Panorama

Schulen dicht wegen Corona "Endlich mehr digitaler Unterricht"

Ein leeres Klassenzimmer. Foto: Sven Hoppe/dpa/Symbolbild

Die Klassenzimmer bleiben gerade leer.

(Foto: Sven Hoppe/dpa/Symbolbild)

Das Corona-Virus legt an Schulen in ganz Deutschland den Unterricht lahm. Millionen Schüler müssen zu Hause bleiben und irgendwie weiter unterrichtet werden. Vor welchen Herausforderungen die Schulen und Lehrer jetzt stehen und inwiefern die Krise auch eine positive Seite hat, erklärt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Herr Meidinger, die Schulen in Deutschland sind dicht. Wie kann Bildung trotzdem weiter funktionieren? Sind digitaler Unterricht oder E-Learning der einzige Weg?

Heinz-Peter Meidinger: Das ist natürlich die ganz entscheidende Frage, weil die Zeiträume so groß sind, dass man mit Sicherheit nicht einfach auf die Vermittlung von Unterricht und Schulstoff verzichten kann. Jede Schule muss die Wege gehen, die möglich sind, das ist eine große Palette. Digitale Lernplattformen gibt es nur in manchen Bundesländern, und unter dem großen Ansturm gehen die Server teilweise in die Knie. Manche Schulen arbeiten etwa mit Microsoft Teams, wo tatsächlich auch virtueller Unterricht mit Videokonferenzen möglich ist. Auch die gute alte E-Mail kommt jetzt wieder zu neuen Ehren. Es gibt die Möglichkeit, dass Lehrer einem Schüler eine E-Mail schicken, und der verbreitet das dann über Whatsapp. Und es gibt natürlich auch noch die ganz traditionellen Unterrichtsmethoden. Also dass man Arbeitsblätter zur Verfügung stellt, etwa auf den Homepages. Oder man könnte, wenn alle Stricke reißen, auch noch auf dem Postweg Arbeitsaufträge verteilen.

Welche Bundesländer sind gut aufgestellt, wo gibt es Nachholbedarf?

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Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

(Foto: Deutscher Lehrerverband)

Manche Länder haben in die Digitalisierung schon in der Vergangenheit deutlich mehr reingesteckt oder eigene Programme aufgelegt. Das sind besonders die wirtschaftsstarken Länder wie Baden-Württemberg, Bayern und zum Teil Hessen, während die finanzschwachen Bundesländer natürlich auch in die Schulen wenig investiert haben. Wir haben diese Unterschiede aber auch zwischen den einzelnen Schulen. Die eine wurde saniert oder hat einen Neubau bekommen, während es an anderen Schulen noch nicht mal funktionierendes WLAN gibt. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn man schon in der Vergangenheit hier mehr investiert hätte, auch in den Ländern, die finanziell klamm sind. Aber jetzt müssen wir mit dieser Situation zurechtkommen.

Konnten die Schulen auf so eine Situation wie jetzt überhaupt vorbereitet sein?

Lernplattformen wurden teilweise auch schon vorher genutzt - im Unterricht oder außerhalb, beispielsweise um einzelne Schüler, die länger krank waren, mit Materialien zu versorgen. Aber das hier ist natürlich eine ganz andere Hausnummer. Dafür gab es keinerlei Notfallpläne. Es war ja ein extrem kurzer Vorlauf. Am Donnerstag hatte der bayerische Ministerpräsident als Erster angekündigt, dass wahrscheinlich am Freitag Schulschließungen verfügt werden. Das hat uns in Bayern nur einen Tag Zeit gelassen, damit die Lehrkräfte mit ihren Klassen und Kursen vereinbaren konnten, auf welchen Wegen sie in den nächsten drei Wochen kommunizieren. In anderen Bundesländern ist selbst dieser Vorbereitungstag weggefallen. Da wurde überhaupt keine Entscheidung getroffen, ob Schulschließungen bevorstehen oder nicht. Insofern wurden wir alle kalt erwischt.

Glauben Sie, dass sich E-Learning jetzt schnell bundesweit durchsetzen wird?

Es wird auf jeden Fall einen Schub geben, weil natürlich die Bedeutung und die Notwendigkeit, digitalen Stoff zu vermitteln und digital Unterricht zu machen, uns allen vor Augen geführt worden ist. Grundsätzlich muss man aber sagen, dass der digitale Unterricht den Präsenzunterricht von der Wirksamkeit her nicht ersetzen kann. Schwierig wird es bei der individuellen Förderung, wo Lehrkräfte besonders schwächere Schüler in der Schule unterstützen, ansprechen und ermutigen können. Oder, wenn jemand abtaucht und nicht aufpasst, sie wieder in den Unterricht einzubeziehen. Das fällt ja alles weg. Deshalb hoffen wir natürlich darauf, dass in absehbarer Zeit wieder ein ordentlicher Präsenzunterricht in den Schulen möglich sein wird.

Bund und Länder haben 2019 den Digitalpakt Schule geschlossen, um die Schulen im ganzen Land fit fürs digitale Zeitalter zu machen. Wie sehen Sie Deutschland beim digitalen Unterricht insgesamt aufgestellt, auch im internationalen Vergleich?

