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B.1.1.7 auf dem Vormarsch Warum sind Inzidenzen bei Kindern so hoch?

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Kinder spielen eine Rolle im Infektionsgeschehen, aber wahrscheinlich keine Hauptrolle.

(Foto: imago images/Cavan Images)

Erneut steigen die Fallzahlen bei Kindern und Jugendlichen überdurchschnittlich stark, bei den unter 10-Jährigen war die Inzidenz noch nie so hoch wie jetzt. Warum das so ist, lässt sich nicht leicht beantworten, und das gilt auch für die Frage nach Schul- und Kita-Schließungen.

Seit Anfang Februar gehen die Neuinfektionen bei jungen Menschen unter 20 Jahren rasant nach oben, besonders auffallend ist der starke Anstieg bei Kindern bis 14 Jahre. Dies ist sicher zum Teil auf die Öffnungen von Schulen und Kitas zurückzuführen, erklärt die deutliche Zunahme aber nicht alleine. Das Gesamtbild ist viel komplizierter und rechtfertigt auch nicht unbedingt, Bildungseinrichtungen wieder zu schließen.

Die Zahlen für sich betrachtet, sind bedenklich. Bei den 0- bis 4-Jährigen ist die 7-Tage-Inzidenz seit der zweiten Februarwoche von 34 auf jetzt 125 pro 100.000 Einwohner gestiegen. Die Inzidenz der 5- bis 9-Jährigen hat von 37 auf 177 zugelegt, alleine in der vergangenen Woche um 49 Fälle. Ähnlich sieht es in der Altersgruppe der Kinder zwischen 10 und 14 Jahren aus, deren Inzidenz von 38 auf 152 Neuinfektionen angewachsen ist, bei den 15- bis 19-Jährigen kletterte sie von 60 auf 179 Fälle.

Die große Frage, die sich stellt, ist, wie viele Fälle davon tatsächlich auf Infektionen in den Schulen und Kitas zurückzuführen sind. So schreibt das RKI zwar im gestrigen Lagebericht, Covid-19-bedingte Ausbrüche beträfen zunehmend auch Kitas und Schulen. Allerdings ist damit nicht gesagt, dass sich die Kinder dort gegenseitig anstecken. Denn das RKI schreibt auch, dass das Infektionsgeschehen "besonders" auf private Haushalte zurückzuführen ist.

An Kitas passiert nicht viel

Aktuell beträgt der Anteil der in Kitas betreuten Kinder rund 70 Prozent bezogen auf die Zeit vor Pandemiebeginn. Im Dashboard der Corona-Kita-Studie des RKI sieht man, dass die Infektionsfälle und ausbruchsbedingte Kita-Schließungen mit Beginn der Weihnachtsfeiertage abreißen und seit Jahresanfang und trotz einer gestiegenen Betreuungsquote auf sehr niedrigem Niveau geblieben sind. Dabei erfasst das Dashboard nicht nur Infektionen von Kindern, sondern auch von Betreuungspersonal und Eltern.

In der letzten Februarwoche meldeten nur 4 Prozent der teilnehmenden Einrichtungen mindestens einen Infektionsfall, nur elf Kitas mussten mindestens für einen Tag dichtmachen. 3,4 Prozent der Kitas waren gezwungen, Gruppen für mindestens einen Tag zu schließen, nur bei 0,61 Prozent war es laut Dashboard nötig, die gesamte Kita zu schließen. Bei so einem Infektionsgeschehen kann man kaum davon ausgehen, dass die Kindergärten Ansteckungsherde sind.

Zu Schulen hat das RKI lediglich die Pandemieentwicklung im vergangenen Jahr analysiert. Im epidemiologischen Bulletin vom 1. April (online vorab) heißt es nach wie vor, Schülerinnen und Schüler (SuS) spielten eher keine Rolle als Pandemie-Motor, die Häufigkeit von Infektionen stehe bei ihnen in einer engen Beziehung zur Inzidenz in der Gesamtbevölkerung. Lehrerinnen und Lehrer (LuL) spielten dagegen vielleicht eine wichtigere Rolle, "vor allem im Vergleich zur jüngsten Altersgruppe."

Infektionszahlen an Schulen nicht außergewöhnlich

Aufgrund der Ausbreitung der Virus-Mutante B.1.1.7 könne sich dies aber ändern, so das RKI. Sie scheine in allen Altersgruppen übertragbarer zu sein. Und dies "könnte bei einer Ausbreitung ansteckungsfähigerer Varianten bedeuten, dass Schulen einen größeren Beitrag zum Infektionsgeschehen leisten könnten, was wiederum bei den Überlegungen zu Öffnungen berücksichtigt werden sollte."

