Panorama

Corona-Dystopie Australien Ist No-Covid endgültig gescheitert?

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Berittene Polizisten am Strand - mit strikten Lockdowns versucht man in Australien, die Delta-Variante einzudämmen.

(Foto: imago images/AAP)

Das No-Covid-Konzept steht für kurze, aber konsequente Lockdowns, um Corona-Ausbrüche im Keim zu ersticken. In Deutschland wird die Idee zwar gefordert, aber nie umgesetzt. Als Vorbild dient lange Australien - doch mittlerweile stößt die Strategie im einstigen Musterland an ihre Grenzen.

Australien und Neuseeland waren Anfang des Jahres noch Corona-Sehnsuchtsorte für Deutsche. Die Zahlen der Infizierten und Toten waren im internationalen Vergleich gering, es gab kaum Einschränkungen. Beide Länder hatte auf eine No-Covid-Strategie gesetzt: Ausbrüchen wurde mit kurzen, aber harten Lockdowns und intensiver Kontaktverfolgung begegnet. Eine Gruppe namhafter Wissenschaftler forderte im Januar dasselbe für Deutschland, welches zu dieser Zeit durch eine der schwersten Phase der Pandemie schritt. Doch der Ansatz, Lockdowns nur auf betroffene Regionen zu beschränken und erst nach Erreichen einer niedrigen Inzidenz zu beenden, konnte sich in Deutschland nie durchsetzen.

Mittlerweile ist Australien jedoch von der einstigen Corona-Utopie zu einer Corona-Dystopie mutiert. Die Bundesstaaten des Landes schotten sich voneinander ab, denn die Delta-Variante hat den Kontinent erreicht. Reporter berichten von Polizeiautos, die Highways bewachen, um Menschen aus Covid-Zonen daran zu hindern, in andere Gebiete zu fahren. Bei Verstößen drohen hohe Geldstrafen. Selbst Nebenstraßen und Feldwege über die Staatengrenzen sind verbarrikadiert. In der Bevölkerung macht sich Unmut breit. Doch Proteste in den Großstädten werden von der Polizei konsequent aufgelöst. Einer der Organisatoren erhielt jüngst eine Haftstrafe von acht Monaten.

Zwar sind noch die meisten Bundesstaaten Australiens so gut wie coronafrei. Die seit März 2020 weitgehend geschlossenen Außengrenzen konnten das Einsickern von Sars-CoV-2 aus dem Ausland lange bremsen - aber eben nicht ganz verhindern. Im südöstlichen Bundesstaat New South Wales mit der Millionenstadt Sydney konnte sich die Delta-Variante mittlerweile festsetzen. Die dortige Regierung bekommt die Lage trotz strikter Maßnahmen nicht in den Griff. Seit mehr als zehn Wochen dauert der Lockdown für die Metropolregion Sydney an. Ende Juli wurde sogar das Militär in Marsch gesetzt, um die Maßnahmen durchzusetzen. Dennoch meldet der Bundesstaat immer noch mehr als 1000 Neuinfektionen pro Tag, auch wenn die Tendenz zuletzt rückläufig ist.

"Unmöglich, Delta-Variante zu eliminieren"

Die Regierung der Region New South Wales räumte nun ein, dass Australiens No-Covid-Strategie gescheitert sei. "Es ist unmöglich, die Delta-Variante zu eliminieren", sagte die Premierministerin von New South Wales, Gladys Berejiklian, vor gut einer Woche. Bisher sei ihr Bundesstaat erfolgreich darin gewesen, andere Varianten unter Kontrolle zu bringen. "Aber die Delta-Variante ist ein Wendepunkt - und jeder Bundesstaat in Australien wird früher oder später damit leben müssen."

Was aber auch zum Bild gehört: Die Impfquote in Australien ist noch immer sehr niedrig. Ende August hatten im schwer betroffenen Bundesstaat New South Wales erst rund 37 Prozent der Bevölkerung eine zweite Impfdosis erhalten. In ganz Australien waren es zuletzt gerade mal 31 Prozent, was nur knapp über dem globalen Durchschnitt liegt. Jüngst sicherte sich Australiens Premierminister Scott Morrison in einer umstrittenen Aktion eine halbe Million Impfdosen vom internationalen Covax-Programm, das eigentlich für Entwicklungsländer gedacht ist. Morrison hatte die Corona-Politik seiner Regierung lange als weltweiten "Goldstandard" verteidigt. Mittlerweile gerät er wegen der Lage immer stärker unter Druck.