Da fehlen mir die genauen Zahlen. Wir haben natürlich Länder, die da offenkundig besser aufgestellt sind, beispielsweise Estland. Das ist allerdings auch ein kleiner Staat, der sich da vielleicht ein bisschen leichter tut. Die europäischen Länder haben alle einen Nachholbedarf, glaube ich. Da sind wir jetzt nicht die Letzten, allerdings auch nicht vorne dabei. Jetzt ist mit Sicherheit ein großer Aufschlag nötig. Die Mittel aus dem Digitalpakt fangen jetzt langsam an zu tröpfeln, fließen kann man gar nicht sagen. Das läuft, aber jetzt ist allen klar geworden, dass dem Digitalpakt eins auch ein Digitalpakt zwei folgen muss.

E-Learning setzt auch voraus, dass am anderen Ende alles stimmt. Dass Schüler einen PC oder Laptop haben, schnelles Internet - das ist aber vielleicht nicht überall so.

Es gibt in der jetzigen Phase auf jeden Fall die Gefahr von weniger Bildungsgerechtigkeit. Erstens, weil Elternhilfe jetzt besonders wichtig ist. Vor allem Grundschüler sind auf Unterstützung der Eltern angewiesen. Da gibt es Eltern, die zu Hause präsent sind und helfen können. Andere können das nicht. Die andere Sache ist: Es gibt kaum Familien, in denen überhaupt kein Computer ist. Aber es gibt Familien, wo nur ein Computer ist, den in erster Linie die Eltern brauchen. Und es gibt Gegenden mit schnellem Internet, aber auch nach wie vor viele, wo es überhaupt kein Netz gibt. Da gibt es große Unterschiede und dadurch natürlich eine große Ungerechtigkeit. Wenn es jetzt nur ein paar Wochen sind, kann man das irgendwie ausgleichen. Aber wenn es für einen längeren Zeitraum so bleiben sollte, haben wir ein existenzielles Problem.

Wie wirkt sich die Schulschließung auf die anstehenden Prüfungen aus?

Die Schüler, die vor Abschlussprüfungen stehen, sind unsere größten Sorgenkinder, ob das jetzt der qualifizierte Hauptschulabschluss ist, die mittlere Reife oder das Abitur. Kann überhaupt die Abschlussprüfung selbst am geplanten Termin durchgeführt werden? Was ist mit jetzt mit noch fehlenden Klausuren und dem noch fehlenden Stoff, der bis zur Abschlussprüfung vermittelt werden sollte? Werden die Abituraufgaben, die ja eigentlich alle schon fertig sind, noch einmal überarbeitet und Stoff herausgeworfen, der erst am Schluss vermittelt werden sollte? Was ist mit den Schülern, die vorher "unterpunktet" haben, die also noch schlechte Leistungen ausgleichen müssen und die diese Klausuren jetzt gebraucht hätten, um zugelassen zu werden? Ich bin mir sicher, da rauchen zurzeit die Köpfe in den Ministerien. Es wird mit Sicherheit in erster Linie schülerfreundliche Lösungen geben. Aber trotzdem, es ist eine schwierige Kiste.

Bayern hat eine Verschiebung der Abi-Prüfungen beschlossen. Wird sich da jedes Land wieder eine eigene Lösung überlegen?

Die Termine sind natürlich teilweise sehr unterschiedlich und in jedem Land gelten andere Kriterien, wie Noten zu erstellen sind und welche Klausuren zu machen sind. Das heißt, es wird gar nicht anders gehen, als dass jedes Land jetzt versucht, mit der Situation umzugehen. Wobei man natürlich hoffen muss, dass es da nicht wieder zu neuen Ungerechtigkeiten über die bestehenden Unterschiede hinaus kommt.

Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender senden jetzt vermehrt Bildungsprogramme und bieten Schul- und Lernplattformen an, die "Sendung mit der Maus" läuft täglich statt wöchentlich. Kann so etwas auch helfen?

Das ist mit Sicherheit positiv. Es ist natürlich schwierig zu sagen, ob die Inhalte genau zum nötigen Stoff in den Bundesländern und Klassenstufen passen. Wir haben 50 verschiedene Schularten in Deutschland, 16 verschiedene Bildungssysteme, 20 verschiedene Schulfächer. Das alles zu bedienen, halte ich für schwierig. Es ist eine schöne Ergänzung und Unterstützung für die Eltern, aber bei dem, was wir jetzt machen müssen, stellt es keinen wesentlichen Faktor dar.

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Birgt die aktuelle Situation möglicherweise auch Chancen?

Ich finde es wichtig, dass Eltern, insbesondere von jüngeren Kindern, eine gewisse Struktur im Tagesablauf vorgeben, aber natürlich muss man sich nicht mehr an den Stundenplan halten. Da kann jetzt jeder seinen eigenen Takt finden. Die größte Chance ist aber, dass sich jetzt Hunderttausende von Lehrkräften in Deutschland mit digitalem Unterricht beschäftigen. Die sagen sonst vielleicht, an der Schule funktioniert das nicht so gut und eigentlich komme ich im Unterricht bisher gut zurecht. Warum soll ich mich mit Dingen wie Lernplattformen beschäftigen? Und jetzt ist ein unheimlicher Schub da, auch von den Schülern. Das sehe ich durchaus positiv.

Mit Heinz-Peter Meidinger sprach Johannes Wallat

Quelle: ntv.de