Inzwischen ist die Mutante bereits die vorherrschende Sars-CoV-2-Variante in Deutschland, und die Infektionszahlen an Schulen haben laut Zahlen der Kultusministerkonferenz (KMK) angezogen. In der letzten Februarwoche wurden an deutschen Schulen 2795 SuS als infiziert registriert, in der vergangenen Woche waren es bereits 11.052. Dabei stieg allerdings die Gesamtzahl der für die Statistik berücksichtigten SuS wegen einer vermehrten Rückkehr in den Präsenzunterricht von rund 7,7 Millionen auf knapp 9,9 Millionen. Damit ist der Anteil der betroffenen SuS von 0,04 auf 0,11 Prozent gestiegen.

Lehrer stärker betroffen

Bei den LuL stieg die Zahl der Infizierten von 667 auf 1591, und die Anzahl der berücksichtigten Lehrkräfte legte von 858.000 auf 898.000 zu. Interessant ist, dass der Anteil der betroffenen Lehrer von 0,37 auf 0,77 Prozent gestiegen ist, also insgesamt deutlich höher ist.

Die Zahlen sprechen eher dafür, dass Schulen auch jetzt noch nicht als Pandemie-Motor betrachtet werden können. Das gilt auch für die Anzahl der Einrichtungen, die wegen Corona-Fällen Klassen oder Lerngruppen in den Fernunterricht schicken mussten. Mit 1025 von 28.686 Schulen ist sie angesichts der hohen Gesamt-Inzidenzen relativ gering. Es handelt sich nur um rund 3,6 Prozent der Schulen.

Soziales Verhalten möglicherweise entscheidender

Es deutet also einiges darauf hin, dass sich Kinder und Jugendliche zwar in den Kitas und Schulen anstecken, aber auch bei allen anderen möglichen privaten Gelegenheiten. Wo eine Infektionskette begonnen hat, zu Hause, beim Treffen mit Freunden oder in den Bildungseinrichtungen, ist dabei kaum zu unterscheiden.

Dass bei ihnen die Zahlen deutlicher als in anderen Altersgruppen steigen, hängt vermutlich zu einem guten Teil von ihrem stärkeren sozialen Verhalten ab. Und falls sie sich jemals seltener als Erwachsene angesteckt haben, scheint die Mutante B.1.1.7 jetzt keine Unterschiede mehr zu machen.

Hinzu kommt vielleicht, dass früher Kinder und Jugendliche fast nie getestet wurden, da dies die offizielle Strategie von Herbst bis Mitte Februar nur bei eindeutigen Covid-19-Symptomen vorsah. So fielen jüngere Jahrgänge öfter durch die Maschen, da immer noch wenigstens leichte Symptome für einen PCR-Test nötig sind. Junge Menschen haben aber sehr oft nur leichte Verläufe oder spüren von ihrer Erkrankung überhaupt nichts.

Schnelltests zeigen offenbar Wirkung

Mit den mehr und mehr regelmäßigen Schnelltests an Schulen und Kitas ändert sich die Situation. Durch sie werden auch symptomlos Infizierte gefunden, die sonst in keiner Statistik aufgetaucht wären. In Hamburg haben sich beispielsweise kürzlich an 370 von insgesamt 430 Schulen der Hansestadt rund 80.000 von 95.000 SuS freiwillig einem Schnelltest unterzogen. Bei 111 von ihnen gab es ein positives Resultat.

Das ist vor allem wichtig, um Infektionsketten zu unterbrechen, macht sich aber offenbar allmählich auch in den Statistiken bemerkbar. Im aktuellen Wochenbericht des RKI zur laborbasierten Surveillance sieht man, dass bei einer Stichprobe unter 74 Laboren die Test-Positivrate der 0- bis 14-Jährigen zuletzt angestiegen ist. Sie liegt jetzt quasi auf einer Höhe mit den 15- bis 34-Jährigen an der Spitze. Dies könnte zumindest zum Teil an Bestätigungen positiver Schnelltests durch PCR-Tests liegen.

Superspreader sind älter und schwerer

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Kinder und Jugendliche infizieren sich also ebenso wie Erwachsene und stecken auch andere an. Verharmlosen darf man die Inzidenzen nicht. Man muss den Betrieb an Schulen und Kitas absichern oder einschränken. Aber offensichtlich werden Kinder und Jugendliche kaum zum Superspreader, infizieren also nur sehr selten viele Menschen. Warum ist das so? Die Forschung ist in dieser Hinsicht noch zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Es gibt allerdings eine Harvard-Studie, die festgestellt hat, dass die Menge der ausgestoßenen Aerosole unter anderem von Gewicht und Alter eines Menschen abhängt.

Von 194 Studienteilnehmern produzierte alleine ein Fünftel 80 Prozent aller Aerosole im Versuchsraum. Und von dieser Gruppe setzten 18 besonders viele Kleinstpartikel frei. Die Zahl der Aerosole nahm mit zunehmenden Alter und Body Mass Index (BMI) zu. Und: Die Testpersonen unter 26 Jahre mit Normalgewicht produzierten am wenigsten Aerosole. Dies Ergebnis entspricht auch einer Stichprobe, die RTL-Reporter für das Magazin "Extra" kürzlich unter Passanten machte. Es lohnt sich also, in diese Richtung weiterzuforschen.

Quelle: ntv.de

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