getötet und damit so viele wie in keinem Monat seit Juni 2011. Von den 50 gefährlichsten Städten der Welt liegen derzeit gleich 8 in Mexiko. Die Zeitung "Norte de Ciudad Juárez" aus der gleichnamigen Grenzstadt stellte Anfang April ihre Arbeit ein, weil sie nach der Ermordung einer Reporterin, die über die Organisierte Kriminalität berichtet hatte, die Sicherheit ihrer Mitarbeiter nicht mehr garantieren konnte.

Wenig überraschend wurden die meisten Morde mit Schusswaffen begangen, und das, obwohl Mexiko über strenge Waffengesetze verfügt: Nur in einem einzigen Geschäft in Mexiko-Stadt gibt es legal Waffen zu kaufen. Nichtsdestotrotz haben Polizei und Armee seit 2007 landesweit zehntausende Schusswaffen sichergestellt, von denen mehr als 138.000 ihren Ursprung in den USA hatten. Der überwiegende Teil war den mexikanischen Sicherheitskräften von ihren US-Kollegen bereitgestellt worden. Zusätzlich nutzen die Kartelle ihre Schmuggelrouten seit einigen Jahren nicht nur für den Transport ihrer Drogen in die USA, sondern vermehrt auch für den von Waffen nach Mexiko.

Auch unter dem neuen US-Präsidenten wird sich an dieser Entwicklung aller Voraussicht nach nichts ändern. Zwar hat Donald Trump im Wahlkampf mehrfach versprochen, die "bad hombres" in Mexiko zu stoppen, aber mit der Fortsetzung des Kriegs gegen die Drogen würde er - obwohl Geschäftsmann - die Ursache der blutigen Auseinandersetzungen verkennen: die Nachfrage. In keinem anderen Land werden so viele Drogen konsumiert wie in den USA. Unter anderem Trumps Heimatschutzminister John Kelly schlug Anfang des Jahres aus diesem Grund einen Strategiewechsel vor, als er darauf hinwies, wie "peinlich" es sei, dass die USA nicht einmal versuchen, den Konsum zu reduzieren.

Quelle: n-tv.de

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