Panorama

Sexueller Missbrauch Kommission erschüttert über das Ausmaß

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Die Wunden heilen niemals richtig.

(Foto: imago/blickwinkel)

Sie werden als Kinder sexuell missbraucht, doch niemand glaubt ihnen, niemand hilft. Das ist ein erstes, erschütterndes Ergebnis der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

Zuletzt war es ein Fall in Lübeck, der bundesweit Aufmerksamkeit erregte. Ein Vater vergewaltigte seine damals zweijährige Tochter mehrfach gemeinsam mit einem anderen Mann. Den Missbrauch an dem sich verzweifelt wehrenden und vor Schmerzen schreienden Kind zeichneten sie mit Handykameras auf, um die Videos im Internet zu verbreiten. Den Tätern wird jetzt der Prozess gemacht, ihnen drohen hohe Strafen. Doch was ist mit dem missbrauchten Kind?

Um den Opfern, die oft noch nach Jahrzehnten unter diesen Taten leiden, eine Stimme zu geben, wurde im vergangenen Jahr die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs eingerichtet. Heute legt sie ihren ersten Zwischenbericht vor. "Der Bericht ist tief erschütternd", sagte der Missbrauchsbeauftragte des Bundes, Johannes-Wilhelm Rörig, schon vor der Veröffentlichung. Er gebe einen intensiven Einblick in das Leid missbrauchter Kinder und das Versagen ihres Umfelds.

"Manche Betroffene haben zum ersten Mal über ihre Erlebnisse gesprochen", betonte Rörig. Seit dem Start meldeten sich demnach bei der Kommission rund 1000 Betroffene und andere Zeitzeugen für eine vertrauliche Anhörung. Davon fanden bisher rund 200 statt. Zusätzlich gingen 170 schriftliche Berichte ein. Die Kommission untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik und in der DDR.

Warum schweigen die Mütter?

Aus der kriminologischen Forschung ist bekannt, dass die meisten Missbrauchstaten im nahen Umfeld stattfinden. Deshalb legte die Kommission einen ersten Schwerpunkt auf sexuellen Missbrauch in der Familie. Die bittere Erkenntnis der ersten Untersuchungen: "Kinder haben oft keine oder erst spät Hilfe erfahren, weil Familienangehörige zum Teil lange etwas von dem Missbrauch wussten, sie dennoch nicht davor schützten und handelten."

Dabei stehen besonders die Mütter im Fokus. Sie treten nach den Erkenntnissen der Kommission auch vereinzelt als Täterinnen auf, viel öfter seien sie aber Mitwisser und damit auch Unterstützer der Taten. Mütter können viele Gründe für das Dulden des Missbrauchs haben, häufig sind es Abhängigkeiten von dem Missbrauchenden, erlebte Rechtlosigkeit, Ohnmachtserfahrungen und Gewalt in der Partnerschaft. Oft spielen auch die Angst vor dem Verlust des Partners oder der gesamten Familie sowie eigene Missbrauchserfahrungen in der Familie eine Rolle. Besonders bitter für die Opfer: In den wenigsten Fällen haben die Mütter ihren Kindern geglaubt und sie vor weiterem Missbrauch geschützt.

Auch von außerhalb der Familie bekommen Betroffene kaum Hilfe. Zu groß scheint das Tabu, sich in die Angelegenheiten einer Familie einzumischen. Die Kommission kommt deshalb zu dem Schluss, dass sich ihre Aufarbeitung mit der Wirkung gesellschaftlicher Vorstellungen von Familie sowie der Rolle von Eltern und anderen Angehörigen befassen müsse. "Zu klären ist auch, welche Bedeutung das Dilemma zwischen dem Schutz der Privatsphäre und der Aufgabe des staatlichen Wächteramtes hat."

Gleich mehrfach Opfer

Rörig beklagt, dass die Zahl der Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch bisher nicht zurückgegangen ist. "Wir haben eine ungebrochen hohe Fallzahl. Jedes Jahr gibt es mehr als 12.000 Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs. Das Dunkelfeld ist noch sehr viel größer", sagte der Missbrauchsbeauftragte der Regierung.

In den Anhörungen und schriftlichen Berichten ist nach Ansicht der Experten auch deutlich geworden, dass viele Menschen nicht nur einmal Opfer werden. So berichten Menschen von sexuellem Missbrauch in der Familie und von parallel oder später stattfindendem Missbrauch im Heim oder in der Schule. Oder es findet Missbrauch in der frühen Kindheit durch den Großvater und in der späteren Kindheit durch den Vater statt. Auch der Zugang zu rituellen oder organisierten Gewaltstrukturen erfolgt nicht selten über die Familie.

Die Folgen der Übergriffe sind oft verheerend. Es bestehe längst noch kein Bewusstsein dafür, "in welchem Ausmaß sexueller Kindesmissbrauch auch das spätere Erwerbsleben beeinträchtigen kann und welche erheblichen sozioökonomischen Einschränkungen damit verbunden sein können". Konkret heißt das, dass viele Missbrauchsopfer im Erwachsenenalter arm sind. "Es bedarf der Verantwortung der gesamten Gesellschaft, damit Betroffene nicht länger an strukturellen und finanziellen Hürden scheitern, sondern schnelle und passende Hilfen und Unterstützung erhalten."

Scharfe Kritik übte Rörig an Politik und Zivilgesellschaft. Nach den ersten großen Missbrauchsskandalen sei die Aufmerksamkeit groß gewesen. Doch das habe sich mittlerweile geändert: "Politik und Gesellschaft sind in den letzten Jahren abgestumpft, viele verdrängen die Missbrauchsopfer, sie schauen wieder weg." Die Bekämpfung des Missbrauchs sei in der Zeit der großen Koalition "auf politischer Sparflamme" gelaufen.

Quelle: ntv.de