Auch in Neuseeland geriet Premierministerin Jacinda Ardern mit ihrem No-Covid-Ansatz in die Defensive. Im August war in der neuseeländischen Stadt Auckland erstmals nach einem halben Jahr eine inländische Ansteckung nachgewiesen worden. Der Fall wuchs sich zu Neuseelands größtem Infektionsherd seit Beginn der Pandemie aus. Es folgte ein landesweiter Lockdown, der mittlerweile jedoch nur noch auf das Epizentrum Auckland beschränkt ist. Dennoch: War das Leben der Neuseeländer vor dem neuen Ausbruch beinahe wieder normal, kündigte Ardern zuletzt neue Maßnahmen an. Veranstaltungen in geschlossenen Räumen sollen auf 50 Menschen beschränkt werden. An vielen Orten wird das Tragen von Masken und das Verwenden von Rückverfolgungs-Apps zur Pflicht.

China dämmt Delta erfolgreich ein

China setzt ebenfalls auf eine radikale Unterdrückung von Ausbrüchen - und das trotz der auch dort präsenten Delta-Variante weiterhin mit Erfolg. So hatte das Land den größten Ausbruch seit einem Jahr innerhalb von rund vier Wochen bis August in den Griff bekommen. Die Volksrepublik greift dabei auf Massentests ganzer Millionenstädte, Kontaktverfolgung, Zwangsquarantäne, Ausgangssperren und die Abschottung zum Ausland zurück. Wer überhaupt noch einreisen darf, muss nach der Ankunft drei Wochen in eine Quarantäneeinrichtung. Andere Beispiele, in denen ein ähnliches Vorgehen wie No-Covid bisher Erfolg hatte, sind Hongkong und Taiwan.

Doch Chinas konsequentes Handeln hat auch seinen Preis: Die strikten Maßnahmen im August hatten die Wirtschaft des Landes verunsichert, vor allem den Dienstleistungssektor. Zwar erholte sich die Stimmung wieder - doch ob es der letzte Corona-Ausbruch in China gewesen sein wird, ist angesichts der hohen Übertragbarkeit der Delta-Variante mehr als fraglich.

In Deutschland wird das mutmaßliche Scheitern der No-Covid-Strategie in Australien sehr unterschiedlich kommentiert. Ex-Familienministerin Kristina Schröder schrieb auf Twitter: "'No-Covid hat den Realitätstest etwa so gut bestanden wie der Kommunismus - das gefällt mir." Widerspruch kam von SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. "Auch wenn #NoCovid jetzt nicht mehr funktioniert, hat es Hunderttausende Menschen vor dem Tod bewahrt, und die Länder bis zur Impfung gebracht", schrieb er auf Twitter. Auch die Genfer Virologin Isabella Eckerle verteidigte auf Twitter den Ansatz: Länder, in denen No-Covid galt, hätten kaum Todesfälle, weder Long Covid noch Schulschließungen und "praktisch ein normales Leben" gehabt. Tatsächlich kam Australien mit bisher rund 64.000 Infektionen und etwas über 1000 Todesfällen bei rund 25 Millionen Einwohnern international bisher sehr glimpflich davon.

"Ansatz nicht grundsätzlich gescheitert"

Der Wissenschaftler Matthias Schneider, einer der Mitinitiatoren der deutschen No-Covid-Initiative, sagte kürzlich gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, dass er den Ansatz nicht grundsätzlich als gescheitert ansehe. Man habe nie behauptet, dass das Virus verschwinden werde, so Schneider. No-Covid bestehe vielmehr darin, die Gefährdung für die Bevölkerung möglichst gering zu halten, bis genügend Menschen geimpft seien. Zumindest bei der Alpha-Variante seien Australien und Neuseeland insgesamt erfolgreich gewesen. Er hätte sich gewünscht, No-Covid in Deutschland zumindest auf regionaler Ebene testen zu können.

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Allerdings dürfte es in Australien noch eine Weile dauern, bis eine hohe Impfquote die geltenden Maßnahmen nach und nach überflüssig machen wird. Größere Lockerungen des Lockdowns soll es im Bundesstaat New South Wales erst geben, wenn 70 Prozent der Bevölkerung zwei Impfdosen erhalten haben. Dies soll voraussichtlich im Oktober der Fall sein. Der Bundesstaat Westaustralien mit der Metropole Perth wird wohl erst im kommenden Jahr wieder seine geschlossenen Grenzen zum Rest des Landes öffnen - wenn 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung geimpft seien, sagte Regional-Premierminister Mark McGowan.

Ob gescheitert oder nicht: Der Ansatz, mit einer No-Covid-Strategie die Fallzahlen bis zum Erreichen einer hohen Impfquote gering zu halten, bleibt auf dem Papier verlockend. Doch wäre das in Deutschland überhaupt machbar gewesen? Kritiker von No-Covid argumentieren, dass nur autoritäre Staaten und Demokratien, die auf Inseln liegen, diese radikale Strategie erfolgreich umsetzen könnten. Und neben der Machbarkeit stellt sich auch die Frage, ob man beide Maßnahmen - kurze, konsequente Lockdowns und gleichzeitig ein hohes Impftempo trotz weniger Fälle - der Bevölkerung überhaupt vermitteln könnte.

Quelle: ntv.de

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